09.07.2010 21:55 |

Lokalaugenschein

Georgien tönt: "Wir sind das Österreich des Kaukasus"

„Wir sind das Österreich des Kaukasus“, tönt Georgiens Staatspräsident Michail Saakaschwili und rutscht fahrig hin und her in seinem weißen Ledersofa. Die Sitzgarnitur und auch das übrige Ambiente in seinem Büro scheinen an das Oval Office des US-Präsidenten im Weißen Haus angelehnt. Die Glaskuppel des 200-Millionen-Euro-Protz-Palastes, den er sich auf einem Hügel über der Innenstadt von Tiflis hat bauen lassen, erinnert wiederum an einen verkleinerten Berliner Reichstag.

Beides könnte als politisches Statement gewertet werden. Saakaschwili, der in den USA Jus studiert und dort auch als Anwalt gearbeitet hat, richtet sein Land klar in Richtung Westen aus. Will es an die EU und an die NATO heranführen. „Wir haben der EU viel zu bieten“, sprudelt es dann auch aus dem Präsidenten heraus. „Nicht nur kulturell.“

Dann zeigt Saakaschwili auf ein Foto, das an einer Wand seines Büros hängt: Es zeigt Kinder in Pudelmützen und Winterjacken in einem Klassenzimmer, einem ungeheizten Klassenzimmer. Mittlerweile, schwärmt der Präsident, seien alle Klassenzimmer im Winter geheizt. Und schon bald werde es in jeder Klasse Computer geben. Ja, und natürlich auch Lehrer aus den USA.

Präsident ohne Sinn für Realität
Hehre Ziele, kann man nur sagen. Aber dem Herrn Präsidenten ist offenbar der Sinn für die Realität abhanden gekommen. Schon wenn man vor die Tür seines Protz-Palastes tritt, kann man sehen, wo Georgien wirklich steht. Das Nachbarhaus verfällt. Die Wohnhäuser vis-à-vis haben teils kaputte Fensterscheiben, vom Verputz sind nur noch Reste vorhanden.

Dabei geht es den Menschen in der Hauptstadt Tiflis (Tbilisi) noch besser als der Bevölkerung in den Dörfern. Während die Arbeitslosenrate im landesweiten Durchschnitt rund 25 Prozent beträgt, liegt sie in den Dörfern häufig bei 80 bis 90 Prozent und manchmal sogar noch darüber – trotz Wirtschaftswachstums.

Aber dort, am Land, war Saakaschwili offenbar schon lange nicht mehr. Sonst könnte er nicht Dinge sagen wie: „Bei uns sieht es immer mehr aus wie in Europa, nicht mehr wie in den unterentwickelten Gegenden Russlands.“

Keine Chance gegen die russische Armee
Eine Spitze gegen den Erzfeind, von dem Saakaschwili sich vor zwei Jahren provozieren und in einen Krieg hatte manövrieren lassen, der von Anfang an verloren war. In seiner Realitätsverweigerung war er tatsächlich davon ausgegangen, es mit der russischen Armee aufnehmen zu können.

Seither hat Georgien nicht nur die ohnehin abtrünnigen Teilrepubliken Abchasien und Südossetien verloren, Russland hält auch immer noch Teile des georgischen Kernlandes besetzt. Und bis heute leben Hunderttausende Menschen in Flüchtlingslagern, die wohl nie mehr in ihre (häufig zerstörten) Häuser werden zurückkehren können.

Georgische Wirtschaft leidet unter Embargo
Und die georgische Wirtschaft leidet schwer unter dem Handelsembargo, das Russland verhängt hat. Speziell die Landwirtschaft, war doch Georgien so etwas wie der Obst-, Gemüse- und Weingarten Russlands.

Der Popularität Saakaschwilis hat das aber alles keinen Abbruch getan. Anfängliche Großproteste der Opposition, mit dem Ziel, den Präsidenten zu stürzen, sind längst verebbt.

Beziehungen zu Russland auf dem Gefrierpunkt
Die Beziehungen zu Russland werden wohl noch lange auf dem Gefrierpunkt bleiben. Auch wenn die unmittelbare Kriegsgefahr nicht zuletzt dank einer unbewaffneten EU-Truppe gebannt scheint, die im Niemandsland zwischen Georgien und den beiden von russischen Soldaten kontrollierten abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien patrouilliert. Eine Truppe, der übrigens auch sechs Österreicher angehören.

Die Antwort des georgischen Außenministers auf die Frage nach dem Stand der Beziehungen zu Russland lässt in diesem Zusammenhang tief blicken: „Beziehungen? Wir haben keine Beziehungen zu Russland.“

von Christian Hauenstein, Kronen Zeitung

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