26.02.2022 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Sexuelle Gewalt: Die langfristigen Kriegsfolgen

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller über sexuelle Gewalt und ihre Folgen im Rahmen bewaffneter Auseinandersetzungen.

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Kriege betreffen die verschiedenen Geschlechter nie gleichermaßen. Geschlechtsspezifische Gewalt ist Teil von Kriegen, auch wenn darüber oft nur selektiv berichtet wird. Kriegsvergewaltigungen etwa werden meist nur öffentlich thematisiert, wenn sie die „eigene“ Gruppe betreffen. Denn mit Kriegsverbrechen kann man sehr gut die Stimmung anheizen und (Kriegs-)Politik machen.

Tatsächlich sind sexuelle Ausbeutung und Massenvergewaltigungen aber systematisch eingesetzte Kriegswaffen, die in der Regel von allen Kriegsparteien dazu verwendet werden, um ihre Kriegsgegner zu terrorisieren. Sexuelle Gewalt von Männern richtet sich gegen Zivilistinnen, betrifft aber auch Männer in Gefangenschaft oder wird innerhalb der Streitkräfte ausgeübt. Selbst Frieden-sichernde Truppen verüben sexuelle Gewalt, wie Skandale in den letzten Jahren z.B. im Kongo gezeigt haben.

Kriegsvergewaltigungen sind nur eine Dimension geschlechtsspezifischer Gewalt in Kriegen. Hinzu kommt, dass Frauen in bewaffneten Konflikten oft keinen Zufluchtsort mehr vor häuslicher Gewalt finden. Geschlechtliche und sexuelle Minderheiten sind in bewaffneten Konflikten besonders häufig von Übergriffen betroffen. Manchmal werden auch kriegstraumatisierte Soldaten nach der Rückkehr in ihre Familien gewalttätig.

Bereits ohne Krieg ist sexuelle Gewalt traumatisierend und schambehaftet. Häufig werden die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen. Die Betroffenen schweigen. Auch Kriegsvergewaltigungen werden selten gemeldet und geahndet. Die weite Verbreitung unterschiedlichster Formen sexueller Gewalt in Kriegen ist allerdings vom zweiten Weltkrieg bis zum Jugoslawienkrieg gut dokumentiert. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass sich heutige Kriege im Hinblick auf geschlechtsspezifische Gewalt von früheren Kriegen unterscheiden. In der Ukraine hat bereits vor Jahren ein Bericht der UN auf Vorfälle sexueller Gewalt entlang der Kontaktlinie des bewaffneten Konflikts hingewiesen - verübt von allen Beteiligten. 2020 warnte Amnesty International davor, dass Frauen in der östlichen Ukraine von einer Gewaltepidemie betroffen sind, u.a. von einem starken Anstieg häuslicher Gewalt.

Umso wichtiger ist es, als Gesellschaft nicht die Augen vor dieser grausamen Dimension von Kriegen zu verschließen. Es braucht mehr Bewusstsein für die langanhaltenden psychologischen Folgen von sexueller Gewalt in Kriegszusammenhängen. „Eine Vergewaltigung ist immer Folter“, hat Manfred Nowak damals noch als Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen über Folter festgehalten. Für geflüchtete Menschen benötigt es deshalb immer auch einen Ausbau von traumaspezifischen Therapieangeboten in den Aufnahmeländern, damit Betroffene sexueller Gewalt ihre Erfahrungen verarbeiten können. Die Voraussetzung dafür ist allerdings: Dass sich die betroffenen Menschen ein einigermaßen sicheres und stabiles Leben aufbauen können. Denn ohne Sicherheit im alltäglichen Leben gibt es keine Traumabearbeitung, wie die Traumaforschung zeigt. Allein daran wird schon deutlich: Selbst wenn ein Krieg nur kurz dauert, die Kriegsfolgen werden uns noch lange beschäftigen.

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Barbara Rothmüller
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