19.07.2022 17:39 |

Gipfel in Teheran

Putin will türkische Nahost-Offensive verhindern

Kremlchef Wladimir Putin ist am Dienstag für ein Gipfeltreffen mit seinem iranischen und türkischen Amtskollegen in Irans Hauptstadt Teheran eingetroffen. Doch der Krieg in der Ukraine ist bei dem Treffen mit den Mullahs in Teheran nur ein untergeordnetes Thema - es geht Russland und dem Iran vielmehr darum, eine türkische Offensive im Nahen Osten zu verhindern.

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Während in der Ukraine unvermindert der von Putin befohlene Angriffskrieg tobt und täglich auf beiden Seiten Hunderte Todesopfer fordert, reiste der Kreml-Chef am Dienstag nach Teheran, um dort über einen anderen langjährigen Kriegsschauplatz mit russischer Beteiligung zu diskutieren - über Syrien.

Dort möchte Putin allerdings eine vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan geplante Militäroffensive gegen kurdische Einheiten im Norden des Landes verhindern - mit Unterstützung der iranischen Mullahs in Teheran, die in Syrien ebenfalls eine wichtige militärische Rolle spielen.

Russland und der Iran sind mit dem Regime des syrischen Diktators Assad verbündet, das ohne die militärische Unterstützung aus Moskau und Teheran längst nicht mehr an der Macht wäre. Die Türkei hingegen ist mit der zum großen Teil radikal-islamischen Opposition in Syrien verbündet.

Ambivalentes Verhältnis zwischen Moskau und Ankara
Das Verhältnis zwischen Ankara und Moskau ist im Blick auf Syrien also ähnlich ambivalent wie in Bezug auf die Ukraine, wo die Türkei Kiew einerseits etwa mit Drohnen militärisch unterstützt, sich andererseits aber nicht den Sanktionen gegen Russland angeschlossen hat. Diesen Sonderstatus versucht Erdoğan auch zu nutzen, um Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien - etwa über bisher von Moskau blockierte - Getreideexporte - voranzutreiben. Ein Thema, das bei Erdoğans Treffen mit Putin in Teheran ebenfalls auf der Agenda stand.

Hauptthema ist aber die von dem türkischen Präsidenten geplante Militäroffensive gegen von der Türkei als Terroristen eingestufte Kurdenmilizen im Norden Syriens. Ankara pocht auf einen ihm vor drei Jahren zugesicherten 30 Kilometer breiten Sicherheitskorridor entlang der syrisch-türkischen Grenze. Aufgrund der russischen Lufthoheit über dem Gebiet braucht Erdoğan für die Militäraktion allerdings die Zustimmung von Putin.

Der Kreml-Chef und auch der Iran haben daran allerdings absolut kein Interesse. Sie befürchten zu Recht, dass ein türkischer Angriff auf die Kurden dem Islamischen Staat (IS) neues Leben einhauchen könnte. Denn auf kurdischem Gebiet befinden sich die Gefängnisse, in denen die einstigen Kämpfer des IS eingesperrt sind - bewacht von kurdischen Einheiten. Sollten diese sich gegen türkische Angriffe verteidigen müssen, scheint es unausweichlich, dass die Bewachung der Gefängnisse vernachlässigt werden würde. Die Befreiung der Terroristen wäre nur eine Frage der Zeit. Und damit hätte dann nicht nur Syrien ein Problem.

Gleiche Interessen von Russland und den USA
Und so ist Nordsyrien zurzeit die wohl einzige Gegend der Erde, in der Russland, das syrische Regime, der Iran, Europa und auch die USA dieselben Interessen haben. Schließlich haben die USA es sich auf die Fahnen geschrieben, den IS gemeinsam mit den Kurden im Norden Syriens vernichtet zu haben. Bis heute haben die Amerikaner dort Spezialeinheiten stationiert, die sich überdies mit den dort tätigen russischen Militärs absprechen. Das ist derzeit ziemlich einzigartig.

Es ist Putins zweite offiziell bekannte Auslandsreise seit Russlands Einmarsch in die Ukraine Ende Februar.

Christian Hauenstein
Christian Hauenstein
 krone.at
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