Mitten in Wien

Polizei sprengt brutalen Ring von Menschenhändlern

Österreich
23.11.2011 15:16
Nach mehr als einem Jahr Ermittlungsarbeit hat die Polizei einen in Wien operierenden bulgarischen Menschenhändler-Ring gesprengt. Sieben Bulgarinnen und Bulgaren, alle miteinander verwandt oder verschwägert, sollen in ihrer Heimat Frauen und Männer rekrutiert und sie dann zur Prostitution oder zum Betteln gezwungen haben. Dabei dürften sie teilweise mit erschreckender Brutalität vorgegangen sein.

"Die Opfer zeigten bei unseren Vernehmungen eine irrsinnig große Angst", schilderte Claudia Dannhauser vom Wiener Landeskriminalamt den Verlauf der Ermittlungen. Dazu kam, dass sich viele nicht als Opfer sahen. Die mutmaßlichen Täter waren bei ihren weiblichen Opfern nämlich nach der "Loverboy"-Methode vorgegangen. Sie umgarnten die Frauen in Montana, dem ärmsten Gebiet Bulgariens, gingen mit ihnen Beziehungen ein und lotsten sie so nach Österreich. Für die "gemeinsame Zukunft" sollten sie hier auf den Strich gehen.

Halfen die Versprechungen auf diese Zukunft nichts, wendete die Bande brutalste Methoden an: Die Polizei bekam von Kopf bis Fuß blau geschlagene Frauen zu sehen. "Viele haben schon zugegeben: 'Ja, ich wurde ausgebeutet.' Aber erst bei der Einvernahme", so Dannhauser.

Die vier männlichen Tatverdächtigen sorgten für immer neue Opfer, wie Gerald Tazgern, Leiter der Zentralstelle Menschenhandel im Bundeskriminalamt, berichtete. "Teilweise hatten sie mehrere Beziehungen gleichzeitig, wo die eine Frau von den anderen nichts wusste." Die weiblichen Inhaftierten kassierten genauso ab wie ihre männlichen Verwandten und passten auf, dass die Prostituierten tatsächlich arbeiteten.

Frauen mussten ohne Pause anschaffen
Wie sich weiter herausstellte, mussten die Frauen rund um die Uhr anschaffen: Tagsüber standen sie im Stuwerviertel in Wien-Leopoldstadt bzw. in der U-Bahn-Station am Westbahnhof. Abends mussten sie in bordellähnlichen Betrieben weiterarbeiten. Der Standort am Westbahnhof dürfte mit der Zerschlagung der Gruppe nun stillgelegt worden sein, so die Polizei. Insgesamt wurden 31 Opfer ermittelt, darunter eine Minderjährige im Alter von 17 Jahren sowie eine geistig Behinderte.

Sechs mutmaßliche Täter wurden in Österreich festgenommen, für einen klickten in Bulgarien die Handschellen. Die 19- bis 43-Jährigen besitzen in ihrer Heimat Bulgarien Immobilien und Geldbeträge fragwürdiger Herkunft. Das Vermögen soll nun beschlagnahmt werden, um die Opfer zu entschädigen.

15 weitere Beschuldigte ausgeforscht
Neben den Verhafteten wurden 15 weitere Beschuldigte ausgeforscht – bei ihnen handelt es sich laut Dannhauser um Beitragstäter, die Hilfsdienste leisteten, etwa als Chauffeure. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Ring über viele Jahre hinweg aktiv war, und das nicht nur in Österreich. Es gibt Hinweise, dass die Gruppe zumindest auch in Polen und Griechenland agiert: "Die Erhebungen sind nicht abgeschlossen", so Dannhauser.

Ermittlungen seit September 2010
Begonnen hatten die Ermittlungen im September 2010, als sich ein Bulgare bei der Wiener Polizei meldete und Hinweise auf die Gruppe gab, so Dannhauser. Erste Erhebungen brachten zwar zunächst nichts ein, aber eine Woche später gab es einen weiteren Hinweis auf zwei Bulgarinnen – Dannhauser zufolge begann eine der Frauen schließlich zaghaft zu reden: Sie hätte einen dreijährigen Sohn, der sich im Einflussbereich der mutmaßlichen Täter befinde, und könne daher nichts sagen. Die Wiener Kriminalisten kontaktierten daraufhin über den österreichischen Polizeiattachee ihre bulgarischen Kollegen. Die versprachen, sich des Falls anzunehmen, und brachten den Buben in ihre Obhut.

Das Kind in Sicherheit wissend, packte die Frau aus und belastete ihren Mann schwer. Dieser flüchtete nach Bulgarien, kehrte aber Mitte August zurück und wurde bei einer Kontrolle festgenommen. Der 42-Jährige wurde bei einer Hauptverhandlung im Landesgericht Wien bereits nicht rechtskräftig zu zehn Jahren Haft verurteilt, seine Frau bekam 30.000 Euro Entschädigung zugesprochen. Doch der große Schlag sollte erst folgen. Am 14. November schlugen die Wiener und die bulgarischen Fahnder konzertiert zu.

Mikl-Leitner: "Volle Härte des Gesetzes"
Innenministerin Johanna Mikl-Leitner bezeichnete das Ergebnis der Operation "Montana" als "gelungen". Man habe Menschenhändlern schon länger den Kampf angesagt: "Es geht darum, die Opfer zu schützen." Die Täter sollten "mit der vollen Härte des Gesetzes" bestraft werden, betonte die Ressortchefin.

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