Mit seiner Band Die Sterne schreibt Frank Spilker seit mehr als 30 Jahren Popgeschichte nach Art der „Hamburger Schule“. 2018 wurde daraus ein demokratisches Soloprojekt, das auf dem brandneuen Werk „Hallo Euphoria“ mit Experimentierfreude und Mut zu orchestralen Klängen das Schöne in einer wankelmütig-hässlichen Realität sucht. Damit kommt Spilker samt Band am 14. Oktober ins Wiener WUK. Zuvor aber ein Gespräch über Philosophie, das unvermeidliche Altern und Diskursrock.
„Krone“: Frank, im Herbst 2021 waren die Sterne eine der ganz wenigen Bands, die sich kurzzeitig auf Tour befanden. Wie hat sich das denn angefühlt?
Frank Spilker: Es war ein Abenteuer. Wir zogen mit dem Gefühl los, nicht zu wissen, was uns erwartet. Aufseiten der Band gab es keine Ängste, weil wir alle geimpft sind und niemand gesundheitlich gefährdet ist. Zwei Wochen vor unserer Tour haben wir erst erfahren, dass sie überhaupt möglich sein würde. So ungeplant geht man normalerweise nicht auf die Reise. Ohne Kontrollverlust auf einem Konzert zu sein ist nur die Hälfte des Spaßes, aber man musste Dinge hinnehmen, wie sie eben sind. Ein Sterne-Konzert ist auch kein Ort, wo sich die Leute ins Gesicht spucken und man beim Pogo Prügeleien erwartet. Insofern hatten wir es etwas leichter als andere.
Je nach Rechenart bzw. deinem Umzug nach Hamburg gibt es die Sterne jetzt rund 30 Jahre oder ein bisschen mehr. Erlebst du derzeit eine der abenteuerlichsten Phasen der Bandgeschichte?
In mehrfacher Hinsicht ja. In den 90er-Jahren war alles aufregender, weil wir das Gefühl von Fans und Interesse seitens des Publikums nicht kannten. 2018 hat sich die Band aber komplett neugegründet. Wir haben mit der alten Besetzung zuletzt eine Theaterproduktion in Berlin gemacht und es war schon vorher ersichtlich, dass es so nicht mehr funktioniert. Dann habe ich die Band eben mit den neuen Mitstreiterinnen neu aufgebaut - immer mit der Geschichte von früher im Gepäck. Beim Album „Die Sterne“ (2020) waren wir nicht sicher, ob die langjährigen Fans das überhaupt goutieren. Wir waren aber sehr überzeugt vom Album und so wurde es zum Glück auch aufgenommen. Der letzte Schritt war aber jener auf die Bühne, wo einem Leute, die teilweise seit 30 Jahren dabei sind, beurteilen. Das konnte auch schiefgehen, aber zum Glück tat es das nicht.
Sind die Sterne jetzt ein rein egoistisches Spilker-Projekt? Und ist der Erfolg eine Bestätigung dafür, dass es auch nur mit dir als Aushängeschild geht?
(lacht) Durch meine Stimme, meine Präsenz und meine Art zu Texten gibt es natürlich ein Wiedererkennungsmerkmal. Die Band ist stärker als die einzelnen Personen, aber ich muss mich davon ausnehmen, weil es meist eine starke Identifikation mit dem Sänger gibt. Es ist dafür egal, ob ich Gitarre spiele oder nicht. Das ist für den Gesamteindruck der Band nicht relevant.
1991 begann die Reise der Sterne mit dem Song „Eifersucht spricht“ - wie würdest du die Entwicklung von den frühen Tagen bis heute grob umreißen?
Verknappen ist als Texter mein Job, aber es ist nicht leicht. Es war bislang eine Heldenreise. (lacht) Kompositorisch und künstlerisch war schon am Anfang alles da, aber es wurde mit den Jahren noch sichtbarer. Aus dem Versuch alles in einen Song zu packen wurde zuerst ein Album und dann noch eins. So ging es immer weiter. Das ist sehr typisch für eine Bandkarriere, weil man anfangs nicht weiß, wie viele Möglichkeiten man hat das zu zeigen, was man zeigen möchte. Über die Entwicklung als Band hinaus gab es bei uns nie einen Kurswechsel oder eine Neuerfindung wie bei David Bowie. Wir hatten ganz am Anfang einen Strauß an Möglichkeiten und haben uns immer darauf konzentriert. Gesellschaftlich und technologisch ist in den 30 Jahren natürlich viel passiert, das sich in der Band einprägte.
Du warst ein Mitinitiator der legendären „Hamburger Schule“. Musstest du mit diesem Begriff anfangs erst warm werden, oder hast du den Titel gleich mit Stolz getragen?
Man versucht einfach etwas zu beschreiben, was da ist, aber der Ausdruck definiert nichts Besonderes. Ich bin im Endeffekt aber froh, dass der Begriff, den man über alles stülpte, „Hamburger Schule“ ist und nicht „Diskursrock“, weil das kurz auch einmal im Raum stand. Egal welchen Begriff man verwendet, es wird sowieso immer irgendjemandem nicht passen, was die Szene dort in den 90ern ausgemacht hat. Die einzelnen Protagonisten haben sich in ihrer Karriere alle woanders hin entwickelt, aber dennoch finde ich es gut und richtig, diese Begriffe zu haben und zu verwenden.
Bist du stolz darauf, dass du als Miterfinder des Begriffs „Hamburger Schule“ weit über die reine Musikszene hinaus im Kulturbereich rausgestrahlt hast?
Hätte ich das Gefühl, es wäre davon überhaupt nichts hängen geblieben, dann wäre das traurig. Wie groß mein persönlicher Einfluss darauf war, ist nicht so relevant. Das müssen andere befinden und ich würde es anmaßend finden, das hier festzulegen. Das Gefühl dabei gewesen zu sein reicht mir. Es ist ein interaktiver Prozess, an dem viele Leute mitgewirkt haben und nicht alles entstand nur in dieser Szene. Für mich begann alles mit der Überlegung, welche Art von Musik ich hören möchte, die es noch nicht gibt und im weiteren Verlauf, wie kann ich diese Art von Musik selbst erzeugen. Die Überlegungen zu neuen Kunstformen war wichtig. Wenn man sich dann aber mit anderen Menschen verbindet und auseinandersetzt, kann man irgendwann nicht mehr genau sagen, wer welche Idee hatte.
Irgendwann bestimmen dann ja doch auch ein bisschen die Fans, wie dieser Substil aussieht. Man komponiert, macht sich einen Namen und wird dafür gemocht. Geht das nicht doch zulasten der Freiheit der Kunst?
Ich denke aber nie daran, was sich Fans erwarten. Außer ich schlage beim Schreiben einen Weg ein, wo sich die Frage stellt, ob das jemand falsch verstehen könnte. Dann überlege ich aber eher, ob ich das so will und nicht, ob es falsch ankommt. Leute zu verstören oder zum Nachdenken zum bringen ist eher das, was ich will.
Fällt es dir mit zunehmendem Alter schwerer, dich mit deinen eigenen Songs der frühen Tage zu identifizieren?
Unsere Songs sind erstaunlich gut gealtert und darauf bin ich sehr stolz. Gerade die frühen Songs fühlen sich nicht besonders neumodisch an, obwohl sie damals von trendiger Crossover-Musik und etwas Hip-Hop geprägt waren. Das hört heute kein Mensch mehr, aber wir können unsere Songs heute noch spielen, ohne dass sie völlig veraltet klingen. Ich habe aber genug Bands gesehen, die von sich selber glauben, sie werden up to date und dann kommen junge Künstler und sagen lautstark „bitte bloß keinen Bluesrock mehr“. Man muss aufpassen, nicht in die Falle zu tappen, dass man etwas falsch fühlt.
Ein gemischtes und damit einhergehend auch junges Publikum zu haben ist aber ein ganz guter Indikator dafür, dass die Lieder nicht veraltet wirken.
Es ist immer anmaßend das zu sagen, aber wir versuchen natürlich, junge Menschen anzuziehen.
Ist die neue Version der Sterne jetzt diktatorischer?
Nein. Es ist nicht anders als vorher, aber die Arbeitsteilung ist viel klarer. Ich bin in Hamburg und die anderen sind in Köln und Berlin. Da macht es mehr Sinn, die Dinge am Rechner oder in der Produktion zu arrangieren und nicht mehr alles im Proberaum. Dort sind wir natürlich auch noch sehr aktiv, aber wir arbeiten sicher komprimierter. Wir haben das früher zu viert oder zu dritt schon ähnlich gemacht, aber die Rollen sind jetzt klarer aufgeteilt. Bis auf die Texte und den Gesang hat das nichts Diktatorisches.
Ist es für dich als Texter gut, dass du immerwährende Themen wie das Konsumverhalten der Menschen, die aufgesetzten Scheuklappen und Alltagsprobleme aufgreifen kannst, oder auch deprimierend, weil sich auf der Welt irgendwie nichts zum Besseren zu ändern scheint?
Wir haben im Prinzip die gleichen Probleme wie vor 120 Jahren. Ich berufe mich oft auf Hegel - gerade jetzt, wenn es um die neue Rechte geht und das, was überall hochkommt, der Ideenwelt des Mittelalters entspricht. Der deutsche Idealismus hat in der Philosophie schon damals den gleichen Quatsch bekämpft, wie es auch heute wieder nötig wäre. Im Grunde ist es auch wichtiger, die Themen auf der philosophischen Ebene zu klären, als immer nur auf jener der Symptome. Es muss einfach klar sein, was es für eine Bedeutung hat, wenn Menschen aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Warum etwas unter welcher Maske passiert und nicht passieren sollte. Da ist die Tagespolitik gefragt, aber um das Grundverständnis zu diskutieren, dafür gibt es die Kunst.
Im Prinzip ist dir also bewusst, dass du mit deinen Texten gegen Windmühlen kämpfst, die sich nicht aufhalten lassen?
Im Grunde sind wir ja die Windmühlen für jene, die mit der modernen Welt nicht klarkommen. Ich glaube, dass die Mühle noch mehr Wind braucht. Die Leute, die sehen, dass Dinge in die falsche Richtung gehen, brauchen mehr Wind unter den Flügeln, um sich bestärkt zu fühlen und dagegen aufzubegehren. Gesellschaftliche Strömungen sind oft die Verstärkung des Mainstreams. Normalität und Mainstream werden definiert und man muss den Leuten dann zeigen, dass gewisse Dinge falsch laufen. Man muss auf der emotionalen Ebene helfen, damit sich niemand mit seinem Denken alleine fühlt.
Muss man Philosophisches manchmal auch mit drastischen Wörtern umschreiben, um gehört zu werden? Stichwort „Fickt das System“.
Muss man nicht, aber wenn man sich, wie in diesem Fall, auf eine Hip-Hop-Tradition beruft, um Street-Creditility und Klassenzugehörigkeit auszudrücken, dann ist das schon okay.
„Fickt das System“ hat auch schon an die 30 Jahre am Buckel. Würdest du heute, im gediegeneren Alter, Dinge anders formulieren oder hast du dir diesen offensiven Kampfgeist bewahrt?
Die Strophen im Song drehen sich nicht darum, Klassenkampfparolen zu werfen, sondern das System zu hinterfragen und auch einmal außerhalb der eigenen Box zu denken. Man sollte neue Ansätze finden, das kann man nur jedem raten. Insofern ist eine Aufforderung wie „Fickt das System“ unabhängig vom Lebensalter.
Beim letzten Album „Die Sterne“ hast du in Interviews oft den Terminus Entfaltung benutzt. Wie weit können sich Menschen in einer gleichströmigen Gesellschaft wie der unseren denn noch frei entfalten?
Individualität ist oft ein Lifestyle-Produkt. Es ist sehr schwierig, da eine Kerbe zu schlagen. Gesellschaftlicher Druck muss immer hinterfragt werden. Wofür ist er da? In welche Richtung geht es? Macht es überhaupt Sinn? Ist das alles überhaupt nötig? Das sind extrem komplexe Fragen. Als Mensch muss man sich immer vor Augen halten, dass wir uns existenziell so frei bewegen können, wie es das historisch überhaupt noch nie gab. Deshalb ist es manchmal auch eine Luxusdiskussion. Man kann eine ganze Menge tun, aber man muss auch aufpassen, dass die Freiheit nicht wieder genommen wird.
Das könnte man auch auf die Arbeitswelt umlegen. Durch die zunehmende Digitalisierung fallen viele Jobs weg und damit einhergehend könnten Menschen mehr Freiheit und Zeit für sich selbst bekommen.
Es kommt natürlich immer darauf an, was man macht. Natürlich gibt es Jobs, wo noch klassisch Stunden gezählt werden, aber in vielen Bereichen wie der Solo-Selbstständigkeit, in der ich auch bin, kommt es nicht auf die Stunden, sondern auf die Ideen an. Wir sind alle kleine Unternehmer geworden und da ist es veraltet, nur mehr starr die Zeit hinunter zu zählen. Würde man das machen, würden wir wahrscheinlich sogar 60 Stunden arbeiten, denn als Kreativer denkt man auch kurz vorm Schlafengehen über seine Arbeit nach. Das bezahlt einem aber keiner, ist einfach ein Teil des Lebens. Das selbst und ständig bei selbstständig kommt nicht von irgendwoher.
Leben wir bei Themengebieten wie Klimakurs, Arbeitszeitflexibilisierung und Zukunftsperspektiven heute noch stärker in einer Welt der Generationskluften als früher?
Eher weniger. Die jüngeren Menschen und die digital Abgehängten, die teilen sich natürlich auf. Die finden teilweise gar nicht mehr zueinander und zu Diskussionen, weil sich die Plattformen dafür fundamental verändert haben. Was den Klimawandel angeht steckt die Antwort schon in der Frage: es betrifft die Alten nicht mehr, deshalb sind die Jungen aktiver. Dieselben Warnsignale und Diskussionen gab es aber schon, als ich noch jung war. Die Grünen haben sich ja aufgrund der Zukunftsängste und Umweltdiskussionen zurecht gegründet, weil sich sonst niemand darum kümmerte - insofern ist diese Kluft auch nicht neu.
Neu ist, dass das Thema in der Politik mittlerweile angekommen und ernsthaft diskutiert wird. Jetzt schreibt sogar die deutsche Industrie, dass sie in spätestens 30 Jahren klimaneutral sein will und Investitionen fordert. 2050 soll ja weniger oder gar kein Öl mehr zur Verfügung stehen und das wissen wir auch schon seit 30 Jahren. Nur jetzt ist eben die Zeit, wo man es machen muss. Solange aber bei etwas Geld verdient wird, tut sich nichts. Unser ganzes System ist auf Wachstum und wirtschaftliches Leben auf Konkurrenzkampf ausgerichtet - da steckt natürlich niemand freiwillig zurück.
In Deutschland gibt es viele junge Bands und Künstler, die sich um die Zukunft sorgen und das auch lautstark in ihren Songs kundtun. Ist die Zukunft der deutschen Pop- und Rockszene damit gesichert?
Es ist wichtig, dass es Unterbrechungen gab. In den 80ern waren die Bands hedonistisch und haben nicht mehr den politischen Diskurs gesucht. Doch auch das war wichtig, weil man davor mit Parolen niemanden mehr erreicht hat. Es war ein Reinwaschen samt Neuanfang und diese Neustarts werden hoffentlich immer wieder passieren.
Kannst du als Mittfünfziger den jüngeren Musikern mit ihren Themen, Anliegen und Botschaften noch folgen oder wird man im Alter automatisch etwas distanzierter?
Bis jetzt geht’s noch. (lacht) Bestimmte Sachen interessieren mich nicht mehr so sehr wie früher. Das kann ich jetzt gar nicht genau festmachen, aber alles, was das gesellschaftliche Zusammenleben, Ästhetik und Kunst betrifft, bin ich immer noch voll dabei. Was ich nicht mehr mache ist jeden Tag ausgehen und neue Leute kennenlernen. Irgendwann kennt man halt auch alle. (lacht) Was mir fehlt, ist die Ungeduld von früher. Bei Missständen bin ich sicher zu geduldig geworden und da kommt man in Konflikte mit der Jugend. Ich halte das aber nicht für einen Fehler. Die Evolution hat das so hervorgebracht und wäre es nicht richtig, dann gäbe es das so nicht. Menschen haben immer nur in Gruppen funktioniert. Diese Gruppen bestehen aus unterschiedlichsten Typen. Ungeduldige, ADHS-gefährdete und völlig ruhige. Der Mix sorgt dann aber auf beiden Seiten des Flusses dafür, dass Menschen leben können. So sind die älteren und auch die jüngeren jeweils für sich absolut in Ordnung.
Hast du dich im Alter charakterlich verändert?
Ich bin sehr froh, dass ich durch diverse Veränderungen herausgefordert wurde. Ich bin jemand, der noch immer gerne lernt. Über 50 geht die Lernbereitschaft gerne zurück, aber das erkenne ich bei mir nicht. Ich akzeptiere, dass es unterschiedliche Wahrnehmungen im Leben gibt - zum Beispiel von Zeit. Mit Kindern setzt man sich wieder mit der eigenen Jugend auseinander und das kann superspannend sein, weil man sich irgendwie spiegelt. Der Spruch „traue keinem über 30“ hat damit zu tun, dass in den 70ern viele der Älteren Wehrmachtssoldaten waren. Das gibt es ja so gar nicht mehr.
Zweimal live
Mit dem neuen Album „Hallo Euphoria“ und den größten Klassikern aus mehr als 30 Jahren Bandgeschichte spielen die Sterne zwei Gigs in Österreich: am 14. Oktober im Wiener WUK und am 15. Oktober im Linzer Posthof. Unter www.oeticket.com gibt es noch Karten und alle weiteren Infos für die beiden Shows mit den Hamburgern.
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