Mit seinem in diesem Jahr erschienenen Album „Jan Juc Moon“ macht der Australier Xavier Rudd wieder das, was er am besten kann: sich Sorgen um das Gleichgewicht der Welt. In träumerischen Singer/Songwriter-Melodien propagiert er die Hoffnung auf Frieden und Gemeinsamkeit. Das tut er am 15. Oktober auch im Wiener Gasometer und bei uns im „Krone“-Talk.
„Krone“: Xavier, du bist ein gern gesehener Stammgast in Österreich und vor allem in Wien. Ist dir irgendwas besonders in Erinnerung geblieben?
Xavier Rudd: Mein erster Eindruck von Österreich war, dass die Menschen hier wundervoll sind. Die Vibes sind immer sehr gut und jedes Konzert war ein großes Fest für mich. Vor allem die Arena ist cool und ich fühle mich hier sehr wohl. Wenn ich irgendwie Zeit habe, versuche ich auch die Berge zu besuchen und mir Burgen anzusehen. Das Land ist wunderschön.
Du bist als Reggae-Künstler sehr politisch und machst dir viele Gedanken über den Zustand der Welt. Fühlst du gewisse Situationen, wenn du an bestimmten Orten auftrittst?
Wir haben eine Art spirituelle Botschaft, die wir vermitteln wollen. Es geht um das Miteinander und das Gemeinsame. Das hat bei uns immer Vorrang. Wie sind aus Australien und dieses Land war lange ein unterdrücktes, wenn du an die Aborigines denkst. Alle Länder auf dieser Erde sind mehr oder weniger politisch unterdrückt und man findet von dort kaum wieder raus. In unserer Musik geht es eher darum, das alles beiseite zu lassen und uns auf die Wurzeln unseres Menschsseins zu besinnen. Seit Anbeginn der Zeit war Musik da und deshalb ist sie ein gutes Ventil dafür.
Deine Texte sind eine Mischung aus Ungezwungenheit und dem Vermitteln von Botschaften. Du beleuchtest die Dinge somit aus unterschiedlichen Perspektiven.
Mir ist diese Vielseitigkeit wichtig, denn sonst wäre es zu eindimensional. Durch die sozialen Medien kann ich mich leichter mitteilen und die Menschen verstehen viel leichter, was in der Welt so vor sich geht. Es tut sich derzeit sehr viel und sehr viele Leute hätten gerne einen Wechsel, sie wollen endlich in einer besseren Welt leben. Die Leute denken wieder stärker über Dinge nach und unsere Aufgabe ist es mitunter, die Leute zusammenzubringen. Das ist eine sehr wichtige Sache. Die Macht soll dem Volk übergeben werden.
Fühlst du dich dafür verantwortlich, dich mit wichtigen Botschaften an die Öffentlichkeit zu richten und ein Bewusstsein für gewisse Dinge zu erschaffen?
Nein, dem ist nicht so. Ich singe einfach über das Leben und wenn das einem auf seiner Reise hilft, ist das toll. Wenn nicht, ist das für mich auch okay. Ich kann nur über Dinge singen, die ich fühle und versuchen, eine Verbindung zu so vielen Menschen wie möglich zu erschaffen. Darauf bin ich stolz, aber mehr steckt nicht dahinter.
Ist es naiv zu glauben, dass Musik die Welt zu einem besseren Ort machen kann?
Die Welt als Ganzes kannst du wohl nicht verändern, aber du kannst Menschen verändern und heilen. Das ist ein natürlicher Teil unserer Existenz. Über alle Zeiten hinweg hat Musik immer wieder bewiesen, dass sie in vielen Lebenslagen Energie bedeutet. Alle Menschen in allen Kulturen können sich damit identifizieren. Musik hat etwas Zeremonielles an sich. Ich sehe sie wichtig als Medizin. Wenn du dem Menschen alles nehmen würdest, würde er immer noch versuchen, Musik zu machen.
Spürst du beim Songwriting, wenn du etwas Wichtiges und Elementares geschrieben hast? Unterscheidet sich das zu „herkömmlichen“ Songs? Spürst du das auch als Fan beim Hören eines Songs?
Interessante Frage, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Meine Musik erzählt immer eine Geschichte, die sehr nah bei mir selbst liegt. Es kann also nur Musik entstehen, die sich auf mich bezieht und die mich berührt. Natürlich gibt es coole Rhythmen oder einen funky Groove, aber rein inhaltlich steckt immer eine persönliche Geschichte dahinter. Mich muss Musik jedenfalls berühren.
Wird es mit den Jahren und mit Erfahrungen leichter, sich selbst zu öffnen und Intimes mit der Öffentlichkeit zu teilen?
Es wird auf der Bühne leichter. Auch zu erkennen, woher meine Inspirationen kommen und wie die Musik entsteht. Als Kind wollten mir die Verwandten immer Dinge näherbringen, die ich nicht verstanden habe. Wenn man älter wird, kapiert man, was einem die Großmutter oder Urgroßmutter auf dem Lebensweg mitgeben wollte. Man hat einfach mehr Verständnis, woher man kommt und was man für das Leben mitnimmt.
Fällt es dir manchmal schwerer, dich mit alten Songs zu identifizieren, die aus einem komplett anderen Lebensabschnitt kommen?
Das Leben ist eine lange Reise - so wie auch das Songwriting. Ich spiele immer alte Songs, die ich manchmal zehn Jahre nicht angreife, um in der Zeit wieder etwas zurückgehen zu können. Diese Reisen sind mir wichtig, weil sie Teil meines Lebens sind.
Solche Reisen können auch Wunden öffnen. Vor allem dann, wenn persönliche Texte, die man verarbeitet hat, wieder in einem hochkommen.
Das kann dir natürlich passieren, keine Frage. Das ist aber ein Berufsrisiko, mit dem man leben muss.
Überlegst du als Künstler beim Songwriting, ob eine aktuelle Idee in 20 Jahren überhaupt noch auf die Bühne gehört?
Nein, ich schreibe einfach, was mir in den Kopf kommt. Ich habe noch nie wirklich an etwas gedacht, oder viel vorgeplant. Das entsteht alles sehr spontan. Man muss nehmen, was in einem aufploppt. Ich visualisiere meine Ideen. Ich bin jemand, der total in der Gegenwart verhaftet ist. Ich schaue nicht zurück und weiß noch nicht einmal, wo ich morgen auftrete.
Verlieren die Menschen heute nicht diese Ungezwungenheit? Im Moment zu leben und den Moment zu genießen.
Natürlich, das liegt auch an unseren Smartphones. Die Leute verpassen so viel, was um sie herum im Leben passiert, das ist schockierend. Es gibt rundum so viele Ablenkungen, das kaum mehr jemand seine Mitte und seinen inneren Frieden findet. Es wirkt so, als ob das Handwerk langsam verschwinden würde. Wie viele Menschen können mit ihren eigenen Händen noch etwas bauen, erschaffen oder reparieren? Das verschwindend zunehmend. Das finde ich traurig, aber ist nicht mehr umkehrbar. Eine Schande, dass wir all diese Talente verlieren.
Ist das ein Themengebiet, das dich wieder zum Songschreiben motiviert? So eine klassische Working-Class-Hero-Geschichte?
Natürlich, auch darüber kann ich schreiben, weil ich mir viele Gedanken darüber mache. Es ist ein vielleicht unübliches, aber sehr interessantes Themengebiet.
Wie wichtig sind eigentlich das Reisen und das Kennenlernen neuer Kulturen für dich und die Musik? Du bist ja doch jemand, der permanent durch die Weltgeschichte segelt.
Es ist sehr inspirierend, weil man immer neue Eindrücke hat. Das ist gar keine Frage. Es hat auch etwas Spirituelles an sich. Andere Länder und andere Kulturen sind ein großer Einfluss für mich und animieren mich zum Schreiben. Ich schreibe immer und überall. Egal, wo ich bin und was ich mache.
Du bist jemand, der sich sehr stark für die Geschichte und das Leben der Aborigines in Australien einsetzt. Merkst du da eine zunehmende Verbesserung der Situation?
Es geht alles langsam voran, aber es bewegt sich was. Mir jedoch zu langsam. Es ist noch ein langer Weg zu gehen, aber wir dürfen niemals aufgeben. Dinge zu verändern, ist meist sehr anstrengend. Zumindest das Bildungssystem verbessert sich mittlerweile grundlegend und das ist am Allerwichtigsten.
Gab es einen bestimmten Knackpunkt in deinem Leben, in dem die Musik die Hauptrolle einnahm?
Keine bestimmte Situation. Ich erinnere mich nur daran, dass ich immer Musik geschrieben und Songs gesungen habe. Ich mache heute nichts anders als früher. Als ich etwa zehn Jahre alt war, hat mich mein Vater nach Graceland zu Elvis mitgenommen und das hat mich ungemein fasziniert. Da wusste ich automatisch, dass ich Musiker werden würde und es gab auch gar keinen Plan B.
Damals war die Musik noch reiner Spaß, heute ist sie auch ein Business und bezahlt deine Rechnungen. Hat sich dein Zugang zur Musik dadurch verändert?
Ich habe die Musik immer respektiert und das hat sich niemals geändert. Ich bin immer noch hier, weil ich Spaß daran habe und so ehrlich und authentisch wie möglich vorgehe. Mein Leben kann nur mit Musik existieren.
Australien ist ja ein unglaublich guter Boden für Kreativität und musikalisches Handwerk. Man denke nur an John Butler, King Gizzard And The Lizard Wizard oder Tash Sultana. Was geht da bei euch ab?
Ich habe keine Antwort darauf, wir sind einfach ungemein kreativ. Das schlägt sich auch in anderen Bereichen merkbar nieder. Es liegt wohl an der Umwelt dort. Wir sind ja von der restlichen Welt komplett abgeschnitten, vielleicht entsteht in Australien deshalb so viel Einzigartiges.
Wie wichtig ist dir Spiritualität für deine Musik?
Meine Musik ist meine Religion. Es ist so, als ob ich immer in eine Kirche gehen und eine Zeremonie abhalten würde.
Was sollen die Leute fühlen, wenn sie dich auf der Bühne sehen und deine Musik hören?
Ich will nicht sagen, was richtig oder falsch ist. Wenn sie etwas Starkes fühlen, das sie zusammenbringen kann, bin ich schon glücklich. Meine Reise geht ohnehin immer weiter. Ich lebe dieses Leben mit Musik. Manchmal leide ich und manchmal ist alles wundervoll - wie in jedem anderen Leben auch. Aber Aufgeben wäre nie eine Option.
Live in Wien
Am 15. Oktober spielt Xavier Rudd im Wiener Gasometer. Unter www.oeticket.com gibt es noch Karten und alle weiteren Infos für das Konzerthighlight der Woche.
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.