Stimme der Vernunft
US-Kongresswahl: TV-Komiker greifen erfolgreich ein
Drei Tage vor der Wahl, am 30. Oktober, werden Stewart und Colbert ihre Zugkraft unter Beweis stellen. Sie haben zu einer Kundgebung nach Washington eingeladen, über 200.000 Menschen meldeten sich dafür bereits an. Das sind mehr, als Obama je in den USA zusammenbekommen hat.
Komiker als Stimme der Vernunft
Der Rollenwechsel der US-Satiriker ist das Symptom einer Vertrauenskrise: Entmutigt vom Parteienstreit und der zähen Wirtschaftskrise haben viele Bürger den Berufspolitikern das Vertrauen entzogen. Stewart und Colbert hingegen finden Gehör. Das Motto der Kundgebung in Washington lautet: "Wiederherstellung der Vernunft". Es sagt einiges aus über die giftige politische Polarisierung in den USA, dass ausgerechnet TV-Komiker als Stimme der Vernunft wahrgenommen werden.
Für die Satiriker ist es eine Gratwanderung zwischen Komik und politischer Aktion. Sie geben dabei die ironische Distanz auf, die doch eigentlich Voraussetzung der politischen Satire ist. Colbert etwa war kürzlich zu einer Anhörung im US-Kongress geladen, in der es ganz ernsthaft um das Leid von Wanderarbeitern ging. Viele fanden seinen Slapstick-Auftritt nicht lustig.
"Bedeutsame kulturelle Wegmarke"
Der Washingtoner Polit-Blogger David Corn vom Magazin "Mother Jones" sieht ein gänzlich neues Phänomen: "Stewart ist ein Humor-Genie und einer der scharfsinnigsten Politiksatiriker und Medienkritiker seit Jahrzehnten, dasselbe gilt für Colbert. Wenn sie tatsächlich 200.000 Leute nach Washington bringen sollten, wäre das eine bedeutsame kulturelle Wegmarke." Politisch stehen beide den Demokraten nahe.
Stewart und Colbert haben beträchtlichen Einfluss. Jeder hat eine 30-minütige Sendung im TV-Sender Comedy Central, in der sie die Nachrichten des Tages mit bissigem Scharfsinn in satirischer Manier aufbereiten. Im September fand das Demoskopie-Institut Pew heraus, dass sich in der Gruppe der unter 30-Jährigen inzwischen genauso viele Personen bei Colbert und Stewart über das Tagesgeschehen informieren wie bei den herkömmlichen Nachrichten in den großen Sendern. Eine Umfrage des Magazins "Time" kürte Stewart 2009 zu "Amerikas vertrauenswürdigstem Nachrichtenmann".
Gegengewicht zu eskalierender Rhetorik
Die Grenzen zwischen politischer Information und Satire verwischen also. Die Frage ist, wie die TV-Satiriker ihren Einfluss politisch instrumentalisieren. Stewart sieht sich als Gegengewicht zu Extremismus und eskalierender Rhetorik, die TV-Talkshows in Nachrichtensendern wie MSNBC oder Fox News oft genug zu Schrei-Duellen werden lassen.
"Schreien ist nervig, unergiebig und schlecht für den Hals", sagt Stewart. "Die lauten Stimmen sollten nicht die einzigen sein, die gehört werden." Im Aufruf für die Washingtoner Kundgebung heißt es: "Stellen Sie sich die Kundgebung als eine Art Woodstock vor, wobei respektvolle Meinungsverschiedenheiten an die Stelle von Nacktheit und Drogen treten."











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