Rebellen rücken vor

Gadafi-Truppen leisten erbitterten Widerstand

Ausland
28.03.2011 21:38
In Libyen sind die gegen das Regime von Muammar al-Gadafi kämpfenden Aufständischen am Montag vor der zentral gelegenen Küstenstadt Sirte auf erbitterten Widerstand der Regierungstruppen gestoßen. Entgegen ihren früheren Behauptungen haben die Rebellen die Geburtsstadt des Diktators noch nicht einnehmen können. Die Anti-Gadafi-Einheiten stünden noch etwa 120 Kilometer östlich von Sirte, wurde aus der Hauptstadt Tripolis verlautbart.

Der arabische TV-Nachrichtensender Al-Jazeera berichtete, die Rebellen hätten das Wadi Al-Ahmar (das Rote Tal) westlich von Nofilia erreicht. Die Talsenke sei von Gadafi-Truppen vermint worden. Auch in der Nähe der dahinterliegenden Anhöhen werden Stellungen der Regime-Streitkräfte vermutet.

In der Früh wurden teils heftige Explosionen in einigen Vierteln von Sirte gemeldet, was auf einen Luftangriff der westlichen Militärallianz schließen ließ. Die Aufständischen hatten zuletzt - auch dank der militärischen Unterstützung des Westens - gleich mehrere Etappensiege errungen. Nach der Rückeroberung der strategisch wichtigen Stadt Ajdabiya und des Ölhafens Ras Lanuf näherten sie sich Sirte und Tripolis. Bereits am Sonntag war das zwischen der Hauptstadt Tripolis und der Rebellen-Hochburg Bengasi gelegene Sirte Ziel von Luftangriffen der internationalen Koalition gewesen. Auch Ziele in der Hauptstadt Tripolis seien angegriffen worden.

Türkei will baldige Waffenruhe vermitteln
Das NATO-Mitglied Türkei will, wie Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan der britischen Zeitung "The Guardian" sagte, eine baldige Waffenruhe in Libyen vermitteln. Erdogan warnte davor, dass ein langwieriger Konflikt das nordafrikanische Land in einen "zweiten Irak" oder "ein weiteres Afghanistan" verwandeln könnte. Dies könnte verheerende Auswirkungen auf Libyen und die NATO-Länder haben, die die Militärintervention anführten. Der Premier sagte, dass Gespräche mit der libyschen Regierung und dem "Nationalen Übergangsrat" der Aufständischen weiter liefen.

Die türkische Regierung hatte nach zunächst heftigem Widerstand einer NATO-Führung des Libyen-Einsatzes zugestimmt. Laut Beschluss des UNO-Sicherheitsrates sind zum Schutz der Zivilbevölkerung "alle notwendigen Maßnahmen" erlaubt. NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sagte, nach der Übernahme der Verantwortung für sämtliche Einsätze durch das Bündnis müssten nun die Mitglieder entscheiden, ob und wie sie sich daran beteiligen. Als einziges Bündnisland hat Deutschland eine Beteiligung an dem Einsatz ausgeschlossen.

USA wollen Einsatz zurückfahren
Indes wollen die USA ihre militärische Rolle in der internationalen Koalition zurückfahren, nachdem die NATO das gesamte Kommando für den Militäreinsatz in Libyen übernommen hat. US-Verteidigungsminister Robert Gates sagte, die USA würden durch nachrichtendienstliche Tätigkeiten, Überwachung und Aufklärung eine unterstützende Funktion einnehmen.

Gates und Außenministerin Hillary Clinton traten am Sonntag in verschiedenen US-Talkshows auf, um den Einsatz vor der kriegsmüden US-Bevölkerung zu rechtfertigen. Gates begründete den Einsatz im Sender ABC unter anderem damit, dass es eine Massenflucht von Flüchtlingen nach Tunesien und Ägypten hätte geben können, was beide Länder destabilisiert und die Entwicklungen nach den Revolutionen dort gefährdet hätte. Clinton erklärte, die Kritiker des Einsatzes müssten sich fragen, wie die Dinge jetzt lägen, wenn die USA nicht eingeschritten wären. 

Die USA flogen bisher die meisten Einsätze in Libyen. Nach Pentagon-Angaben wurden allein zwischen Samstagabend und Sonntagnachmittag von 167 Lufteinsätzen 97 von der US-Luftwaffe ausgeführt. Die USA, Frankreich und Großbritannien fliegen seit mehr als einer Woche Luftangriffe gegen Libyen. Vor allem Washington hatte sich für eine schnelle Kommandoübernahme durch die NATO ausgesprochen.

"Anhänger sollen sich von Gadafi abwenden"
Unterdessen haben Frankreich und Großbritannien nur einen Tag vor dem Treffen der internationalen Libyen-Kontaktgruppe die Anhänger von Muammar al-Gadafi aufgefordert, dem Machthaber die Unterstützung zu entziehen. "Wir rufen alle seine Anhänger auf, ihn zu verlassen, bevor es zu spät ist", hieß es in einer gemeinsamen Erklärung des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und des britischen Regierungschefs David Cameron, die am Montag veröffentlicht wurde.

Sarkozy und Cameron appellierten an die Libyer, den Übergangsprozess einzuleiten, bei dem der oppositionelle Nationalrat eine zentrale Rolle einnehmen solle. "Wir rufen alle Libyer auf, die der Meinung sind, dass Gadafi Libyen in die Katastrophe führt, sich ab sofort bereitzuhalten, um einen Übergangsprozess zu gestalten". Gadafi müsse sofort zurücktreten, seine Regierung habe jede Rechtmäßigkeit verloren. Frankreich hatte als einziges Land bisher den Nationalrat als rechtmäßige Vertretung Libyens anerkannt.

Vertreter aus rund vierzig Ländern kommen am Dienstag zum ersten Treffen der Libyen-Kontaktgruppe in London zusammen. Die Gruppe soll die "politische Steuerung" des seit zehn Tagen andauernden Militäreinsatzes übernehmen und die Zeit nach Gadafi vorbereiten.

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