Kampf um MAN-Steyr

„Mein alter MAN-Stolz ist sehr angeschlagen“

Nach einem Abstimmungsgau bleibt die Zukunft des Lkw-Herstellers weiter ungewiss. Was geht nun in den Köpfen der Belegschaft vor? Die „Krone“ fragte bei dem langjährigen Mitarbeiter Alexander Hinterschuster nach.

„Krone“:Warum wühlt die drohende Schließung von MAN die Gefühle vieler Menschen so unglaublich tief auf?
Alexander Hinterschuster: Wenn man bei einem Autobauer arbeitet, der weltweit zur Spitze gehört, ist das ein berufliches Highlight. Mein Stolz, dass ich so lange hier tätig gewesen bin, ist aber in letzter Zeit etwas angeschlagen. Ich hätte nie vermutet, dass MAN und der Haupteigentümer derartig wortbrüchig gegenüber den Mitarbeitern werden.

Investor Siegfried Wolf wollte mit seiner WSA Beteiligungs GmbH den MAN-Standort in Steyr übernehmen. Sein Konzept wurde aber in der Abstimmung Ende der Vorwoche von 63,9 Prozent der Mitarbeiter abgelehnt. Was ist der Hauptgrund, Ihrer Meinung nach?
Der Zorn der Mitarbeiter. Viele sagen: „Wir lassen nicht so mit uns umgehen nach dem Motto: Friss oder stirb!“ Bei Fragestunden wurden ja viele Fragen nicht oder nur zum Teil beantwortet. Und es gibt keine richtige Perspektive für den Einzelnen. Das erzeugt bei jedem Beschäftigten, bei Arbeitern und Angestellten, eine riesige Unsicherheit.

Was haben Sie von der Abstimmung gehalten?
Ein taktisches Geplänkel von MAN und von Herrn Wolf. Man signalisierte: „Liebe Mitarbeiter, wir nehmen euch mit ins Boot!“ Damit wurde unnötiger Zeitdruck aufgebaut.

Wolf wollte ja einiges im Arbeitsalltag ändern. Wäre der Arbeitsdruck durch sein Konzept weniger geworden?
Der Arbeitsdruck ist in den letzten Jahren zwar gestiegen. Aber der Betriebsrat sorgte immer dafür, dass das Arbeitspensum bewältigbar blieb. In Wolfs Konzept wäre die Zeitbemessung, die für jede Tätigkeit vorgesehen ist, weggefallen. Der Vorteil liegt ausschließlich beim Unternehmen. Der einzelne Mitarbeiter könnte nicht mehr nachvollziehen, ob es gerechtfertigt ist, was er an Arbeitsinhalten schaffen muss. Der persönliche Druck wäre enorm gestiegen. Es hätte zu Streit und Unzufriedenheit geführt.

Wer wäre ganz sicher auf der Strecke geblieben?
Ältere Mitarbeiter. Die Chancen, dass Mitarbeiter über 50 Jahren übernommen werden, sind nicht sehr groß. Auch woanders findet man kaum was. Sie kennen ja den Arbeitsmarkt!

Welche Perspektiven hat der Jüngere?
Das ist auch unsicher. Es war geplant, 1250 Mitarbeiter zu übernehmen. Wenn nun ein Jüngerer sagt: „Ja, ich stimme für das Konzept“, heißt das noch lange nicht, dass er selbst seinen Arbeitsplatz behalten wird.

Sie sagen, die Ursache für die Entwicklungen um den Standort Steyr ist ein Versagen des Managements.
Es wurde immer gesagt: Die Löhne sind zu hoch. Aber die Lohntangente in der Produktion liegt bei acht Prozent, das ist nicht hoch. Löhne wurden zwar immer verhandelt. Verantwortlich dafür ist trotzdem das Management. Die Absage an das Wolf-Konzept ist meiner Meinung nach auch ein Zeichen, dass sich die Arbeiter nicht mehr für Fehler des Managements bestrafen lassen wollen. Und es ist ein Signal an andere Betriebe.

Es könnte anderen Betrieben auch so gehen?
Wir kennen die Auswirkungen der Corona-Krise noch nicht.

Einige sagen: Wolf hätte das Werk in fünf Jahren sowieso verkauft.
Wenn sein Konzept akzeptiert worden wäre, heißt das nicht, dass das Werk abgesichert ist.

Was ärgert Sie besonders?
Wenn Wirtschaftsprofessoren die Abstimmung kommentieren. Einer sagte: „Die MAN-Mitarbeiter haben das Ganze nicht gesehen.“ Diese Professoren kommen aus geschützten Bereichen, sie haben solche Probleme noch nie am eigenen Leib erfahren!

Wie geht es jetzt weiter? Glauben Sie, dass Wolf doch noch einmal nachbessert?
Das ist noch nicht fix. Momentan sehe ich ihn ein wenig im Schmollwinkel. Ich hoffe aber, dass alle wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren!

Was halten Sie von einer Verstaatlichung?
Man sollte nicht bei jedem Vorschlag, egal von wem er kommt, reflexartig „Nein!“ schreien. Dazu gehört der Vorschlag zur Verstaatlichung. Man denkt sofort an die 80er-Jahre. Aber das ist falsch. Man könnte es heute besser machen als damals. Warum diskutiert man das nicht?

Warum soll man gerade MAN retten? Es gibt ja viele Betriebe, die vor Rationalisierungsmaßnahmen stehen. Das ist Globalisierung.
Ist Globalisierung alles? Globalisierung kann beim Handel Vorteile haben. Aber so wie wir sie jetzt immer mehr kennenlernen, als Auslagerung von Arbeitskraft in Billiglohnländer, bedeutet sie, dass einige wenige immer reicher werden und viele immer ärmer.

Vermissen Sie als ehemaliger Betriebsrat die Ehrlichkeit beim Ringen um MAN?
Es berührt mich stark, wenn jemand wortbrüchig wird. Ich will meinem Gegenüber immer ehrlich begegnen! Als Betriebsrat konnte ich mit Führungskräften, die ehrlich waren, gut zusammenarbeiten. Das ist die Basis dafür, dass man nach harten Verhandlungen trotzdem einen Kaffee miteinander trinken kann.

Elisabeth Rathenböck
Elisabeth Rathenböck
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