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06.05.2011 08:47

Pakistan: Bin Ladens Villa als makabre Attraktion

Das Anwesen Osama bin Ladens in Pakistan, in dem der meistgesuchte Terrorist von einem US-Elitekommando erschossen wurde, ist schon nach wenigen Tagen zu einer makaberen Attraktion geworden. Täglich kommen Hunderte Besucher, Islamabad muss nun fürchten, dass die Villa, in der sich Bin Laden jahrelang unbehelligt verstecken konnte, zu einer Art Pilgerstätte seiner Anhänger werden könnte. Eine Lösung, dies zu verhindern, könnte es sein, sie einfach zu zerstören. Doch es gibt auch Stimmen dagegen.

Um zu verhindern, dass Bin Ladens Grab zur Pilgerstätte wird, beschloss das Weiße Haus, seine Leiche im Meer zu bestatten. Um jeden Mythos zu vermeiden, der Al-Kaida-Chef habe sich gar nicht in der Villa in Abbottabad aufgehalten, entschied US-Präsident Barack Obama, ihn in einer riskanten Kommando-Aktion zu stellen - statt einfach das Anwesen mit Raketen zu beschießen. Doch damit hat Pakistan nun ein Problem: Was soll mit dem Anwesen geschehen?

Schon jetzt übt die von einer hohen Mauer umgebene Villa eine morbide Faszination aus. Journalisten aus aller Welt versuchen sich selbst ein Bild darüber zu machen, wie Bin Laden über Jahre hinweg friedlich in einer Garnisonsstadt unweit von Islamabad entfernt leben konnte.

"Jeden Tag kommen mehr Menschen"
"Die Villa ist nun ein Denkmal", erklärt der 32-jährige Bauleiter Mohammed Fayaz aus Abbottabad nachdenklich. Er liest gerade in einer Lokalzeitung die Details zu Bin Ladens Tod, lange betrachtet er das Foto von dem Anwesen auf der Titelseite. "Die ganze Welt wird kommen, um es sich anzusehen", sagt er und wirkt alles andere als glücklich darüber: Neben den typischen Katastrophentouristen fürchtet Fayaz vor allem radikalislamische Pilger, die seine bisher so friedliche und wohlhabende Heimatstadt heimsuchen könnten: "Das könnte sehr gefährlich werden für uns - alles kann passieren."

Mohammad Saleem teilt die Sorge seines Nachbarn. "Jeden Tag kommen mehr Menschen", sagte der pensionierte ranghohe Polizist und runzelt die Stirn. "Wir können unmöglich wissen, wer davon ein potenzieller Anhänger Bin Ladens ist und wer nicht." Noch sei aber alles ruhig, fügt er rasch hinzu.

Zerstörung oder Umbau zu einer Schule?
Die Armee äußerte sich bisher nicht. Antiterror-Einheiten, die gegen Taliban und Al-Kaida in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan kämpfen, zerstören in der Regel die Häuser ihrer Gegner - und auch in diesem Fall kann das Militär kein Interesse daran haben, die Villa stehen zu lassen. Sollte es stimmen, was Armee und Regierung immer wieder versichern, dass niemand etwas über Bin Ladens Verbleib wusste, dann wäre das Anwesen nur ein allzu deutliches Symbol für das kollektive Versagen.

Bezirksverwaltungschef Zaheer ul-Islam glaubt weder an die Zerstörung der Villa noch daran, dass sie zu einem "Schrein" für Bin Ladens Anhänger werden könnte: "Sie wissen, dass dies hier eine Garnisonsstadt ist - und weder das Militär noch wir werden derartige Aktivitäten zulassen." Polizei-Einsatzleiter Ghulam Abbas hat eine ganz andere Idee: "Einige wollen den Komplex schließen, andere ihn zerstören. Ich finde, er sollte in eine Schule umgewandelt werden."

Khurshid Ahmed, Vize-Vorsitzender der islamistischen Partei Jamaat-i-Islami, kann die Diskussion um die Zukunft der Villa nicht verstehen. Ob Bin Laden einen "Schrein" erhält, sei unerheblich: "Es stellt sich nicht die Frage nach dem Ort, sondern nach der Idee. Ob es uns passt oder nicht, Osama ist zu einem Symbol geworden, für das Gute oder für das Schlechte."

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