21.03.2011 15:50 |

Libyen-Intervention

Angriff auf Gadafi-Kaserne, Rebellen weiter bedrängt

Die Luftschläge der Alliierten gegen Ziele in Libyen sind in der Nacht auf Montag unvermindert weitergegangen. Eine Kommandozentrale der Streitkräfte in Tripolis, nur wenige Meter von der Residenz Muammar al-Gadafis entfernt, wurde bei einem Luftangriff zerstört. Das Angebot einer Waffenruhe der libyschen Armee erwies sich indes als schlichte Lüge - die Gadafi-Truppen rückten noch in der Nacht und auch tagsüber weiter gegen die Rebellen vor. Laut letzten Angaben der Oppositionellen sind bisher 8.000 Aufständische getötet worden. Die NATO ist weiterhin gespalten über eine Beteiligung an der Militäraktion.

Bei dem Angriff am Sonntagabend wurde ein Gebäude in der riesigen Bab-al-Asisija-Kaserne (Satellitenbild re.), in der sich auch die Residenz Gadafis befindet, in Schutt und Asche gelegt. Der Nachrichtensender CNN berichtete unter Berufung auf die Koalitionstruppen, dass das Gebäude als militärisches "Kommando- und Kontrollzentrum" der libyschen Truppen diente. Das sei auch der Grund dafür gewesen, weshalb es zerstört worden sei.

Der Komplex liegt rund 50 Meter von Gadafis Zelt entfernt, in dem er häufig offiziellen Besuch empfängt. Vonseiten der USA hieß es aber weiterhin, der Diktator selbst sei kein Ziel. Die britische Regierung relativierte dies wiederum und meinte, Gadafi könnte indirekt zum Ziel werden, wenn er sich in einem Armee-Komplex, der zur Durchsetzung des Flugverbots angegriffen wird, aufhält.

Brisant wurde bei dem Angriff auch erneut die Frage menschlicher Schutzschilde, die Gadafi bzw. seine Anhänger seit Beginn der Intervention bilden. Auf dem Kasernen-Gelände befanden sich zur Zeit des Angriffs nach britischen Medienberichten rund 300 Gadafi-Anhänger. Ob es Verletzte gab, war zunächst unklar. Nicht bekannt war zudem, ob Gadafi während des Angriffs vor Ort war.

"Das war ein barbarischer Angriff"
Das libysche Regime legte den Beschuss einmal mehr als Anschlag der "westlichen Kreuzritter" gegen ein ziviles Ziel aus. "Das war ein barbarischer Angriff", sagte Regierungssprecher Mussa Ibrahim am Sonntagabend und zeigte Splitter, die nach seinen Angaben von einer Rakete stammten. Westliche Journalisten wurden zwei Stunden nach dem Luftschlag über das Gelände geführt, auf dem auch Kasernen und Luftabwehrbatterien untergebracht sind. Der Raketenangriff widerspreche Zusagen der USA und Großbritanniens, den Komplex nicht anzugreifen, so Ibrahim.

Die alliierten Streitkräfte haben indes in der Nacht auf Montag die zweite Welle von Luftangriffen auf das nordafrikanische Land gestartet. Ein britisches U-Boot feuerte dabei nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums erneut mehrere Tomahawk-Marschflugkörper gegen die Luftabwehr Gadafis ab. "Wir und unsere internationalen Partner setzen den Einsatz im Rahmen der UN-Resolution 1973 fort", teilte das Verteidigungsministerium in London mit. In Süditalien seien zudem weitere britische Tornados in Bereitschaft versetzt worden.

"Waffenruhe" von beiden Seiten ignoriert
Etwas mehr als 24 Stunden nach Beginn der internationalen Militär-Intervention gegen das Blutvergießen in Libyen hatte das Gadafi-Regime am Sonntag erneut einen Waffenstillstand ausgerufen. Die Streitkräfte seien angewiesen worden, das Feuer sofort einzustellen, verkündete ein Sprecher der Armee. Man folge mit der Waffenruhe einem Vorschlag der Afrikanischen Union, hieß es. Nähere Angaben, vor allem, ob Gadafi selbst die Maßnahme angeordnet hat, gab es vorerst aber nicht. Die libysche Armee hatte bereits am Freitag eine Waffenruhe verkündet, danach gab es aber Blitzangriffe auf die Rebellen-Hochburgen Bengasi und Misrata.

Auch am Sonntagabend hieß es, Gadafis Truppen würden weiterhin kämpfen. Die britische Regierung erklärte daraufhin, man könne die erneute Ankündigung nicht ernst nehmen. Der Sicherheitsberater von US-Präsident Barack Obama, Tom Donilon, spottete: "Es ist einfach nicht wahr - oder die Waffenruhe wurde sofort wieder verletzt." Ein hoher Beamter des Weißen Hauses sagte: "Wir werden Gadafis Handlungen beachten, nicht seine Worte."

Gadafi-Truppen bedrängen weiterhin Rebellen-Städte
Spätestens am Montagvormittag war dann klar, dass die Waffenruhe nur eine Lüge gewesen sein konnte. Truppen und Söldner-Verbände des libyschen Diktators griffen Stellungen der Rebellen in der Stadt Sintan an, wie der Sender Al-Arabiya unter Berufung auf Augenzeugen berichtete. Bewohnern zufolge ist zudem Misrata von Gaddafi-Truppen eingekesselt und von der Wasserversorgung abgeschnitten. Im Stadtzentrum halten sich demnach bewaffnete Gaddafi-Truppen im Zivil auf und brachten Zivilisten in ihre Gewalt, um sie dort als menschliche Schutzschilde einzusetzen.

Und jene Gadafi-treuen Einheiten, die am Samstag auf die Rebellenhochburg Bengasi zumarschierten und im letzten Moment von den westlichen Angriffen gestoppt wurden, nahmen dafür am Montag in der 160 Kilometer weiter südlich gelegenen Stadt Ajabija erneut Aufstellung. Am Morgen sammelten sich daraufhin Hunderte Rebellen vor Ajabija mit dem Ziel, die Stadt zurückzuerobern. Offenbar angespornt durch die über ihnen fliegenden Jagdbomber der internationalen Koalition, näherten sich die Rebellen der Stadt bis auf eine Entfernung von fünf bis zehn Kilometern.

Bewaffnet waren die Aufständischen mit Katjuscha-Raketen und auf Lastwagen montierten Flugabwehrgeschützen. Als die Regierungseinheiten die Rebellen mit schwerer Artillerie beschossen, ergriffen diese jedoch ungeordnet die Flucht. Wie in Misrata seien mittlerweile auch in Ajabija sämtliche Telefonverbindungen und die Wasserversorgung unterbrochen.

"Grüner Marsch" auf Bengasi angekündigt
Gadafi hatte zuvor angekündigt, Tausende seiner Anhänger auf Bengasi marschieren lassen. Die staatliche Nachrichtenagentur Jana meldete in der Nacht auf Montag, Gadafi habe sich mit Mitgliedern eines Volkskomitees getroffen, um diesen "grünen Marsch" nach Bengasi zu organisieren. Die "Demonstranten", zu denen Abgeordnete der verschiedenen Stämme des Landes gehören sollten, würden sich "mit Olivenzweigen in der Hand" in friedlicher Absicht auf dem Weg in die Stadt im Osten machen, hieß es.

Sie würden jedoch von bewaffneten Bürgern begleitet, da die andere Seite ebenfalls bewaffnet sei. Ziel dieser Demonstration sei es, die Pläne der Ausländer zu durchkreuzen, die Libyen zersplittern und ausplündern wollten. Bengasi ist die größte Stadt, die von den Aufständischen kontrolliert wird.

In einer Ansprache am Sonntagmorgen hatte Gadafi den Alliierten einen langen Abwehrkampf versprochen. "Dies ist nun eine Konfrontation des libyschen Volkes mit Frankreich, Großbritannien und den USA, mit den neuen Nazis", erklärte er. Alle Libyer würden sich nun bewaffnen, nachdem die Rüstungsdepots für sie geöffnet worden seien. Im Krieg gegen die "Kreuzritter" werde "das ganze Mittelmeer zum Schlachtfeld", drohte Gadafi. Die Kriegsgegner bezeichnete er als "Monster" und "Kriminelle". "Ihr werdet stürzen, wie Hitler gestürzt ist. Alle Tyrannen stürzen."

Libyen ortet zivile Opfer, Alliierte dementieren
In der Nacht auf Sonntag hatten französische und britische Kampfjets Panzer und Stellungen der libyschen Truppen vor Bengasi angegriffen, um einen drohenden Einmarsch der Gadafi-Söldner in die Stadt zu verhindern. Rauchende Panzer und Leichen von jungen Kämpfern, die Gadafi offenbar in afrikanischen Nachbarländern angeheuert hatte, säumten am Sonntagmorgen die Straßen vor der zweitgrößten Stadt Libyens. In der Nacht feuerten außerdem die USA und Großbritannien von Schiffen und U-Booten im Mittelmeer aus über 100 Marschflugkörper auf strategische Ziele in Küstennähe. Mit Tarnkappenbombern wurde nahe Tripolis ein Militärflughafen der libyschen Armee angegriffen.

Das von Gadafi kontrollierte libysche Fernsehen vermeldete am Sonntag, dass die Angriffe den Tod von 64 Menschen verursacht hätten, präzisierte aber weder die Umstände, noch ob es sich dabei um Zivilisten oder Militärangehörige gehandelt hat. Aus Tripolis berichteten die Staatsmedien am Sonntag, dass 50 "Märtyrer" zu Grabe getragen worden seien, die bei den Angriffen in der Nacht getötet worden waren. Die westlichen Militärs dementierten hingegen, dass bisher Zivilpersonen zu Schaden kamen. "Es gibt keine Information über getötete Zivilisten", sagte der französische Regierungssprecher Francois Baroin am Montag. Ähnlich hatten sich auch die USA geäußert. Es gebe "keine Anzeichen" für zivile Opfer in den Gebieten, die von der internationalen Koalition angegriffen worden seien, sagte US-Vizeadmiral Gortney am Sonntag.

Das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR schätzt indes, dass bereits 318.00n dürften rund 137.000 Menschen Schutz vor den Kampfhandlungen in Libyen suchen. Es sei zu erwarten, dass in Libyen selbst demnächst 600.000 Menschen von humanitärer Hilfe abhängigen sein werden.

NATO zutiefst gespalten - Türkei blockiert
Auch zwei Tage nach Beginn der Militäraktion gegen Libyen ist die NATO noch tief gespalten über eine mögliche Beteiligung. Bei Sondersitzungen wollen die Botschafter der 28 NATO-Staaten am Montag in Brüssel einen neuen Anlauf für eine Einigung machen. Ziel ist es, ein Mandat für die Überwachung der vom UN-Sicherheitsrat genehmigten Flugverbotszone gegen Libyen zu erreichen.

Doch die Militärallianz ist zerstritten wie selten - dabei müssen Entscheidungen einstimmig fallen. Nach Diplomatenangaben blockiert vor allem die Türkei. Das Land beteiligt sich nicht an dem Militäreinsatz und warnt vor negativen Folgen für die NATO. Auch Bulgarien kritisiert die Offensive und bemängelt die Planung der Aktion sowie das Risiko ziviler Opfer. Zudem wolle Frankreich die Führung des Einsatzes nicht an das Bündnis abtreten. Mehrere Bündnispartner hätten beim NATO-Rat am Sonntag das Vorpreschen von Franzosen, Briten und Amerikanern kritisiert, verlautete aus dem Hauptquartier. Einige Länder fühlten sich schlecht informiert.

Weitere Länder beteiligen sich an Kampfeinsatz
Nach den ersten beiden Tagen steht nun auch die Erweiterung der am Militäreinsatz beteiligten Streitkräfte bzw. Länder an. Außer den USA, Frankreich und Großbritannien hatten ja noch Kanada, Spanien, Italien, Dänemark, Norwegen, Belgien, die Niederlande, Griechenland und mit Katar auch ein arabischer Staat ihre Teilnahme zugesagt.

Italien, lange Zeit ein Verbündeter Gadafis, wollte zunächst nur seine Militärflughäfen zur Verfügung stellen. Verteidigungsminister Ignazio La Russa teilte am Sonntag jedoch mit, dass sich insgesamt acht Tornado-Kampfjets der italienische Luftwaffe an der Operation "Odyssey Dawn" beteiligen würden. Die ersten drei sind laut italienischen Berichten bereits am Sonntagabend von der Luftwaffenbasis Trapani-Birgi in Sizilien aufgestiegen. Das Ziel ihres Fluges wurde zunächst nicht mitgeteilt.

Katar schickt als erstes arabisches Land Flugzeuge
Strategisch weitaus wichtiger für die Akzeptanz des Einsatzes in der muslimischen Welt wird indes die Beteiligung eines arabischen Staates an der größten militärischen Intervention seit dem Einmarsch im Irak bewertet. Umso mehr, nachdem der Präsident der Arabischen Liga, Amr Moussa, am Sonntag heftige Kritik an den Bombardements der Anti-Gadafi-Koalition geübt hatte (siehe Infobox). Die arabische Beteiligung soll ab Montag nun mit den Streitkräften des Emirats Katar erfolgen. Nach Angaben des französischen Verteidigungsministeriums beschloss der Staat, sich mit vier Flugzeugen am internationalen Militäreinsatz zu beteiligen und seine Ankündingung endgültig umzusetzen. Ein Ministeriumssprecher sagte in Paris, dies sei ein "entscheidender Punkt" und zeige "die arabische Teilnahme an der Operation".

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