Aufstand in Libyen

Bilder und Videos zeigen die Schlacht um Bengasi

Ausland
25.02.2011 12:34
Vermüllte Straßen, ausgebrannte Regierungsgebäude; die Kinder spielen auf zerstörten Panzern, während die Erwachsenen die Munitionslager der Armee plündern. Aus Bengasi, dem mittlerweile voll in der Hand der Opposition befindlichen Ausgangsort der Unruhen in Libyen, ist am Freitag erstmals eine größere Zahl an Fotos und Videoaufnahmen, die den Aufstand und dessen Nachwirkungen dokumentieren, an die Öffentlichkeit gelangt. Indes beginnt ein "Marsch der Millionen" auf Tripolis.

Bei den Kämpfen zwischen Gadafi-Truppen und Aufständischen sind allein in Bengasi mindestens 400 Menschen ums Leben gekommen. Die Zahl nannte der Sicherheitschef der ostlibyschen Stadt, Nuri al-Obeidi, der sich inzwischen den Aufständischen angeschlossen hat. Rund 1.300 Menschen seien verletzt worden. Der in Frankreich ansässige Internationale Verband der Menschenrechtsligen hatte bisher von mindestens 640 Toten seit Beginn der Proteste vor rund einer Woche gesprochen.

Al-Obeidi berichtete außerdem von einem unterirdischen Gefangenenlager, das man auf einem Stützpunkt einer von Chamies al-Gadafi, einem Sohn des Staatschefs, befehligten Militäreinheit entdeckt habe. Unter den rund 90 befreiten Gefangenen seien auch Deserteure gewesen, die sich geweigert hätten, auf Regimegegner zu schießen. "Die Stadt ist jetzt sicher", sagte al-Obeidi. "Die Jugend schützt die Wasser- und Stromversorgung."

Information fließt wieder
Im Osten Libyens, wo das Gadafi-Regime nie wirklich absoluten Einfluss hatte, wechseln Siegesfeiern mit Anti-Gadafi-Demonstrationen, bei denen die Bürger nun nicht mehr von Söldnertruppen oder Luftangriffen gestört werden. Da das Regime hier den Informationsfluss nicht mehr kontrollieren kann und - im Gegensatz zum Rest des Landes - über kein engmaschiges Netz an Checkpoints verfügt, an denen regierungstreue Militärs und Polizisten Fotoapparate und Mobiltelefone konfiszieren, dringen erstmals Bilder und Videos der vergangenen Tage nach draußen.

Über internationale Bildagenturen wie die US-amerikanische Associated Press oder die staatliche chinesische Agentur Xinhua wurden am Donnerstag und Freitag ein ganzer Schub an aktuellen und teils eine Woche alten Bildern aus Bengasi verbreitet (krone.at zeigt sie gesammelt und kommentiert - siehe Infobox). Die Aufnahmen zeigen eindrucksvoll den "Wahnsinn", der sich in der östlichen Hafenstadt abgespielt hat. Eindrucksvoll auch ein Video (siehe oben) einer Straßenschlacht zwischen Regierungstruppen und Aufständischen in Bengasi, das Anfang der Woche gedreht wurde.

Saif al-Islam: "Land offen für ausländische Reporter"
Gadafis Sohn Saif al-Islam erklärte das Land am Donnerstag demonstrativ "offen für ausländische Journalisten". "Wir sagen der Welt, dass wir das Land für Journalisten aus der ganzen Welt geöffnet haben", zitierte die staatliche libysche Nachrichtenagentur Jana Saif al-Islam, der sich in seinem Fernsehsender Al-Libya geäußert hatte. Er rechne damit, dass die Reporter "zu Hunderten" kommen würden. Sämtliche Journalisten und Diplomaten könnten sich so vor Ort überzeugen, dass es keine Luftangriffe auf Demonstranten gegeben habe, fügte Gadafis Sohn hinzu.

Der libysche Vize-Außenminister Khaled Kaim hatte noch am Mittwoch erklärt, dass "illegal" ins Land gereiste Reporter als "Unterstützer von Al-Kaida und als Verbrecher" betrachtet würden.

Gadafi bot Söldern 8.000 Euro für jeden toten Gegner
Neben Bengasi hat auch in den Städten Al-Baida, Derna und Tobruk das Blutvergießen geendet. In Tobruk versammelten sich Regierungsgegner am Donnerstagbend auf dem zentralen Märtyrerplatz und forderten das Ende der Gadafi-Herrschaft: "Das Regime von Muammar soll fallen." In Tobruk, einer Anti-Gadafi-Hochburg, sollen vor der Übernahme der Kontrolle durch Aufständische vier Zivilisten getötet und 27 verletzt worden sein.

Ein übergelaufener Polizist in der nordostlibyschen Stadt Al-Baida berichtete der Agence France Presse, dass Aufständische dort 200 Söldner getötet hätten. Den ausländischen Soldaten seien vom Regime 12.000 Dollar (8.713 Euro) für jeden getöteten Gadafi-Gegner geboten worden, hieß es. In mehreren Ortschaften im Osten Libyens wurden den Angaben zufolge auch am Donnerstag noch weitere Polizeidienststellen angezündet. In den Orten Al-Kubba, Labrak und Derna sind in den vergangenen Tagen insgesamt 38 Zivilisten getötet und Dutzende verletzt worden.

Tobruk: "Die Angst ist jetzt bei Gadafi in Tripolis"
In die Euphorie der Libyer, die in Tobruk ihren Sieg über die von der Staatsmacht geschickten Soldaten und Söldner feiern, mischen sich auch Rufe nach Rache. "Wir haben hier die Mauer der Angst niedergerissen, jetzt ist die Angst bei Gadafi in Tripolis", jubelt Abdulhamid Abu Bakr. Der 53-Jährige hat, wie er einem Korrespondenten der dpa sagte, noch eine Rechnung offen mit Gadafi. Als junger Mann saß er eineinhalb Jahre als politischer Gefangener in Haft und wurde gefoltert. Abu Bakr freut sich nicht nur, dass die Menschen in seiner Heimat, dem Osten von Libyen, ein Regime abgeschüttelt haben, das sie trotz der angeblichen "Herrschaft des Volkes" über Jahrzehnte in einem Zustand der Unmündigkeit gehalten hat. Er sieht den libyschen Volksaufstand im regionalen Zusammenhang: "Alle arabischen Völker sollen die Möglichkeit haben, selbst über ihr Schicksal zu bestimmen."

Die Zerstörung in Tobruk ist groß. Im Rausch der "Revolution" haben die Einwohner die meisten öffentlichen Gebäude angezündet. Stolz zeigen die Mitglieder der neu gegründeten Bürgerwehren Reportern das ausgebrannte Gebäude des Geheimdienstes. Auf der Straße wird Brot umsonst verteilt, nachdem es in der Stadt tagelang kein frisches Brot mehr gegeben hatte. Viel Menschen strömen herbei. Sie haben über den lokalen Radiosender, der sich nun "Radio Freies Tobruk" nennt, erfahren, wo es jetzt wieder Brot gibt.

Auch der Direktor des Al-Batnan-Krankenhauses, Abdulrasak Zidan, ist vom Geist des Aufstandes erfasst. Sein Krankenhaus hat vor einigen Stunden medizinische Hilfsgüter aus Ägypten erhalten. Nach den Tagen der Gewalt und der Angst geht es aus seiner Sicht nun wieder bergauf. Der Ingenieur Saleh Fuad, der für die Nationale Öl-Gesellschaft arbeitet, hofft, dass es im Osten Libyens, wo die Infrastruktur viel schlechter ist als in der Region um Tripolis, jetzt auch wirtschaftlich vorangehen wird. Er sagt: "Wir fördern hier in Tobruk 300.000 Barrel Öl pro Tag, wohin ging dieses Geld bisher? In die Taschen von Gadafi und seiner Familie."

"Marsch der Millionen auf Tripolis" - Lage immer prekärer
Kaum Informationen und so gut wie keine Bilder dringen indes aus der libyischen Hauptstadt Tripolis an die Weltöffentlichkeit. Die Gegner Gadafis im Osten verkündeten am Freitagvormittag allerdings einen "Marsch der Millionen" auf die Hauptstadt, um Gadafi und sein Regime zu stürzen. Am Nachmittag soll der Protestzug aus allen "befreiten" Städten bis nach Tripolis beginnen.

Die Lage in der Hauptstadt wird auch für ausländische Diplomaten immer prekärer. Das österreichische Personal der Botschaft in Tripolis ist am Freitag an die libysch-tunesische bzw. an die libysch-ägyptische Grenze verlegt worden. Die Botschaft in der libyschen Hauptstadt bleibe aber weiterhin mit lokalen Mitarbeitern geöffnet. Ausschlaggebend für die Entscheidung waren laut Außenministeriums-Sprecher Peter Launsky-Tieffenthal drei Überlegungen: Wie man den in Libyen verbleibenden Österreichern am besten helfen könne, die "weiterhin prekäre Sicherheitslage" im Land sowie die massiven Kommunikationsprobleme.

Botschafterin bleibt an der Grenze
Zwei Unterstützungsteams, bestehend aus österreichischem Botschaftspersonal aus Kairo bzw. Tunis, werden gemeinsam mit den zwölf Botschaftsleuten aus Tripolis ihre "Aktivitäten an den jeweiligen Grenzen" fortsetzen. Zusammen mit dem Krisenstab in Wien könne so die Kommunikation mit den etwa 35 noch in Libyen befindlichen Österreichern verbessert werden. 

Im Gespräch mit der "Krone" meinte Botschafterin Dorothea Auer, eine gebürtige Oberösterreicherin, am Donnerstag noch, sie wolle so lange in Tripolis bleiben, wie sie gebraucht werde "und es die Umstände zulassen" (ausführlicher Bericht siehe Infobox). Laut dem Außenministerium wird Auer nun an der libysch-tunesischen Grenze bleiben und dort weiter arbeiten. Die am Donnerstag per Fahrzeugkonvoi evakuierten Staatsbürger könnten eventuell mit der in Malta sta

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