Deftige Zitate

US-General wegen Magazin-Artikel in der Bredouille

Ausland
23.06.2010 18:54
Ein Artikel des Magazins "Rolling Stone" hat dem Oberbefehlshaber der ISAF-Truppen in Afghanistan, US-General Stanley McChrystal, einen Termin im Weißen Haus und möglicherweise sogar das Karriere-Aus eingebrockt. In einem Porträt über den "abtrünnigen General" hat ein Reporter zahlreiche abfällige Zitate McChrystals über die US-Regierung protokolliert. Von "Clowns", "Scheißkrieg" und einem desinteressierten Präsidenten ist da die Rede.

Nach einer ersten Rüge musste McChrystal am Mittwoch dann zum Rapport ins Oval Office. Der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs, sagte am Dienstag, Obama sei wütend und "sauer" auf McChrystal. Auf die Frage nach dem Schicksal des Generals antwortete er: "Wir werden nach dem Treffen mehr zu sagen haben." Gibbs warf McChrystal einen "erheblichen Fehler" vor. "Unsere Truppen und Verbündeten bringen außerordentliche Opfer für unsere Sicherheit, und unser Hauptaugenmerk muss es sein, sie zu unterstützen und in Afghanistan erfolgreich zu sein, ohne derartige Ablenkungen", hieß es in einer schriftlichen Erklärung weiter.

"Der Mann, der seinen Scheißkrieg leiten wird"
Die kritischen Äußerungen sind in einem Porträt über McChrystal im "Rolling Stone"-Magazin enthalten, das am Freitag auf den Markt kommt, aber schon vorher bekannt wurde und auch auf der Website des Magazins abrufbar ist (siehe Infobox). Unter dem Titel "The Runaway General" (dt.: "Der abtrünnige General") werden Zitate, Schilderungen und Gefühle des Generals sowie enger Mitarbeiter über Obama, Vizepräsident Joe Biden, den US-Botschafter in Afghanistan, Karl Eikenberry, und den nationalen Sicherheitsberater Jim Jones wiedergegeben. Auch von Obamas Afghanistan-Sonderbeauftragtem Richard Holbrooke hält McChrystal anscheinend wenig.

Jones etwa, so beschreibt es ein Mitarbeiter des Generals, sei "ein Clown". Ein anderer schildert, dass sein "Boss" enttäuscht von seinem ersten Zweier-Treffen mit Obama im vergangenen Jahr gewesen sei: "Obama wusste ganz klar nichts über ihn (McChrystal)." Der Präsident habe auch nicht sonderlich engagiert gewirkt - und das bei der Begegnung "mit dem Mann, der seinen Scheißkrieg leiten wird", echauffierte sich ein Mitarbeiter des Generals. Schon bei einem ersten Treffen mit führenden Offizieren fand der General den Schilderungen zufolge, dass Obama "eingeschüchtert" wirkte, sich nicht "wohl in seiner Haut" fühlte. 

"Oh, nicht noch eine Mail von Holbrooke"
US-Vizepräsident Biden hatte sich gegen die von Obama verfügte Truppenaufstockung in Afghanistan gewandt und sich damit McChrystals Unmut zugezogen. Demnach nannte der General den Vize "kurzsichtig" und erklärte, Bidens Vorstellungen über die Zukunft Afghanistans würden zu einem "Chaos-istan" führen. Scherzhaft spreche McChrystal Bidens Nachnamen öfter als "Bite me" (in etwa: "Leck mich") aus, heißt es in dem Artikel.

Eine besondere Portion Skepsis hat McChrystal für Obamas Sonderbeauftragten für Afghanistan und Pakistan, Richard Holbrooke, übrig. Der Artikel schildert, wie der General ein E-Mail des Diplomaten erhält und sagt: "Oh, nicht noch eine Mail von Holbrooke. Die will ich nicht einmal aufmachen." Als besonders belastet wird unter Berufung auf Insider auch das Verhältnis McChrystals mit dem US-Botschafter in Kabul, Karl Eikenberry, bezeichnet. Der frühere Drei-Sterne-General könne "es nicht ertragen, dass einer seiner früheren Untergebenen nun das Sagen hat". Als Eikenberry sich bezüglich der Truppen auf die Seite Bidens stellte, meinte der General: "Er will sich nur absichern, für die Geschichtsbücher."

Obama: "Schlechtes Urteilsvermögen"
Der Skandal kommt für die US-Regierung zu einem kritischen Zeitpunkt: Erst vor wenigen Tagen wurde eine Sommeroffensive zur Vertreibung der Taliban aus Kandahar verschoben. Obama steht unter wachsendem Druck, die Sicherheitslage im Land zu stabilisieren, da bereits im Sommer kommenden Jahres der versprochene Truppenabzug aus Afghanistan eingeleitet werden soll. Und nun kommt McChrystals Tirade dazu: US-Fernsehsender sprachen von "Rebellion" und "Insubordination". "Ich bezweifele, dass McChrystal dies überleben wird", meinte der langjährige Washington-Insider und "Newsweek"-Korrespondent Jonathan Alter. Obama rügte McChrystal am Dienstag wegen "schlechten Urteilsvermögens".

McChrystal: "Das hätte niemals passieren dürfen"
In einer am Dienstag in Kabul veröffentlichten Erklärung bat McChrystal, seine "aufrichtige Entschuldigung" wegen des Artikels zu akzeptieren. Die Äußerungen entsprächen nicht seinen "Prinzipien von persönlicher Ehre und Integrität". McChrystal sprach weiter von einem Fehler, der ein schlechtes Urteilsvermögen widerspiegle "und niemals hätte passieren dürfen. Ich habe enormen Respekt für Präsident Obama und sein nationales Sicherheitsteam und für die zivilen Führungspersönlichkeiten, die in diesem Krieg kämpfen."

Die NATO stellte sich in einer ersten Stellungnahme unterdessen hinter den US-General. "Der Artikel im 'Rolling Stone' ist bedauerlich, aber es ist nur ein Artikel", sagte ein Sprecher in Brüssel. NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen habe weiterhin "volles Vertrauen in General McChrystal und dessen Strategie".

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