07.10.2020 15:50 |

Langstrecke im PHEV

BMW X3 30e: Grenzwertiger Übergangsstromer

Alles wartet bei BMW darauf, dass endlich der iX3 auf den Markt kommt, die Elektrovariante des bayerischen Kompakt-SUVs. Mit dem wollen die Münchner aus dem elektrischen Dornröschenschlaf aufwachen, in den sie nach dem Vorstoß mit dem Carbonstromer BMW i3 gefallen sind. Allerdings kann man schon jetzt einen X3 mit E-Antrieb fahren, wenn auch nicht sonderlich weit: mit dem BMW X3 xDrive 30e.

Und genau das „nicht sonderlich weit“ ist der Knackpunkt an diesem Plug-in-Hybrid (wie auch an anderen Fabrikaten), wenn ich gleich mit der Tür ins Haus fallen darf. So ein PHEV hat nur dann einen Sinn, wenn man große Teile seiner individuellen Alltagsmobilität rein elektrisch absolvieren kann. Der X3 30e schafft realistisch gesehen 35 Kilometer mit seiner brutto 12 Kilowattstunden großen Batterie. Das ist deutlich mehr, als es die ersten PHEVs der Bayern konnten, aber da haben andere Stecker-Hybride mittlerweile mehr drauf.

35 Kilometer, das wird für ein durchschnittliches In-die-Arbeit-und-wieder-nach-Hause-Pendeln nicht reichen. Das bedeutet: Nach Verbrauch des gespeicherten Stroms fährt man fast ausschließlich mit Sprit, schleppt dabei aber (im Vergleich zum X3 20i, der denselben Benzinmotor unter der Haube hat) 260 kg Mehrgewicht mit. Das spürt man am Fahrverhalten, aber vor allem am Verbrauch. Und an der Reichweite, denn der Tank fasst statt 65 nur 50 Liter.

Wenn wir die Frage nach Sinn und Unsinn dieses Antriebs hintanstellen (weil das jeder nach Einschätzung seines Fahrprofils und je nach Bereitschaft, das Auto über Nacht ans Kabel zu hängen, selbst entscheiden muss), macht der Plug-in-Hybrid einen ausgereiften Eindruck.

Angenehmer Antrieb, auch auf langen Strecken
Der Vierzylinder läuft ruhig, arbeitet nahtlos mit dem Elektromotor zusammen und beide gemeinsam bieten satte Power für den Vortrieb. Die 184 PS des Verbrenners und die 80 kW/109 PS der E-Maschine resultieren in 292 PS Systemleistung, dazu stehen 420 Nm Systemdrehmoment zur Verfügung. Das reicht trotz 1990 DIN-Leergewicht für einen Standardsprintwert von 6,1 Sekunden.

Sogar auf deutschen Autobahnen macht der X3 30e eine gute Figur, selbst dann, wenn man es wirklich laufen lässt. Klar, es ist kein Sechszylinder unter der Haube, aber der Vierzylinder klingt ziemlich souverän. Und solange noch einigermaßen Saft im Akku ist, ist man mehr als adäquat unterwegs. Bei der Höchstgeschwindigkeit liefert der BMW X3 30e sogar mehr, als in den Papieren steht: Statt 210 km/h läuft er (GPS-gemessen) glatte 225 km/h.

Wie viel Sprit der Münchner schluckt, hängt extrem von der Fahrweise ab. Eine längere Überlandfahrt mit viel Landstraße und einem Stück auf 130 km/h limitierter Autobahn ergab einen Verbrauch von knapp über sieben Liter. Autobahnfahrt in Deutschland mit Bleifuß ergab zwölfeinhalb. Insgesamt komme ich auf einen Durchschnittsverbrauch von 10,1 l/100 km. Das ist besser als erwartet, denn ich habe kein einziges Mal das Ladekabel verwendet und außerdem über mehrere Hundert Kilometer deutscher Autobahn versucht, so schnell zu fahren wie möglich. Also: Hut ab!

Laden dauert
An der Haushaltssteckdose dauert eine Vollladung knapp sechs Stunden, mit 3,7 kW Ladestrom sind es gut zweieinhalb Stunden, bis zur 80-Prozent-Füllung der Akkus. Schnellladen an einer Ladesäule ist nicht möglich.

Typischer BMW im besten Sinne
Was das Fahrverhalten betrifft, handelt es sich um einen typischen BMW. Straffes, aber durchaus komfortables Fahrwerk, gefühlvolle Lenkung. Insgesamt nicht so sportlich prägnant wie leichtere Vertreter der Baureihe. Das könnte man auch über die Bremse sagen. Ihr merkt man zwar nicht an, dass sie nahtlos verhandelt, woher die Bremskraft kommt (Rekuperation oder Bremsscheiben), sie reagiert aber vergleichsweise stumpf und erfordert etwas mehr Kraft als in einem Verbrenner-X3.

Notwendig: Vergleich PHEV/Verbrenner
Vergleicht man den BMW X3 xDrive 30e mit den entsprechenden Verbrennermodellen, lassen sich für alle Varianten Argumente finden. Zwei Motorisierungen gibt es, die man zum Vergleich heranziehen kann: den X3 20i und den X3 30i, beide mit xDrive. Der 20i ist praktisch der 30e ohne den zusätzlichen E-Antrieb, also mit dem 184 PS starken Zweiliter-Vierzylinder. Für den spricht, dass er definitiv weniger Sprit braucht, weil er mehr als eine Vierteltonne leichter ist. Allerdings braucht er für den Sprint auf 100 km/h mehr als zwei Sekunden länger. Ist aber auch fast 8000 Euro billiger (ohne Elektro-Förderung gerechnet).

Der 30i kommt in Sachen Motor- bzw. Systemleistung dem 30e näher. 252 PS und 350 Nm (bei 1450 bis 4800/min. stehen im Datenblatt). Er hat immerhin noch einen Gewichtsvorteil von 170 kg. Der Sprintwert: 6,4 Sekunden, Vmax 240 km/h. Aufpreis auf den 30e: 2000 Euro.

Ein in der Praxis wesentlicher Unterschied zwischen diesen beiden und dem 30e ist das Ladevolumen. Der 30e opfert 100 Liter seinen Akkus, es bleiben nur 450 Liter im Kofferraum oder 1500 Liter, wenn die Rücksitzlehnen (vom Kofferraum zu entriegeln) flachgelegt sind. Außerdem fällt eine kleine Beule seitlich im Laderaum auf und der deutlich höher angesetzte Kofferraumboden. Nicht zu vergessen: Da liegen auch noch zwei Ladekabel und brauchen Platz.

Unterm Strich
In der Preisliste steht der BMW X3 xDrive 30e mit 59.400 Euro, der Testwagen kostet inklusive Extras (darunter M Sportpaket, 20-Zoll-Alus, Head-up-Display etc.) exakt 89.130 Euro. Zum Vergleich: Der 30i mit 252 PS ist 1700 Euro teurer, der 30d mit 265 PS kostet sogar 5700 Euro mehr.

Der BMW X3 30e ist ein durch und durch solides, angenehmes Auto, trotz oder für viele gerade wegen seines Antriebs. Wie sinnvoll ein PHEV tatsächlich ist, hängt vom geplanten Einsatz aus. Die Möglichkeiten sind mit 35 km realer E-Reichweite begrenzt, aber vorhanden. Wer wirklich elektrisch BNW fahren will, wird dennoch auf den iX3 warten.

Warum?
Im besten Sinne unauffälliger Antrieb
Gutes Fahrverhalten

Warum nicht?
E-Reichweite gering

Oder vielleicht ...
... doch den Sinn von PHEVs hinterfragen?

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl
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