Motoren-Killer?

D: Autofahrer boykottieren neuen Biosprit E10

Ausland
07.03.2011 09:30
Ein Biosprit-Chaos sondergleichen lähmt derzeit unseren Nachbarn Deutschland. Autofahrer boykottieren die per staatlicher Verordnung eingeführte Sorte E10, die das bisherige Super ersetzen soll. E10 enthält zehn Prozent Pflanzen-Anteil, kann aber bestimmte Motoren schädigen. Die Folge des Boykotts: Das "alte" Super, das kaum noch vorrätig war, wird langsam knapp. Die Verantwortlichen schieben sich derweil gegenseitig die Schuld zu.

Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) verteidigte in der "Bild am Sonntag" den mit zehn Prozent Ethanol aus Weizen, Zuckerrüben und Mais versetzten Biosprit. Die Einführung von E10 diene auch dazu, die Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren. Die Grünen fordern hingegen ein vorläufiges Aus. In Österreich, wo die Einführung von E10 zwar erst für Oktober 2012 geplant ist, regt sich ob des Chaos in Deutschland Skepsis.

Scheitert E10, könnte die von der EU vorgegebene Biosprit-Quote im laufenden Jahr nach Ansicht von Experten kaum erfüllt werden - dann drohen Strafzahlungen, die die Benzinbranche als versteckte Steuererhöhungen auf die Spritpreise aufschlagen könnte. In der schwarz-gelben Koalition wächst der Unmut über Röttgens Krisenmanagement - so geht der für Dienstag einberufene "Benzin-Gipfel" auf die Initiative des für E10 gar nicht zuständigen Wirtschaftsministers Rainer Brüderle (FDP) zurück. Das "Sensorium für Stimmungen und Sensibilitäten in der Bevölkerung" sei im Umweltministerium ausgesprochen unterentwickelt, sagte FDP-Fraktionsvize Patrick Döring der "Welt am Sonntag".

Macht E10 vermehrte Ölwechsel erforderlich?
Unterdessen äußerte der Leiter der BMW-Mechanikentwicklung, Thomas Brüner, den Verdacht, dass Motoren durch E10 stärker als bisher bekannt in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. "Das Wasser kondensiert aus den Verbrennungsgasen und gelangt ins Öl, das dadurch verdünnt wird und schneller altert", sagte Brüner der Zeitung. Daher könne es sein, dass Ölwechselintervalle verkürzt werden müssten.

Ein BMW-Sprecher betonte jedoch, an der grundsätzlichen Einschätzung habe sich nichts geändert. "In allen BMW-Pkw-Modellen sämtlicher Baujahre ist der unbedenkliche Einsatz von E10 Kraftstoffen möglich", heißt es in einem Informationsschreiben. Ein Daimler-Sprecher sagte, es gebe keine Erkenntnisse, dass Wagen des Stuttgarter Herstellers wegen des neuen Kraftstoffs häufiger zum Ölwechsel müssten oder andere Probleme hätten. 95 Prozent der Daimler-Autos, die jünger als 25 Jahre sind, schafften es "locker", mit dem E10-Benzin klarzukommen.

Grüner fordert Aus für E10
Der Vorsitzende des Bundestags-Verkehrsausschusses, Winfried Hermann (Grüne), sagte der "Welt am Sonntag", der geplante Benzin-Gipfel sei "eher ein Gipfel der Nachsorge, weil die Bundesregierung die vorsorgende Koordination vergessen hat". Hermann forderte ein Aus für das Biosprit-Projekt: Es müsse jetzt zunächst geklärt werden, welche Motoren den Sprit wirklich vertragen und worin der ökologische Nutzen bestehe. Der "Rheinpfalz am Sonntag" sagte Hermann, den Autofahrern sei die Verunsicherung nicht länger zuzumuten.

Der Autofachmann Ferdinand Dudenhöfer sagte der Nachrichtenagentur dpa, wenn E10 scheitere, drohe Deutschland auch angesichts des Hinterherhinkens bei der Elektromobilität zum Schlusslicht in Sachen Umweltfreundlichkeit im Verkehr zu werden. Er sprach von einem drohenden "Gau für die Bundesregierung". Denn bereits 2009 sollte E10 in Deutschland angeboten werden. Kurz vor Ende der Vorbereitungen stoppte der damalige Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) die Einführung - auch damals gab es vor allem Verträglichkeitsbedenken.

Ministerin: "Konzerne stehlen sich aus der Verantwortung"
Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) warf der Wirtschaft "gravierende Versäumnisse" vor. "Es kann nicht sein, dass die Autofahrer jetzt am Ende die Rechnung dafür bezahlen sollen, dass sich einzelne Konzerne aus der Verantwortung stehlen", sagte Aigner der "Rheinischen Post". Die Einführung von E10 dürfe nicht dazu genutzt werden, Spritpreise in die Höhe zu treiben.

Auch der ADAC sieht die Schuld für das E10-Chaos bei der Mineralölwirtschaft. "Der Einführungsprozess von Super E10 verlief von Anfang an unglücklich. Dabei haben sich die Mineralölkonzerne wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert", sagte ADAC-Präsident Peter Meyer den Dortmunder "Ruhr Nachrichten". Sie hätten es versäumt, die Autofahrer umfassend über die Qualitäten des neuen Kraftstoffs zu informieren. Aber auch die Automobilhersteller hätten ihre Kunden nur halbherzig informiert, ob ihr Fahrzeug E10 vertrage oder nicht.

Einführung in Österreich könnte verschoben werden
In Österreich werden angesichts des Biosprit-Chaos in Deutschland Stimmen nach einer späteren Einführung des E10-Sprits laut. Der Autofahrerclub ARBÖ rief am Freitag Umweltminister Nikolaus Berlakovich (ÖVP) dazu auf, die für Oktober 2012 geplante Einführung der neuen Sorte zu verschieben. Der ÖAMTC verlangte verbindliche Angaben der Autohersteller über die Verträglichkeit des Kraftstoffs.

Christoph Capek, Fachverbandsgeschäftsführer der Mineralölindustrie, plädierte laut einem Medienbericht dafür, den Sprit E10 erst zwei Jahre später einzuführen. Da es in Österreich die entsprechende Kraftstoffverordnung noch gar nicht gebe, "würden wir mit einer Verschiebung nicht viel verlieren, was Emissionssparziele betrifft". Im Umweltministerium hatte es am Freitag geheißen, man werde E10 erst einführen, wenn technische Verlässlichkeit für alle Autofahrer besteht. "Wir hoffen, dass dies 2012 der Fall sein wird", ließ Berlakovich wissen.

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