Wahlfeiern

FPÖ feiert “blaues Wunder” – Häupl: “Herz statt Kopf”

Österreich
11.10.2010 07:43
In einem gesteckt vollen Festzelt neben dem Rathaus hat FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache sein erfolgreiches Abschneiden bei der Wien-Wahl gefeiert. "Ich danke allen Wählerinnen und Wählern für dieses blaue Wunder, das möglich geworden ist", rief er nach seinem Einzug der johlenden Menge zu. Strache machte auch gleich klar, dass er mehr will: "Wir sind noch nicht am Ende angekommen, wir werden Verantwortung übernehmen." Lange Gesichter gab es bei den Wahlfeiern von SPÖ, ÖVP und Grünen.

Strache war mit Verspätung bei seinen Anhängern im Zelt angekommen. Ein Rettungswagen hatte den Zugang blockiert, da beim gegenüber stattfindenden Open House der ÖVP eine Besucherin kollabiert war. Gegen 20 Uhr war es dann aber soweit: Unter herabregnenden blauen Papierschitzeln traf er mit seinem Tross ein, längst nicht alle Besucher fanden Platz im Zelt. Den Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf hatte man sogar kurzfristig als Türsteher eingesetzt, wobei er einiges an Engagement an den Tag legte. Der Einzug fand abermals zu den bombastisch-düsteren Klängen von Carl Orffs "Carmina Burana" statt. Anschließend wurde der Strauß-Walzer "Wiener Blut", das Motto des FPÖ-Wahlkampfes, angestimmt.

"Noch immer nicht ganz realisierbar"
Ganz wahrhaben wollte Strache die erreichten 27 Prozent (vorläufiges Endergebnis ohne Briefwahl) auch bei der Feier noch nicht. "Hand aufs Herz, das ist für mich noch immer nicht ganz realisierbar." Aber auch ein Versprechen gab es an die Anhängerschaft, die mit rot-weiß-roten Fahnen wedelte: "Ich bleibe mit beiden Beinen am Boden." Um sogleich den Hauptkonkurrenten, den Wiener Bürgermeister Michael Häupl, im Wahlkampf noch einmal zu attackieren. "Nur wer Freiheitlich gewählt hat, hat der Arroganz und Präpotenz der SPÖ eine Absage erteilt." Aber auch ÖVP und Grüne waren Strache einen Nebensatz wert. Diese hätten zu dieser Aufgabe nichts beigetragen und sich als "Trittbrettfahrer" von Häupl erwiesen.

Noch einmal machte Strache aber klar, dass er ernsthaft an Gesprächen mit der SPÖ über eine eventuelle Regierungsbeteiligung interessiert sei. "Die demokratischen Wähler wünschen sich das Ende der Ausgrenzung", artikulierte der FPÖ-Chef gleich selbst seine Wünsche. Denn bei dieser Wahl habe auch die "persönliche Diffamierung" vonseiten der Polit-Konkurrenz eine Absage erhalten. Verstärkung aus dem Publikum kam prompt: "Wir scheißen auf die Deppen." Würde sich der Umgang mit den Freiheitlichen außerdem nicht ändern, so eine weitere Vision Straches, "werden wir in höchstens fünf Jahren erleben, dass ich als HC Strache Bürgermeister von Wien werde".

"Das Wiener Blut lebt, ich spüre die Wallung und die Wärme", legte Strache am Schluss seiner Rede an die Fans noch nach. Und auch etwas fürs Herz war dabei: "Danke, liebe Mama, ich bin so stolz, dich als Mutter zu haben", adressierte er an ebendiese. "Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, es ist alles gut gegangen." Und für Nostalgiker zitierte er frei nach Heinz Conrads zum Abschluss: "Küss die Hand die Damen, servus die Madln, servus die Buam."

SPÖ: "Projekt Rückeroberung der absoluten Mehrheit"
Bürgermeister und SPÖ-Spitzenkandidat Michael Häupl hat am Sonntag im Festzelt seiner Partei beim Burgtheater seine Niederlage eingestanden, sich gleichzeitig aber kampfeslustig gezeigt. "Ab Montag beginnt das Projekt der Rückeroberung der absoluten Mehrheit der SPÖ", sagte er vor mehreren Hundert Parteifreunden. Anwesend waren auch zahlreiche Regierungsmitglieder, darunter Bundeskanzler Werner Faymann. Das Wort ergriff keiner von ihnen.

"Wir haben schon fröhlichere und lustigere Tage als heute gehabt", sagte er. "Glaubt mir, auch mir ist es schon besser gegangen." Der Grund: "Ich habe Siege so gerne, ich hasse Niederlagen." Der Wähler habe anders entschieden, so Häupl. Der Fehler war aus seiner Sicht, nur die Köpfe der Menschen erreicht zu haben. "In Zukunft zielen wir mit unseren Argumenten ein bisschen tiefer, nämlich aufs Herz, und nicht auf den Kopf."

Der Bürgermeister versuchte, dem Wahlergebnis auch positives abzugewinnen. Bei Frauen sei man besonders erfolgreich gewesen, und bei Jungwählern habe man mit 50 Prozent ein sensationelles Ergebnis erreicht. "Die Jungen in Wien sind aufseiten des Fortschritts, der Zukunft und der SPÖ." Seine Partei stehe auch für den Einsatz für die sozial Schwachen, die Pensionisten und die Armen. "Der Herr Strache hat gar nichts getan in diese Richtung", meinte Häupl.

ÖVP: Applaus trotz deftiger Klatsche
Trauer und Betroffenheit statt Freudentaumel: Angesichts des Minus bei der Wien-Wahl wollte bei der ÖVP-Wahlfeier in der Parteizentrale gegenüber dem Rathaus keine Stimmung aufkommen. Dennoch wurde Spitzenkandidatin Christine Marek bei ihrem Eintreffen von Wahlhelfern und Mitstreitern mit Applaus empfangen. "Wir brauchen nichts beschönigen, es ist ein bitterer Abend", meinte sie in ihrer Rede. Man habe ein besseres Ergebnis erwartet.

Trotz der Niederlage lobte sie ihr Team: "Ich bereue keine Sekunde, keine Minute mit euch in diesem Wahlkampf." Das Resultat müsse in den nächsten Tagen analysiert und diskutiert werden, betonte die Landesparteiobfrau. Sie unterstrich jedoch, dass noch 150.000 Wahlkarten "draußen" seien. Da könne sich am Wahlergebnis durchaus noch etwas ändern. In ihre Ansprache zeigte sie sich auch zuversichtlich: Es gebe die Chance, in Wien "endlich etwas zu verändern und zu verbessern" - damit spielte sie auf den Verlust der Absoluten der SPÖ an. Schützenhilfe erhielt Marek bei der Wahlfeier von Bundesparteiobmann Josef Pröll. Es gelte nun darüber nachzudenken, wie die Wiener Volkspartei aufgestellt und wie nun die Richtung vorgegeben werde, erklärte er in einer Ansprache.

Freude und Tränen bei den Grünen
Freudentanz und Tränen: Die Wahlparty der Wiener Grünen in der Leopoldstädter Remise war von gemischten Gefühlen gekennzeichnet. Obwohl Spitzenkandidatin Maria Vassilakou kurz vor 20.30 Uhr mit Applaus und durch ein Spalier in die Halle einzog, war bei einigen Parteifreunden die Betretenheit in ihren Gesichtern nicht zu übersehen. Die Spitzenkandidatin versuchte ihren Anhängern trotz der Verluste Mut zu machen: "Der einzige Weg, der dorthin führt, wo HC Strache und seine Mannen nichts mehr zu melden haben, ist der Weg der Grünen in die Regierung."

Jedes Gejammer und jegliche Mieselsucht, welche die Partei womöglich in den nächsten Tagen zu hören bekomme, sei egal. Was zähle, sei, dass sich in der Bundeshauptstadt nun eine neue Perspektive ergeben habe. "Wien braucht Rückgrat und wir wollen kämpfen, dass die Grünen dieses Rückgrat in der Stadtregierung sind", machte Vassilakou Stimmung für eine rot-grüne Koalition.

Es liege an der SPÖ, sich zu entscheiden, ob man sich auf "Gedeih und Verderb" der ÖVP ausliefere, die hintrete auf Arbeitslose, bei Bildung den Sparstift ansetze und freiheitliche Losungen übernehme und umsetze. "Diese Politik hat keinen Platz in der Wiener Landesregierung, und dafür werden wir sorgen", versprühte die grüne Nummer 1 Kampfgeist. Sie bedankte sich bei den Tausenden Helfern, "ohne die ich nicht hätte leisten können, was ich geleistet habe".

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