Prozessauftakt
So dämlich stellten sich die Berliner Pokerräuber an
Mit Sturmhauben maskiert und mit Schreckschusspistolen sowie einer Machete bewaffnet war das Quartett am 6. März in das Berliner Hyatt-Hotel am Potsdamer Platz gestürmt, in dem das Turnier ausgetragen wurde. Schreiend rannten die Männer im Alter zwischen 19 und 21 Jahren mit den Waffen zum Kassenbereich und stopften das Geld aus dem gerade offenen Geldschrank in Jacken-, Hosen- sowie eine Laptoptasche, wie es in der 28-Seiten-Anklage heißt. Doch dann lief alles aus dem Ruder.
Denn als man sich nach der Tat am Ausgang des Hotels traf, um gemeinsam die Flucht anzutreten, fehlte auf einmal einer der Räuber. Die übrigen drei liefen zurück und fanden ihn im Schwitzkasten eines zwei Meter großen Sicherheitsmanns.
Hotel-Lehrling entreißt Tätern Großteil der Beute
Im darauffolgenden Handgemenge zur Befreiung des Komplizen, bei dem Wachleute Schläge und Tritte abbekamen, entriss ein Lehrling des Hotels den Männern die Laptoptasche, in der sich ein Großteil des Geldes befand - etwa 400.000 Euro. In Panik konnte die Bande schließlich flüchten, mit "nur" noch 242.000 Euro Beute.
Hunderte Zeugen ließ das Quartett nach seinem Coup zurück, kaum einer der Anwesenden konnte den Beamten nicht wertvolle Tipps geben. Auch wenn die am Ende zur Klärung des Falls gar nicht nötig waren. Genau so wenig wie die Fingerabdrücke, die einer der Täter - der großzügig auf das Tragen von Handschuhen verzichtet hatte - hinterließ.
Sturmhauben bei Flucht zu früh abgenommen
Denn es kam noch übler: Nachdem sie das Hotel verlassen hatten, rissen sich die Männer die Sturmhauben von ihren Gesichtern und rannten durch ein Einkaufszentrum. Die hier installierten Überwachungskameras lieferten eine gestochen scharfe Porträtserie der Täter. Und als wäre das noch nicht genug, notierte sich anschließend auch noch ein Zeuge die Nummer des Fluchtwagens, der auf einen der Männer zugelassen war. Erschwerend für die mutmaßlichen Räuber kam hinzu, dass sie der Polizei bereits bekannt waren. Angesichts der dilettantischen Vorgehensweise sprach der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft später von "einer neuen Dimension der Dummheit".
Nach dem Überfall soll der 29-jährige Drahtzieher, der bei der Tat selbst nicht dabei war, sondern nur den Fluchtwagen fuhr, auch die Beute aufgeteilt haben: 80.000 Euro für sich, je 40.000 Euro für seine vier jungen Räuber.
Nach nur zwei Wochen waren alle Täter geschnappt
Es dauerte nur zwei Wochen, dann saßen alle vier Männer in Untersuchungshaft. Ein 19-Jähriger hatte sich zunächst in den Libanon, ein 20-Jähriger in die Türkei abgesetzt. Sie kamen zurück und stellten sich. Noch auf dem Flughafen in Berlin-Tegel klickten die Handschellen. Ein 20-Jähriger war den Ermittlern zufällig bei einer Kontrolle in Berlin ins Netz gegangen. Spekuliert wurde auch, dass Tipps zu den Tätern von einer verfeindeten arabischen Großfamilie stammen sollen.
Die Räuber mit türkischer und arabischer Herkunft müssen sich nun wegen schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Nach dem Jugendstrafrecht können maximal zehn Jahre Haft verhängt werden. Es werde mit Geständnissen der Angeklagten gerechnet, sagte Gerichtssprecherin Petra Carl. Nur acht Termine sind für den Prozess bisher vorgesehen.
Der 29-jährige Libanese, der das Fluchtauto gefahren haben soll, bekommt einen gesonderten Prozess. Der sechste Verdächtige und zweite mutmaßliche Drahtzieher des Coups wurde Ende Mai gefasst, er wartet noch auf ein Verfahren. Er soll selbst an einem der Pokertische gesessen haben. Bei dem Turnier ging es um eine Million Euro, auch Boris Becker und Autorin Charlotte Roche spielten mit.
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