06.06.2020 15:30 |

„Unfassbare Bilder“

D: Nächster schwerer Fall von Kindesmissbrauch

Das deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen kommt nicht zur Ruhe: In einem neuen schweren Fall von Kindesmissbrauch hat die Polizei Münster jetzt elf Verdächtige festgenommen. Drei Kinder wurden als Opfer identifiziert, sie sind fünf, zehn und zwölf Jahre alt. Die Ermittler hätten „unfassbare“ Bilder sehen müssen, sagte der Leiter der Ermittlungen. Das Bundesland war seit Anfang 2019 wegen mehrerer Fälle von schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern in die Schlagzeilen geraten.

In dem neuesten Fall befinden sich sieben Beschuldigte in Untersuchungshaft, wie Polizei und Staatsanwaltschaft am Samstag in Münster mitteilten. Der Hauptbeschuldigte ist ein 27-Jähriger aus Münster. Bei den sechs weiteren, gegen die Haftbefehl erlassen wurde, handle es sich um dessen Mutter aus Münster sowie um Männer aus Staufenberg bei Gießen, Hannover, Schorfheide in Brandenburg, Kassel und Köln.

Kinder stundenlang missbraucht und Taten teils gefilmt
Bei den Tatorten spielt eine Kleingartenanlage eine Rolle. Mindestens vier der Männer sollen wechselweise einen fünf- und einen zehnjährigen Buben in einer Gartenlaube in Münsters Norden über Stunden schwer sexuell missbraucht und die Taten teils gefilmt haben. Die Mutter des Hauptbeschuldigten sei Nutzerin der Hütte; sie soll ihrem Sohn die Schlüssel überlassen und den sexuellen Missbrauch der Kinder in Kauf genommen haben.

Bei den Opfern handelt es sich laut den Ermittlern um den zehnjährigen Sohn der Lebensgefährtin des Münsteraners und um den fünfjährigen Sohn des Beschuldigten aus Staufenberg. Das habe die Auswertung einer bereits gelöschten Festplatte ergeben, die die Ermittler versteckt in einer Zwischendecke gefunden hätten, sagte Ermittlungsleiter Joachim Poll. Bei dem dritten Opfer handelt es sich den Ermittlern zufolge um den zwölfjährigen Neffen des Beschuldigten aus Kassel. Die Kinder sollen vor den Taten betäubt worden sein. Körperliche Verletzungen hätten sie aber laut Rechtsmedizinern nicht davongetragen.

Serverraum und hochprofessionelle Verschlüsselung
In einem Keller in Münster habe man einen komplett eingerichteten, klimatisierten Serverraum gefunden. Er sei dem 27-jährigen Tatverdächtigen zuzurechnen, einem IT-Techniker, wie Poll erklärte. Das Speichervolumen der sichergestellten Daten liege nach ersten Erkenntnissen bei über 500 Terabyte. Poll sprach von mehreren Hundert Asservaten an gefundener IT-Technik. Die Datenträger seien hochprofessionell verschlüsselt worden.

Das bisherige Ermittlungsergebnis nach rund dreieinhalb Wochen sei wohl nur die Spitze des Eisbergs, sagten übereinstimmend Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt und der Leiter der Ermittlungen Poll. Münsters Polizeipräsident Rainer Furth sagte: „Selbst die erfahrensten Kriminalbeamten sind an die Grenzen des menschlich Erträglichen gestoßen und weit darüber hinaus.“ Den Ermittlern sei es bis heute nicht gelungen, alle Daten zu entschlüsseln. Poll sprach von aufwendigen, kniffligen und mit viel Technik verbundenen Ermittlungen.

Der 27-jährige Hauptbeschuldigte aus Münster sei in einem landwirtschaftlichen Betrieb im Kreis Coesfeld für die IT-Technik tätig gewesen. Ausgangspunkt der Ermittlungen sei ein Verfahren aus dem Jahr 2018 gewesen. Damals habe eine unbekannte Person Daten mit Kinderpornografie übers Internet angeboten. Über eine ermittelte IP-Adresse habe die Spur zu dem landwirtschaftlichen Betrieb geführt.

Mehrere Fälle von schwerem sexuellen Missbrauch
Es ist der jüngste in einer ganzen Reihe an Fällen von schwerem Kindesmissbrauch in Nordrhein-Westfalen seit Anfang 2019. Auf einem Campingplatz in Lügde im Kreis Lippe hatten mehrere Männer Kinder hundertfach über Jahre schwer sexuell missbraucht. Ermittlungen zu einem bundesweiten Kinderpornografie-Tauschring hatten im Oktober 2019 in Bergisch Gladbach bei Köln begonnen und erstrecken sich mittlerweile auf sämtliche Bundesländer.

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte nach dem Fall Lügde das Thema Kindesmissbrauch zur Chefsache erklärt und die Arbeit der Ermittlungsbehörden in diesem Bereich verstärkt.

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