Steirische Geschichte

Ein 150 Jahre langer Weg zum Vorzeigekrankenhaus

News aus Graz
21.05.2023 11:30

Stundenlange Zwangsbäder, eiskaltes Abduschen, Elektroschocks: 1873 entstand vor den Toren von Graz die „Irrenanstalt“ - und es war ein langer, düsterer Weg bis zum heutigen modernen Haus; im beklemmenden Schatten brutaler Nazi-Morde. 

Alois Schrotz war einer der ersten Patienten in der Irrenanstalt, wie sie damals unumwunden genannt wurde. „Und er war einer der ganz wenigen, die da richtig glücklich waren“, weiß Norbert Weiss, profunder Experte für Grazer Historie am Landesarchiv, der die Entstehung des einstigen Feldhofes im Detail kennt.

Kaiser besuchte Feldhof 
Denn: Alois Schrotz war fest davon überzeugt, dass er Maximilian von Mexiko war, der (verstorbene) Bruder von Kaiser Franz Josef. „Zu Beginn war die Anstalt offen, man konnte sie auch verlassen. Also spannte Alois öfter die Feldhofer Ochsen vor den Karren und fuhr damit in die Stadt, die rund eine halbe Stunde entfernt war. Unterwegs grüßte er leutselig seine ,Untertanen’, betrachtete glücklich ,sein’ Land.“ Der Kaiser selbst, der viel Geld aus der Staatskasse in die Institution fließen ließ, spielte sogar mit, als er dem Feldhof persönlich einen Besuch abstattete und begrüßte seinen „Bruder“, („kennst mich eh, ich bin’s, der Maximilian“) herzlich.

Klinikgründer Krafft-Ebing mit Mitarbeitern und Patienten. (Bild: Krafft-Ebing´sches Familienarchi)
Klinikgründer Krafft-Ebing mit Mitarbeitern und Patienten.

Seuchen griffen um sich 
Auch war es eine Zeitlang Mode, dass Künstler der Anstalt Besuche abstatteten, es Theaterabende, Artisten und Zirkusevents gab, welche die Insassen aus ihrem Anstaltsalltag holten und zum Lachen brachten; sogar ein Elefant soll einmal dort trompetet haben. Doch damit ist man eigentlich auch schon am Ende der lieblichen Geschichten um die frühere Irrenanstalt, die in den Gefilden eines großen Gutshofes im damals unverbauten Grazer Vorfeld entstanden war. Und zeitweise so überbelegt war, dass die Insassen auf dem Boden schlafen mussten, Seuchen und Krankheiten Patienten gnadenlos im Griff hatten.

Die Menschen kamen mit den unterschiedlichsten Diagnosen, „die sich gar nicht so sehr von heutigen Erscheinungsbildern unterscheiden“, kennt Experte Weiss Krankenakte. „Aufgezählt wurden Dementia, Manie, Wahnsinn, Melancholie, epileptische Störung - es gab aber auch Pfleglinge, die unter ,Simulanten’ eingestuft wurden.“

Norbert Weiss, Experte im Landesarchiv (Bild: Christian Jauschowetz)
Norbert Weiss, Experte im Landesarchiv

Wahnsinn sah man in Gesichtern
Von den Insassen gibt es gar nicht wenige Fotos, einer der Direktoren stellte sie gerne vor die Mauer, um sie ablichten zu lassen. „Damit er zeigen konnte, welche Art von Geisteskrankheit sich wie in den Gesichtern widerspiegelt“, sagt Weiss. Damit konnten sich psychiatrische Experten austauschen - so wie auch bei den Behandlungsformen, deren Auswüchse heutzutage blankes Entsetzen aufkommen lassen. Kalte Duschen waren es laut Weiss, stunden- oder tagelange Zwangsbäder, dazu die Galvanotherapie, eine, wie sie verharmlosend erklärt wurde, elektrotherapeutische Methode. Kompressen am Kopf, Zwangsschlaf und Eisbeutel waren nicht unüblich, dazu Methoden, die zu scheußlich sind, um sie hier zu beschreiben. Patienten wurden mit Opium, Morphium, Hypnotika ruhiggestellt. Brechkuren oder Aderlässe, deren Vorbilder man schon in der Antike fand, und anderes, was an Folter erinnert, rundeten die „Therapien“ ab.

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Ihre Lage war aussichtslos: Patienten wurden nach Oberösterreich gebracht und vergast; 1000 Morde wurden nachgewiesen.

Norbert Weiss

Ein dunkles Kapitel
Das dunkelste Kapitel aber war während der NS-Zeit. Auf einem simplen Zettel wies Hitler den, wie es ausgedrückt wurde, „Gnadentod“ von Insassen an. Weiss: „Alles musste sehr geheim bleiben.“ Doch ewig blieb es nicht geheim, dass Patienten um 5 Uhr in der Früh in eine Lok mit angehängtem Viehwaggon steigen mussten und in ein Lager nach Oberösterreich gebracht wurden; in ein Haus inmitten einsamer Felder, „in dem es gar keine Betten gab. Weil die Leute noch am selben Tag umgebracht wurden“, so Weiss. Den so zum Tod Verurteilten wurden in Graz Nummern auf ihre Jacken gestempelt. „Einige Bewohner tauschten die Jacken aus; danach wurden die Nummern einfach auf ihre Haut geschrieben.“ Einfach aussichtslos. Verzweifelte Fluchtversuche wurden unternommen - oft halfen dabei Ärzte oder Pfleger, viel zu oft vergebens.

Was Kindern angetan wurde, bricht einem völlig das Herz; Unterernährung, Spritzen, die tödliche Infektionen auslösten - und das alles streng geheim; Hunderte wurden, ersieht Norbert Weiss aus den düsteren Aufzeichnungen, zwischen 1939 und 1945 ermordet. Totgespritzt. „Und überall wurden die Krankenakten verfälscht, damit das den Verwandten ja nicht auffiel.“

Das LKH Graz II, Standort Süd (Bild: KRONEN ZEITUNG)
Das LKH Graz II, Standort Süd

Langer Weg zum LKH Graz II
Was für ein langer, düsterer, beklemmender Weg bis zur heutigen modernen Institution, dem LKH Graz II, Standort Süd, das über einen hervorragenden Ruf verfügt und etwa bekannt ist für die Behandlung nach Schlaganfällen. Und längst keine Irrenanstalt mehr ist.

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