Interview und Konzert

Thundercat: Musik aus intergalaktischen Sphären

Wien ist leiwand
14.04.2022 11:00

Mit seinem aktuellen Album „It Is What It Is“ hat Stephen Lee Bruner aka Thundercat 2021 einen Grammy abgeräumt. Nach mehreren grandiosen Alben und Kooperationen mit Pharrell Williams, Kamasi Washington, Kendrick Lamar und Co. der nächste Schritt zur Weltherrschaft als bester Bassist. Gestern Abend begeisterte er mit Humor und Improvisation in der ausverkauften Wiener Ottakringer Brauerei. Wir trafen ihn davor zum entspannten Gespräch.

Schultertäschchen von Louis Vuitton, Haarspangen von Gucci, die Brille diamantenbesetzt, der berühmte Videospiel-Igel Sonic baumelt opulent vom Hals und auf der legeren roten Trainingsjacke ist der Manga-Held Naruto verewigt. Der 37-jährige Top-Bassist Thundercat aus Los Angeles ist schon rein optisch eine Augenweide. Aufgrund eines Day Offs stellte sich Stephen Lee Bruner, so sein richtiger Name, schon am Tag vor seinem umjubelten und restlos ausverkauften Konzert in der Wiener Ottakringer Brauerei den Fragen ausgewählter Medien. Wie kein zweiter verbindet er die Lehren des Jazz mit Improvisationstalent, Leidenschaft und einer Hipness, die ihn für eine musikalisch ferne Generation zugänglich macht. Obwohl Popstar hat Thundercat mit Pop per se wenig am Hut. Seine Kompositionen mäandern zwischen Selbstironie, Humor, spielerischer Vertracktheit und schräger Dissonanzen. Dass er sich zwischen Soul, Funk, Jazz, Thrash Metal, psychedelischen Songs, Hip-Hop und Elektronik gleichermaßen wohlfühlt, hat familiäre Hintergründe.

Kirche und Gangsta-Rap
Vater Ronald Bruner Sr. war als Drummer für die Temptations, Randy Crawford und Diana Ross tätig, mit seinem Bruder Ronald Bruner Jr. startete Stephen kurz nach dem Millennium als Bassist bei der Crossover-Thrash-Metal-Band Suicidal Tendencies durch. „Waren sie Punk, Metal oder Crossover? Bei Suicidal wusste man nie, in welche Schublade man sie stecken sollte“, erinnert er sich im „Krone“-Gespräch lachend zurück, „das war eine buntere Angelegenheit als so mancher ahnen würde. Aber das ist ja das Schöne an der Musik - du kannst immer in alle Richtungen ausscheren.“ Der christlich erzogene Bruner wächst in einem friedvollen und musikalisch offenen Haushalt auf. Nur mit Gangsta-Rap kommt die Frau Mama nicht ganz klar. Wenn der Jazz zu sehr ausartet, pocht sie gerne mal darauf, das Vinyl vom Teller zu nehmen. „Haben wir zu oft Tony Williams aufgelegt, dann stand sie kurz vor der Verzweiflung.“

Schon während seiner Zeit bei den Suicidal Tendencies arbeitet der leidenschaftliche Bassist als Session-Musiker für Stars wie Snoop Dogg, Stanley Clarke oder John Legend. Er ist an zwei Alben der großen Erykah Badu beteiligt und freundet sich mit dem Produzenten Flying Lotus an. Dieser engagiert ihn für sein Label Brainfeeder, knüpft mit Bruner Kontakte und lässt ihm die Freiheiten, seine eigene musikalische Welt zu finden. 2011 setzt er mit seinem Solodebüt „The Golden Age Of Apocalypse“ eine erste Duftmarke, doch entscheidender für den Erfolg sind die richtigen Kooperationen. 2015 arbeitet er entscheidend an gleich zwei wegweisenden Alben der US-Popkultur mit. An Kendrick Lamars „To Pimp A Butterfly“ und an Kamasi Washingtons „The Epic“. Ein paar Monate später spielt er auch noch Bass auf Mac Millers Geniestreich „The Divine Feminine“ und sein eigenes Drittwerk „Drunk“ scharrt schon in den Startlöchern.

Erweckungserlebnis
2017 kommt das Album in die Öffentlichkeit und macht Thundercat über Nacht zum Liebkind aller progressiven Hipster. Den Song „The Turn Down“ singt Pharrell Williams, Bruners größtes Idol, wie er sich mit leuchtenden Augen zurückerinnert. „Es gibt Miles Davis, Jimi Hendrix, den schwarzen Power Ranger und Pharrell. Er war einfach der coolste Typ. Egal ob mit den Neptunes, bei N.E.R.D. oder solo. Für mich war er ein unendlicher Fundus an Inspiration.“ Über N.E.R.D.-Mitglied Chad Hugo kam dann tatsächlich eine Verbindung zu Williams zustande. „Ich habe ihm ,Drunk‘ geschickt und gemeint, wenn er sich wo darauf sieht, wäre er herzlich eingeladen. Monate später textete er mir um 3 Uhr morgens, dass er an Bord wäre. Ich war gerade in einem Club und betrunken, lief aber schnell raus und musste vor Freude weinen. Das war einer der Momente, wo ich wusste, ich bin am richtigen Pfad. Wenn Pharrell Williams auf meinem Album singt, dann stimmt absolut alles.“

„Drunk“ ist eine wahnwitzige Mischung aus Free-Jazz, Funk, Fusion, Yachtrock-Anleihen und dadaistischer Anarchie. 2020 erscheint seine bislang letzte Platte „It Is What It Is“, für die er einen Grammy für das „Best Progressive R&B Album“ abräumt. „Awards sind schön und wichtig, aber sie sind nicht der Grund, warum man sich an dich erinnern sollte“, kommentiert er diesen persönlichen Großerfolg eher trocken.„ Thundercats Songs sind oft nur angespielt und wirken unfertig, erschaffen durch ihre Fläche für Improvisation aber gerade im Live-Kontext eine unglaubliche Sogwirkung. Davon konnte man sich bei Songs wie “Interstellar Love„, “I Love Louis Cole„ oder “Them Changes„ auch in Wien überzeugen. Dazu das elektrisierende Piano von Dennis Hamm und das punktgenaue Schlagzeugspiel von Justin Brown. Ein akustisches Filetsandwich des Abgedrehten. “Manchmal weißt du nicht genau, was du gerade machst, aber du fühlst es„, versucht er seine Musik in Worte zu fassen, “auch ich schieße manchmal über das Ziel hinaus, aber das Feeling ist essenziell."

Seltener Spagat
Sein juveniles Nerdtum und die lockere Herangehensweise an seine Musik machen Thundercat gleichermaßen für etablierte Jazz-Professoren, wie für neugierige Generation-Z-Musikliebhaber interessant. Der 37-Jährige weiß sein vertracktes Spiel richtig zu verpacken und trotz seiner Schwere und Undurchsichtigkeit einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Ein seltener Spagat, der ungezwungen und bewusst locker gegrätscht wird. „Es wird auf dieser Welt niemandem mehr geben, der mehr Noten gespielt hat als Charlie Parker“, lacht Bruner, „wenn du dir das verinnerlicht hast, dann spürst du keinen Druck mehr. Wir haben nur bestimmte Noten und Skalen zur Verfügung. Unsere Aufgabe ist es, sie unterschiedlich und neu zu interpretieren. Am Ende drückt man in der Musik immer seine Emotionen aus. Wie hätte es sonst ein Genie wie Miles Davis geben können?“ Eine dicke Fußnote in der Musikgeschichte wird auch Thundercat hinterlassen…

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