Premier unter Druck
Abhörskandal: Ex-Pressechef David Camerons verhaftet
Der Skandal bringt auch den britischen Premier Cameron unter Druck, weil er den früheren Chefredaktor der Zeitung zu seinem Kommunikationschef berufen hatte. Coulson trat erst im Jänner angesichts des öffentlichen Drucks durch die Ermittlungen über die Abhöraffäre von diesem Amt zurück. Coulson war von 2003 bis 2007 Chefredakteur des Boulevardblatts. Cameron sagte, die Entscheidung, Coulson als seinen Kommunikationschef einzustellen, sei ein Fehler gewesen.
Cameron: "Wir stecken alle mit drin"
Der Skandal drehe sich keinesfalls nur um eine einzige Zeitung und einen Journalisten, sondern auch um die Polizei und die Politik, so Cameron weiter. "Wir stecken alle mit drin - die Presse, die Politiker, die Chefs aller Parteien, ich selbst inbegriffen." Die Parteiführer seien so erpicht darauf gewesen, in der Gunst der Zeitungen zu stehen, dass sie wissentlich ignoriert hätten, wie bei einigen Blättern gearbeitet worden sei. Er übernehme dafür die volle Verantwortung und möchte deshalb Untersuchungen starten, so Cameron.
Die Leitung soll ein Richter übernehmen. Weil das bisherige System der Presseaufsicht versagt habe, müsse ein neues geschaffen werden, erklärte Cameron. Möglichst bald werde er eine unabhängige Kommission einsetzen, die Vorschläge machen solle, wie die britische Presselandschaft in Zukunft reguliert werden könne. Das sei sehr schwierig, da die Pressefreiheit nicht eingeschränkt werden dürfe. "Freiheit der Presse heißt aber nicht, dass sie über dem Gesetz steht." Wie auch immer die Änderungen ausfallen werden, für die Zeitung "News of the World" wird dies keine Bedeutung mehr haben, denn das Skandalblatt soll am Sonntag nach 168 Jahren zum letzten Mal erscheinen.
Skandal wegen geknackter Mobilboxen
Im seit 2006 schwelenden Abhörskandal wurden in den letzten Tagen immer mehr skandalöse Einzelheiten bekannt. Die größte Aufregung verursachte eine Enthüllung der britischen Zeitung "Guardian" mit Bezug auf einen Teenagermord aus dem Jahr 2002. Reporter und Privatdetektive der "News of the World" knackten die Handy- Mobilbox eines 13-jährigen Mädchens kurz nach dessen Verschwinden, hörten Nachrichten ab und löschten einige davon, um Platz für neue zu schaffen. Die Eltern des bis zum Auffinden der Leiche mehr als ein halbes Jahr vermissten Teenagers werteten die gelöschten Nachrichten als Lebenszeichen ihrer Tochter.
Weiters wurde publik, dass die Reporter auch Verbrechensopfer und Angehörige der Opfer der Terroranschläge vom 7. Juli 2005 angezapft haben, sowie Witwen von im Irak-Krieg gefallenen Soldaten. Im Visier der Reporter waren zudem der heutige britische Finanzminister George Osborne und der Anwalt Michael Mansfield, der die Familie von Lady Dianas Liebhaber Dodi al-Fayed in einem Untersuchungsschuss zum Tod des Paares vertreten hatte. Beiden wurde von der Polizei mitgeteilt, ihre Telefonnummern seien im Zuge des Ermittlungsverfahrens aufgetaucht. Zuvor waren bereits Prominente und Schauspieler wie Sienna Miller, Jude Law und Hugh Grant als Opfer der Abhöraffäre genannt worden.
Dass die britische Polizei die Praktiken der Reporter lange Zeit duldete, wurde schon seit Längerem verdächtigt. Doch Cameron kündigte nun an, dass diesen Vorwürfen auf den Grund gegangen werde.
Büros von weiterer Zeitung durchsucht
Im Zusammenhang mit dem Abhörskandal durchsuchte die Londoner Polizei am Freitag auch die Büros der Boulevardzeitung "Daily Star". Ein Sprecher von Scotland Yard bestätigte der Nachrichtenagentur AFP, dass im Zentrum der Hauptstadt die Geschäftsräume des Blatts durchsucht worden seien. Der "Daily Star" ist ein Konkurrenzblatt von "News of the World".
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