"Kampf gegen Jihad"
Gadafi will UNO-Ermittlerteam ins Land lassen
"Ich bin überrascht, dass niemand versteht, dass das ein Kampf gegen den Terrorismus ist", beschwerte sich Gadafi in der französischen Zeitung über mangelnde Unterstützung aus dem Ausland. Er kämpfe gegen die Drohung eines "islamischen Jihad im Mittelmeerraum". "Unsere Sicherheitsdienste arbeiten zusammen. Wir haben euch in den vergangenen Jahren so sehr unterstützt", sagte er. "Warum hilft uns dann niemand im Gegenzug, wenn wir hier in Libyen gegen den Terrorismus kämpfen?"
Wenn die Aufständischen, ermuntert vom Umsturz in den Nachbarländern Tunesien und Ägypten, auch in Libyen Erfolg hätten, werde der islamische Heilige Krieg den gesamten Mittelmeerraum erreichen, sagte Gadafi von seinem Hauptquartier in Tripolis aus zu den Journalisten. "Dann würde es einen islamischen Jihad direkt vor euch geben." Er warnte die europäischen Staaten außerdem vor einer Flüchtlingswelle aus Libyen, sollte er seine Macht abgeben müssen.
EU schickt Erkundungsteam
Unterdessen hat die Europäische Union zur Vorbereitung des Libyen-Sondergipfels am kommenden Freitag ein internationales Erkundungsteam in Richtung Tripolis geschickt. Die von dem italienischen Krisenhilfeexperten Agostino Miozzo geleitetet Gruppe soll in den nächsten Tagen prüfen, wie die 27 EU-Staaten weitere Unterstützung für die Menschen im Land leisten können. Ziel der Mission seien Informationen aus erster Hand und in Echtzeit, ließ die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton am Sonntag in Brüssel mitteilen.
Rund 200.000 Menschen auf der Flucht
Nach Angaben der UNO sind bisher mehr als 191.000 Menschen vor den Kämpfen zwischen den Truppen Gadafis und Regierungsgegnern außer Landes geflohen. Zudem seien rund zehntausend Menschen auf dem Weg zur ägyptischen Grenze, wo sie in zwei oder drei Tagen eintreffen dürften, teilte das UN-Büro für humanitäre Angelegenheiten (OCHA) unter Verweis auf Zahlen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mit.
Bislang schwerste Kämpfe in Tripolis
Unterdessen toben in der Hauptstadt Tripolis schwere Gefechte. Wie ein Korrespondent der britischen BBC aus der Stadt berichtete, war das Feuer von Maschinengewehren und anderen schweren Waffen zu hören. Es sei unklar, woher die Schüsse kamen oder wer sie abgefeuert hat. Es habe sich aber um den schwersten Schusswechsel in Tripolis seit Ausbruch der Unruhen gehandelt, hieß es. Zwar hatte es auch in der Hauptstadt immer wieder Demonstrationen gegeben, diese waren aber von den Sicherheitskräften schnell niedergeschlagen worden.
Salven automatischer Waffen hallten durch die Nacht. Gesänge von Anhängern des Machthabers Muammar al-Gadafi waren zu hören. Zahlreiche Autos rasten hupend durch die Straßen. Ein Sprecher der Regierung sagte, es gebe keine Kämpfe in der Stadt. "Ich versichere Ihnen, es gibt keine Kämpfe in Tripolis. Alles ist sicher. Tripolis ist zu 100 Prozent unter Kontrolle." Was zu höre sei, sei ein Freudenfeuerwerk, sagte der Regierungssprecher. "Die Menschen sind auf den Straßen, sie tanzen auf dem Platz." Zugleich rate er aber dazu, zur eigenen Sicherheit nicht nach draußen zu gehen.
Ein Bewohner von Tripolis sagte der BBC am Telefon, er glaube nicht, dass es Freudenschüsse waren. Gewehrfeuer sei auch in der Umgebung des Flughafens zu hören gewesen. Die im Westen des Landes gelegene Hauptstadt ist die wichtigste Hochburg Gadafis.
Regierungstruppen rücken in Richtung Bengasi vor
Regierungstruppen haben indes nach einem Bericht des staatlichen Fernsehens zwei Küstenstädte zurückerobert und rücken nun in Richtung Rebellenhochburg Bengasi vor. Die loyal zu Diktator Gadafi stehenden Truppen hätten Al-Sawija und Misurata unter ihre Kontrolle gebracht, berichtete das Fernsehen am Sonntagmorgen unter Berufung auf einen Militärvertreter. Ein Augenzeuge in Misurata wies gegenüber dem Sender Al-Jazeera diese Behauptungen zurück.
Um Al-Sawija im Westen hatte es in den vergangenen beiden Tagen heftige Kämpfe zwischen Aufständischen und Gadafi-treuen Soldaten gegeben. Die Rebellen hatten am Samstag zwei Angriffe abgewehrt. In der Nacht zu Sonntag war es zunächst ruhiggeblieben. Al-Sawija liegt rund 50 Kilometer westlich der Hauptstadt Tripolis.
Bengasi, die im Osten gelegene zweitgrößte Stadt Libyens, ist seit Tagen unter der Kontrolle der Aufständischen. Von dort aus rücken sie gegen Westen auf Gadafis Heimatstadt Sirte vor. Die Aufständischen erklärten, sie hätten bereits die Kontrolle über Bin Jawad erlangt. Die Stadt liegt etwa 160 Kilometer östlich von Sirte.
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