Am Ende solle "die beste einheitliche Schule für alle Zehn- bis 14-Jährigen herauskommen", damit alle Kinder - unabhängig von ihrer sozialen Herkunft - die gleichen Chancen hätten. Springender Punkt sei, dass die Bildungsentscheidung erst mit 14 Jahren fallen soll.
Die im Rahmen von Schulversuchen derzeit erprobte Neue Mittelschule ist für Karl "kein einheitliches Modell". Es gebe vielmehr eine Reihe von Konzepten, die unterschiedlich ausgestaltet seien. Erst eine Evaluierung werde zeigen, welches Modell das beste sei.
Spindelegger-Konzept für Karl "ambitioniert"
Anfang der Woche hatte ÖAAB-Chef Michael Spindelegger bei der Präsentation seines Bildungskonzepts eine "Einheitsschule" als "falsch" bezeichnet. Für die Ex-ÖAAB-Generalsekretärin Karl ist das Papier "ambitioniert": Spindelegger habe damit den Anstoß für Diskussionen innerhalb der ÖVP für ein neues modernes Bildungskonzept gegeben.
Spindelegger bezeichnete in seinem am Montag vorgestellten Konzept eine gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen allerdings als "falsch". Stattdessen sollen die Hauptschulen ein "Up-Grading" erfahren und zu "neuen Aufstiegsschulen" werden. Sie sollen bedarfsorientiert zusätzlich Sprachen anbieten - durch jährliche Prüfungskommissionen ("Audit") soll jederzeit ein Wechsel in die AHS möglich werden. Mittels "Talentechecks" mit zwölf und 14 Jahren sollen außerdem die Begabungen der einzelnen Kinder festgestellt werden. Die Lehrer-Ausbildung solle so umgestaltet werden, dass nach einer Grundausbildung durch den Erwerb von Modulen auch an anderen Schultypen unterrichtet werden kann. Kinder mit Sprachdefiziten sollen verpflichtende Deutschkurse absolvieren - in "integrativen Sprachschulen", die am Schulstandort angesiedelt sind. Ohne Kurs solle es keine Sozialleistungen geben.
FPÖ und BZÖ höhnen, Grüne und Schmied erfreut über Karl
Höhnische Reaktionen erntete Karl bzw. die Volkspartei von FPÖ und BZÖ für den Vorstoß. Aus Sicht der Freiheitlichen hat sich die ÖVP zum "bildungspolitischen Slalomfahrer" entwickelt. Bildungssprecher Walter Rosenkranz empfahl, die Parteiposition zur Schulreform "vor dem peinlichen nächsten Meinungsschwenk" festzulegen. Von "völliger Ahnungslosigkeit" geprägt" ist der Vorschlag für BZÖ-Bildungssprecherin Ursula Haubner.
Grünen-Bildungssprecher Harald Walser zeigte sich erfreut über die "neuerdings zart sichtbaren Reformpflänzchen um Beatrix Karl" und äußerte die Hoffnung, dass der "Bildungs-Beton" bröckeln könnte.
"Sehr erfreut über diese große Bewegung, die jetzt in die Diskussion kommt", zeigte sich SPÖ-Unterrichtsministerin Claudia Schmied. Alle internationalen Studien würden sagen, dass die Trennung in verschiedene Schultypen mit 9,5 Jahren nicht zu besserer Bildung führe. "Daher kann ich nur begrüßen, was Karl gesagt hat und freue mich, wenn das auch in das bildungspolitische Papier der ÖVP einfließt und wir das im Herbst eingehend diskutieren können."
ÖAAB: "Krasse und isolierte Einzelmeinung"
Innerhalb der ÖVP sorgte Karls Vorstoß für Distanzierungen: Als "persönliche Meinung" bezeichnete ÖVP-Chef Josef Pröll Karls Eintreten für eine gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen. Karls Meinung werde "eingebaut in die Diskussion in der ÖVP über ein neues Bildungskonzept, die nicht zu Ende ist, die läuft", so Pröll. ÖAAB-Generalsekretär Lukas Mandl - Karls Nachfolger im ÖAAB - sprach sogar von einer "krassen und isolierten Einzelmeinung".
Kritik an Karls Alleingang kommt außerdem vom VP-nahen Österreichischen Seniorenbund: Diese habe sich mit ihren Aussagen "eindeutig als Leiterin der Verhandlungen zur Neugestaltung des Bildungssystems disqualifiziert" und noch dazu dabei nicht an den Entscheidungen und Gremien der Partei orientiert. Wie in allen anderen Bereichen halten wir grundsätzlich nichts von Einheitsbrei."
Ins Gericht ging auch JVP-Obmann Sebastian Kurz mit Karl. Wieder einmal sei eine "ewiggestrige Taferldiskussion" losgetreten worden, über Namen habe man lange genug diskutiert. Kurz, der den JVP-Beitrag zum schwarzen Bildungskonzept für Juli ankündigte, geht es um Sprachförderung und qualifizierte Nachmittagsbetreuung. "Ich hoffe, dass die Diskussion wieder sachlich wird und sich nicht um Türschilder dreht." Die JVP stehe weder hinter einem ÖAAB- noch einem anderen Konzept, sondern "voll hinter dem ÖVP-Gesamtkonzept", das am Ende des Tages herausschauen werde.
Karl überrascht von heftiger Diskussion
Karl selbst zeigte sich am Nachmittag von der heftigen Diskussion über ihren Vorstoß überrascht. Innerhalb der ÖVP gebe es ein "breites Meinungsspektrum", so Karl - "und das ist gut so". Die unterschiedlichen Ansichten würden nun für die Erstellung eines ÖVP-Bildungspapiers diskutiert: "Wie können wir darüber diskutieren, wenn wir die Meinungen nicht austauschen? Dass es Gegenmeinungen gibt, ist natürlich auch legitim."
Basis für das ÖVP-Papier werde weiterhin das ÖAAB-Bildungskonzept sein, betonte Karl. In dieses würden Papiere anderer Teilorganisationen und der Länder einfließen, bis Herbst soll das Ergebnis stehen. Mit der Koordination der einzelnen Konzepte sei sie betraut - und sie sei von Parteichef und Vizekanzler Josef Pröll auch "nicht zurückgepfiffen worden", meinte sie. Ob sie die Mehrheitsmeinung in der ÖVP vertrete, könne sie "nicht einschätzen", so Karl: Es gebe sehr viel Zustimmung, aber natürlich auch Gegenmeinungen. Ihre Aufgabe sei es nun, diese zu koordinieren. Wer dabei noch mitarbeiten werde, sei noch offen.
Karl wünscht sich, "dass wir es in dieser Koalition schaffen, ein wirklich großes Bildungspaket zu schnüren - vom Kindergarten über die Schule und die Hochschulen bis zum Lebenslangen Lernen". Dazu müssten beide Parteien "ideologische Scheuklappen ablegen". Sie erwartet sich dabei auch "Bewegung bei der SPÖ". Als Vorleistung will sie ihren heutigen Vorstoß nicht sehen: "Das war keine Vorleistung, das war meine Meinung." Als Wissenschafterin sei sie gewohnt, diese auch bei Kritik zu vertreten.
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