"Lieferengpass"?

US-Staaten geht Schlafmittel für Exekutionen aus

Ausland
28.09.2010 09:15
In den USA gibt es erneut Aufregung um die Hinrichtungsmethode Giftspritze. Die Mehrheit der 35 Bundesstaaten, die auf die "lethal injection" setzen, ist offenbar schon seit Monaten mit Lieferengpässen bei einer der drei eingesetzten Chemikalen konfrontiert. Der Hersteller eines Schlafmittels mit dem Wirkstoff Thiopental hat laut eigenen Angaben Produktionsprobleme. US-Medien vermuten aber, dass die Firma moralische Bedenken hat, weil das Mittel zunehmend aus der Medizin verschwindet und man nicht als "Lieferant der Henker" in Verruf geraten will.

Laut einem Bericht der Associated Press steht die Thiopental-Produktion beim einzigen US-Hersteller Hospira aus Lake Forest im Bundesstaat Illinois schon seit Anfang des Jahres quasi still. Grund dafür sollen von der Firma nicht näher bezeichnete Probleme mit einer Rohstoffzutat sein. 

Das Hospira-Medikament wird von 33 Staaten in Kombination mit einem muskellähmenden und einem den Herzstillstand herbeiführenden Gift zur Hinrichtung von verurteilten Straftätern verwendet, in den Staaten Ohio und Washington kommt seit 2009 bzw. heuer einzig eine Überdosis Thiopental zum Einsatz.

Hinrichtungen verzögert
Seit Anfang des Jahres sind US-weit 39 Todeskandidaten exekutiert worden, davon 37 durch eine tödliche Injektion. Bereits bei einem Teil dieser Hinrichtungen hätten sich Behörden von anderen Staaten Thiopental leihen müssen. Für die 17 Exekutionen, die heuer noch in neun Staaten geplant sind, stehe offenbar nicht genug Thiopental zur Verfügung, berichtet die AP. In Kentucky verzögere das dortige Gouverneursbüro derzeit die Ausfertigung von Exekutionsbescheiden, weil sich die Behörden keine Termine festzulegen trauen. Im Bundesstaat Virgina wurde die letzte Dosis Thiopental kürzlich für die Hinrichtung einer geistig zurückgeblieben Frau verwendet.

In Oklahoma sollte bei einer für August angesetzten Hinrichtung das ausgegangene Thiopental kurzfristig durch ein anderes Schlafmittel ersetzt werden. Der Anwalt des Todeskandidaten erhob Einspruch, ein Gericht setzte die Exekution daraufhin aus. Em Ende konnten die Behörden jedoch die vorgeschrieben Menge des Schlafmittels "zusammenkratzen" und den Mann, der für den Raubmord an seinem Onkel zum Tode verurteilt worden war, hinrichten.

Behörden können nicht vom Protokoll abweichen
Das Gerichtsurteil von Oklahoma zeigt die Problematik, mit der sich die Giftspritze-Staaten konfrontiert sehen. Ihre Hinrichtungs-Prozeduren sind bis vor die Höchstgerichte durchgefochten, jede kleinste Änderung am Protokoll kann von der einstweiligen Verfügung bis zum Hinrichtungsmoratorium juristische Konsequenzen nach sich ziehen. Das erklärt auch, warum die Behörden immer noch auf Thiopental setzen, das früher als Narkosemittel in den USA weit verbreitet war, heute aber im medizinischen Alltag zunehmend seltener eingesetzt wird.

Darin sieht Jonathan Groner, Mediziner an der Ohio State University und prominenter Todesstrafengegner, auch den Grund für die "Lieferengpässe" bei Hospira. "Die medizinische Bedeutung von Thiopental ist mittlerweile so gering, dass der Firma wohl bewusst geworden ist, dass sie ein Medikament produziert, das bald ausschließlich der Tötung von Menschen dienen wird." 

Firma schickte Brief an Giftspritze-Staat
Laut einem offiziellen Statement von Hospira hätten derartige Bedenken aber "nichts mit dem Lieferengpass zu tun". Die AP beruft sich hingegen auf einen Brief, den Hospira-Forschungs-Chef Kees Groenhut Ende März an Ohio gesendet hat, wo nach einer "verpatzten" Hinrichtung alle Exekutionen nur mehr mit einer einzigen Überdosis Thiopental durchgeführt werden. "Hospira stellt seine Produkte her, weil damit Leben gerettet werden können und vermarktet sie ausschließlich für die auf dem Produktlabel aufgedruckten Einsatzzwecke. Daher unterstützen wir keinesfalls den Einsatz unserer Produkte im Bereich der Todesstrafe", protestierte der Hospira-Vorstand in seinem Brief.

Rechtlich kann die Firma in den USA allerdings nicht dagegen vorgehen, dass die Strafvollzugsbehörden die "lebensrettenden" Produkte für die Tötung von Gefangenen einsetzen. Auch kann sie ihren Vertriebspartnern nicht den Verkauf von Thiopental an Vollstreckungsbehörden untersagen. Wollte das Unternehmen tatsächlich dagegen vorgehen, so könnte einzig die Einstellung der Produktion Wirkung zeigen. Und sie wirkt: US-Medien berichten, dass durch den Produktionsausfall derzeit nur noch geringe Mengen Thiopental im Umlauf seien und der Erwerb zu Tötungszwecken für die Behörden fast unmöglich geworden ist. Am größten sind die Vorräte nämlich noch bei Ärzten und Spitälern - die verweigern aber die Herausgabe unter Berufung auf den hippokratischen Eid.

Wird die Produktion wieder angekurbelt?
Offiziell will Hospira die Lieferschwierigkeiten frühestens Anfang des Jahres überwunden haben. Bleibt also abzuwarten, ob die Firma tatsächlich mit Absicht Exekutionen verhindert hat bzw. eine Aufschiebung erwirken konnte. Neben der Moral könnte es aber auch genauso gut ums Geld gehen: Aus wirtschaftlicher Sicht dürfte sich eine Thiopental-Produktion einzig für die US-Behörden jedenfalls nicht lohnen, Ohio zum Beispiel zahlt nur 350 Dollar pro Dosis.

Medikamente mit Thiopental werden übrigens auch als Wahrheitsserum und in der Psychiatrie eingesetzt. In Europa findet das Hypnotikum aus der Familie der Barbiturate auch bei Sterbehilfe-Injektionen in den Niederlanden und in Belgien Verwendung.

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