Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller über das schwierige Thema männlicher Gewalterfahrungen.
Männer sind weniger oft von sexueller Gewalt betroffen als Frauen und transgeschlechtliche Personen. Das zeigt die internationale Forschung, aber auch meine eigene Studie zu Intimität und Sexualität im Lockdown. So hatten seit Beginn der Pandemie 3% der befragten Männer, 6% der Frauen und 9% der transgeschlechtlichen Befragten zumindest einmal Sex, nur weil sie Angst davor hatten, Nein zu sagen. Aber gerade weil Männer seltener betroffen sind, gibt es wenig Wissen über männliche Gewalterfahrungen. Sie werden als Opfer von der Justiz und der Polizei kaum ernst genommen. Und oft vergeht viel Zeit, bis Männer Hilfe suchen.
Auch in pädagogischen Kontexten habe ich mehrfach erlebt, dass Gewalt an Buben heruntergespielt und ihren Berichten kein Glaube geschenkt wurde. Noch immer kursiert der Mythos, dass nur Mädchen sexuellen Missbrauch erleben. Buben und junge Männer erhalten bei Gewalterfahrungen teilweise keinen ausreichenden Schutz von Erwachsenen.
Oft hätten sich betroffene Männer selbst nie gedacht, dass sie zu sexuellen Handlungen gezwungen werden könnten. Aber selbst erwachsene Männer können Opfer sexueller Gewalt werden. Sexuelle Übergriffe belasten Männer stark, weil sie ihr (Selbst-)Bild als aktiven und starken Mann gefährden. Deshalb führen sie häufig zu einer Identitätskrise der betroffenen Männer.
Dass sexuelle Gewalterfahrungen von Männern heruntergespielt werden, hat verschiedene Gründe. So werden etwa unterschiedliche Täterstrategien oft wenig berücksichtigt. Die Forschung zeigt, dass manche Täter körperlichen Zwang anwenden, aber nicht alle. Andere - oft auch Täterinnen - setzen weniger offensichtliche Strategien ein. Sie drängen zum Beispiel wiederholt auf Sex oder machen verbal und emotional Druck, um Sex mit einer Person gegen deren Einverständnis zu haben. Oft nutzen sie auch einen angetrunkenen oder sonst nicht mehr ganz klaren Moment aus. Männer machen beispielsweise im Rahmen von Trinkspielen immer wieder unerwünschte sexuelle Erfahrungen.
Die Erwartung, dass Männer bei jeder Gelegenheit Sex haben wollen, erschwert es Männern zusätzlich, sich aus solchen Drucksituationen zu befreien. Sie fühlen sich teilweise schuldig, wenn sie keine Lust auf Sex haben. Oder sind aufgrund einer Erektion aus Stress nachträglich unsicher, ob sie wirklich keinen Sex wollten. Scham und Schuldgefühle verhindern, dass über Gewalterfahrungen gesprochen wird. Eine österreichische Studie hat vor einigen Jahren gezeigt, dass Männer am ehesten mit Frauen über belastende Erlebnisse reden. Unter Männern ist es offenbar deutlich schwieriger anzusprechen, dass die eigenen Grenzen verletzt wurden.
Gewalt hat schwerwiegende körperliche, psychische und sozio-ökonomische Konsequenzen. Prävention von Männergewalt beinhaltet, Männer nicht von klein auf darauf zu fixieren, dass sie hart, unempfindlich und stark sind. Darüber zu sprechen, dass Männer auch verletzlich sind. Eigene Gewalterfahrungen zu verarbeiten, ohne einmal selbst zum Täter zu werden. Das ist gelebte Präventionsarbeit.
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Dr.in Barbara Rothmüller, Soziologin und Sexualpädagogin
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