Schneider-Serie

„Wer kann und will ich sein?“

Vorarlberg
06.11.2022 10:55

In seiner Reihe „Hier war ich glücklich“ begleitet Robert Schneider Vorarlberger an die Lieblingsplätze ihrer Kindheit. In Bizau hat er Caritas-Direktor Dr. Walter Schmolly getroffen.

Wir sitzen in Bizau im „Schwanen“ und reden über Thomas von Aquin, Immanuel Kant, die Neuscholastik und Karl Rahner. Lauter Themen, die im „Schwanen“ wohl nicht unbedingt Tagesgespräch sind, weshalb nach einer kurzen Weile auch der Seniorwirt Wolfgang persönlich nach dem Rechten schaut. „Habt ihr eine Konferenz?“, fragt er. Mein Interviewgast Dr. Walter Schmolly, Direktor der Caritas Vorarlberg, und Wolfgang kennen sich viele Jahre. Im „Schwanen“ hat seine Mutter gearbeitet, die nach der Trennung von ihrem Mann allein dastand und sieben Kinder großziehen musste. Im „Schwanen“ brachte es Walter, der seiner Mama aushalf, bis zur Theke, „was damals ein großer Karriereschritt war“, wie er bemerkt. „Mein zweites Studium habe ich hier durchs Kellnern mitfinanziert. Ein Ort mit vielen Erinnerungen.“ Ich höre eine tiefe Dankbarkeit heraus. Walter stellt mich dem Wirt vor. „So, für die Krone schreiben Sie. Liest man bei uns in Vorarlberg weniger. Weißt du noch damals...?“, nimmt der er sofort den Faden auf und beginnt, Anekdoten auszutauschen.

Ein gewisser Stolz auf den Walter ist nicht zu übersehen, auf den Buben aus „Büza“, der es zum Caritas-Direktor gebracht hat. „Es hat Menschen in meinem Leben gegeben“, resümiert Schmolly später, „die mich gesehen, mir eine Tür aufgestoßen haben. Der Lehrer, der Pfarrer. Leute, die das Gefühl hatten, der Junge hat Potenzial. Der eigentliche Kern eines jeden Erfolgs ist doch, dass es Menschen gibt, die ein Kind sehen, an es glauben.“

Robert Schneider: Dein Vater ist eine neue Beziehung eingegangen, als Du noch klein warst.
Walter Schmolly: Eine Scheidung war damals ganz stark mit Scham behaftet. Ich musste schon als Kind Verantwortung übernehmen, die nicht die Verantwortung eines Kindes ist. Ich habe das trotzdem gern getan. Die Mama musste einfach schauen, dass sieben Kinder schlichtweg überleben. Auch wenn wir wenig hatten, sah sie immer noch eine Möglichkeit, Anderen zu helfen. Die Spendenaktion „Licht ins Dunkel“ war für sie etwas ganz Wichtiges. Das berührt mich heute noch sehr tief.

Schneider: Hast Du deinen Vater nicht vermisst?
Schmolly: Ich hatte ja kaum eine Erinnerung an ihn. Erst später, in der Pubertät, wenn ich gesehen habe, dass die Väter mit ihren Söhnen auf dem Fußballplatz sind, habe ich mir gewünscht, auch so einen Vater zu haben.

Schneider: Aus dir ist ein Studiosus geworden, einer, der aufs Gymnasium ging, dann zwei Studien absolviert hat. Mathematik und Theologie.
Schmolly: Auch das hing wieder mit der Tür zusammen, die mir aufgestoßen wurde - die Einführung der Schülerfreifahrt und die Möglichkeit der Gratis-Schulbücher. Das war noch die Ära Kreisky. Die Mama sagte oft: Wäre das nicht gewesen, hätte ich es einfach nicht vermögen.

Schneider: Von „Büza“ nach „Beza“ in die Hauptschule war aber eine Weltreise für einen Knirps.
Schmolly: Es sind vier Kilometer. Wir hatten ja kein Auto. Wenn wir zum Beispiel ins „Land hinaus“ mussten, also nach Bregenz, fuhren wir mit dem Wälderbähnle. Dann war immer die Frage: Kann ich mit jemandem zurückfahren? Ich erinnere mich gut an diese Wege, nachts, gemeinsam mit der Mama. Der Vollmond, die Käuzchenrufe im Wald ...

Schneider: Gab es für Dich eine Art Erweckungserlebnis?
Schmolly: Das war am Übergang vom Mathematik- zum Theologiestudium. Plötzlich tauchte die Frage auf: Was fange ich mit meinem Leben an? Wovon soll einer leben, der sich in einem Teilgebiet der Algebra spezialisiert hat. Ich hatte ja nicht Lehramt studiert. Hinter allem stand aber die Frage, die mich noch heute beschäftigt - je älter ich werde, um so mehr: Wer kann und will ich sein? Das war damals ein sehr existenzieller Moment in meinem Leben, als ich den Mut fand, zu sagen: Du studierst noch einmal. Merkwürdigerweise geschah dieser Schritt in einem tiefen Vertrauen, mit einer inneren Sicherheit, und ich kann nicht sagen, ob ich die Veränderung aus mir selbst heraus gewagt habe, oder ob es eine andere Kraft war, die mich dazu ermutigte. Ich glaube, genau das ist Mystik. Ich wurde bewegt, „dynamisiert“, wie Thomas von Aquin gesagt hätte. In solchen Momenten ist der Mensch tatsächlich in der Lage, alle nur erdenklichen Schutzmechanismen hinter sich zu lassen ...

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„Eine Frage, die mich heute noch beschäftigt: Wer kann und will ich sein?“

Dr. Walter Schmolly

Schneider: Ist das Dynamisiert-Sein auch die Triebfeder des Helfens?
Schmolly: Davon bin ich überzeugt. Die Grundfrage ist doch: Bleibe ich berührbar? Kann ich mein Ohr kultivieren?, wie der Hl. Benedikt sagt. In jedem von uns steckt in Wirklichkeit ein Samariter, wie jener, der von Jerusalem nach Jericho herabkam und vom Elend auf der Straße berührt wurde.

Schneider: Ja, er half dem Verletzten mit Geld, hat ihn aber nicht bei sich aufgenommen.
Schmolly: Er gab ihn immerhin in gute Hände ...

Schneider: Mein Einwand zielt auf das oberflächliche Berührtsein. Morgen gibt es schon wieder was Anderes.
Schmolly: Ich glaube felsenfest, dass jeder Mensch die Fähigkeit hat, sich für die Not des Anderen finden zu lassen. Aber Du stellst die Frage nach der Veränderung. Wir leben in großer Ungleichzeitigkeit und einem Interessenswirrwar, oftmals ohne erkenntliche Ausrichtung. Da ist es schwer, das Licht zu sehen, das von der anderen Welt durch den Türschlitz schimmert. Wie wir als Gesellschaft diese Veränderungen gestalten, ist das ganz große Lernthema. Die Vereinten Nationen haben einen Versuch mit den „Sustainable Goals“ (SDGs) gestartet, einem globalen Plan zur Bekämpfung der Armut und Reduzierung von Ungleichheiten. Das ist eine Richtung, die mich hoffnungsvoll stimmt.

Schneider: Jetzt, wo ich einen Theologen vor mir habe: Was ist Spiritualität?
Schmolly: Ich verbinde Spiritualität mit der Erfahrung von Stille.

Schneider: Bob Dylan sagte einmal: „Stille ist manchmal wie Donnern.“
Schmolly: Ja, es kann sehr laut werden in einem drin. Aber nach drei oder vier Tagen Stille gehe ich wie innerlich aufgeräumt wieder nachhause.

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