12.05.2021 06:03 |

„Krone“-Kommentar

Tödliches Kalkül

Dutzende Todesopfer, unter ihnen auch Frauen und Kinder, Hunderte Verletzte, Raketenhagel auf israelische Wohngebiete, Luftangriffe auf den palästinensischen Gazastreifen, also eines der dichtestbesiedelten Gebiete der Welt: Der Nahe Osten ist nach einer Phase der fragilen Ruhe wieder dort, wo er schon so oft war - im Rausch der Gewalt.

Begonnen hat der Konflikt diesmal in Jerusalem, der Stadt, die sowohl Juden als auch Palästinenser als Hauptstadt ihres Staates bzw. noch zu gründenden Staates betrachten. Der Stadt des Friedens, wie die unter jüdischen Rabbinern populärste Auslegung des Namens Jerusalem lautet, abgeleitet vom hebräischen Wort und Gruß Schalom - Friede.

Tatsächlich genügt in Jerusalem ein Funke, um die Situation zur Explosion zu bringen. Und das nicht erst in jüngster Vergangenheit. 118-mal haben Armeen um diese Stadt oder in ihr gekämpft, 44-mal wurde sie erobert, 43-mal belagert, wie Alexandra Föderl-Schmid, stellvertretende Chefredakteurin der „Süddeutschen Zeitung“ und ausgewiesene Nahost-Expertin, auflistet. 1000 Jahre lang haben hier Juden, 400 Jahre lang Christen und 1300 Jahre lang Moslems geherrscht. Und allen drei Religionen ist diese Stadt heilig.

Die jetzige Eskalation hat mehrere Ursachen: Erstens ist der Ramadan, der arabische Fastenmonat, immer eine besonders heikle Zeit, insbesondere wenn er - wie in diesem Jahr - zusammenfällt mit dem sogenannten „Jerusalem-Tag“, an dem Israel die Eroberung des Ostteiles der Stadt im Sechstagekrieg 1967 feiert. Ein weiterer Punkt ist ein anstehendes Gerichtsurteil im Streit um von Palästinensern bewohnten Häusern, deren Eigentum auch von Juden für sich beansprucht wird. Israelische Gerichte entscheiden in solchen Verfahren erfahrungsgemäß kaum im Sinne der Araber, sondern sprechen Delogierungen aus. Ziel ist die sukzessive Unterwanderung arabischer Gebiete durch jüdische Nationalisten.

Der eigentliche Funke diesmal waren palästinensische Proteste gegen Platzverbote, die israelische Sicherheitskräfte aus Anlass des Ramadan ausgesprochen hatten. Diese Demonstrationen arteten rasch in Straßenschlachten mit der Polizei und jüdischen Ultranationalisten aus. Das besonders Tragische oder besser Perfide an der momentanen Situation ist, dass es viele Profiteure der neuen Gewalt gibt - auf beiden Seiten.

Die palästinensische Terrororganisation Hamas, deren Chef Ismail Haniyeh jetzt Raketen auf Israel hageln lässt und sich die Vernichtung des jüdischen Staates auf die Fahnen geschrieben hat, kann „endlich“ wieder mit den Muskeln spielen.  Und sie zwingt auch jene arabischen Staaten, die sich jüngst Israel angenähert haben, sich wieder für die palästinensische Sache stark zu machen.

Palästinenserchef Abbas von der moderateren Fatah wiederum kann davon ablenken, dass er die versprochenen Wahlen aus Sorge vor einem Sieg der Hamas wieder abgesagt hat, und den Zorn auf Israel lenken. Aber auch Israels nach der vierten Wahl taumelnder Premier Netanyahu hat wieder einen willkommenen Außenfeind. Noch dazu zwingt die momentane Lage die neue US-Administration unter Joe Biden - mit der Netanyahu beileibe kein friktionsfreies Verhältnis hat -, offen für Israel Stellung zu beziehen.

So manches am derzeitigen Gewaltausbruch ist also tödliches Kalkül.

Christian Hauenstein
Christian Hauenstein
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