Kaczynski-Absturz
Tiefe Trauer in Polen – Präsident nach Warschau überstellt
Polens Ministerpräsidenten Donald Tusk und Kaczynskis Zwillingsbruder Jaroslaw waren noch am Samstagabend mit einem Charterflugzeug nach Smolensk gereist, wo die Maschine des Präsidenten am Vormittag im Landeanflug bei dichtem Nebel abgestürzt war. An der Unglücksstelle gedachten sie gemeinsam mit Russlands Premier Wladimir Putin der Opfer, zündeten Kerzen an und legten Blumen nieder. Der russische Präsident Dmitri Medwedew ordnete für Montag eine eintägige Staatstrauer an.
Der Sarg wurde dann am Sonntag nach einer kurzen Zeremonie auf dem Flughafen Smolensk, abermals im Beisein Putins, in ein Flugzeug geladen und traf um 14.30 Uhr MESZ in der polnischen Hauptstadt ein. Die engsten Angehörigen und politische Weggefährten empfingen den Leichnam des Politikers auf dem Militärflughafen in Warschau. Bei der anschließenden Fahrt durch die Stadt säumten Tausende Menschen den Weg zum Präsidentenpalast, wo der Leichenwagen mit Kaczynskis sterblichen Überresten dann vorfuhr. Der Leichnam des Präsidenten soll am Dienstag öffentlich in dem Regierungsgebäude aufgebahrt werden.
Zuvor war der Todesopfer in Polen mit zwei Minuten Stille gedacht worden. Menschen im ganzen Land blieben um Punkt 12.00 Uhr, als die Sirenen zu heulen begannen, auf der Straße stehen (siehe 2. Bild v.li.), Autos stoppten, Züge hielten an. Vor allem in Warschau, wo Kaczynski bis 2005 als Bürgermeister amtierte, war die Anteilnahme groß.
Trauerschleier über Warschau
In der Nacht auf Sonntag hatten sich die Straße der Hauptstadt mit trauernden Menschen, die Blumen und Grablichter bei sich trugen, gefüllt. Zehntausende kamen vor dem Präsidentenpalast zusammen, in den Kirchen wurden spontan Trauergottesdienste abgehalten. Vor der Militärkirche in Warschau - das gesamte Armeekommando war bei dem Absturz am Samstagvormittag getötet worden - mussten Videowände aufgebaut werden, da die Kirche bei Weitem nicht alle Besucher fassen konnte. "Die moderne Welt hat noch nie eine solche Tragödie erlebt", erklärte Premier Donald Tusk.
Viele stimmten vor den Regierungsgebäuden die Nationalhymne an, Kinder legten selbstgemalte Bilder nieder. "Er war unser Präsident, unabhängig von unseren Meinungen", sagte Malgorzata Blasik, eine Frau in den 30ern, die selbst keine Anhängerin der Politik des Rechtskonservativen Lech Kaczynski war.
Lichtermeere an allen Ecken der Stadt
In guten Tagen ist die Straße Krakowskie Przedmiescie am Präsidentenpalast die Flaniermeile der Hauptstadt, Samstagnacht wurde sie zu einem Lichtermeer, wie sie plötzlich an allen Ecken der Stadt aufgetaucht waren. Die Kerzen, hier zu einem riesigen Kreuz, dort zu Tränen angeordnet, leuchteten und wärmten. "So zeigen wir, dass wir gemeinsam gedenken und trauern - die Menschen stellen ihre Kerze neben die eines anderen", sagte Jakub Groszkowski, wissenschaftlicher Mitarbeiter im staatlichen Zentrum für Osteuropastudien. Der 27-Jährige stand lange da, an sein Fahrrad gelehnt, und blickte in das Flackern der Flammen. Er habe bis zuletzt gehofft, dass nicht alle an Bord umgekommen seien.
"Das ist ein sehr schwerer Tag für unsere Nation." Dabei spiele die politische Orientierung keine Rolle: "Hier sind sehr viele junge Menschen, von denen die meisten keine Anhänger von Lech Kaczynski waren." Ein paar Meter weiter hatten einige von ihnen einen Halbkreis gebildet und sangen zur Gitarre, den Blick direkt auf den Präsidentenpalast gerichtet. "Der Herr ist unser Hirte", hieß ihr Lied. "Von mir aus könnte die Staatstrauer auch länger dauern als eine Woche", erklärte Jacek Dluzewski, ein 24-jähriger Ingenieur.
Als Verdienst des verstorbenen Staatsoberhauptes nennen die meisten, dass Kaczynski sich um das historische Gedenken der Polen bemühte. Er habe viele Helden geehrt, die in Vergessenheit geraten seien, angefangen von der Zwischenkriegszeit, sagte Jakub Groszkowski: "Ihm haben wir es zu verdanken, dass wir die vielen Jubiläen der vergangenen Jahre würdig begingen - den 70. Jahrestag des Kriegsbeginns ebenso wie 30 Jahre Solidarnosc-Bewegung", so der 27-Jährige. Für viele Menschen ist das Museum für den Warschauer Aufstand, das Lech Kaczynski als Bürgermeister initiierte, seine größte Errungenschaft. Als zweiten großen Verlust für ihr Land nannten die meisten die Präsidentengattin Maria. "Sie war einfach ein guter Mensch und hat vielen geholfen."
Absturz im Nebel
Beim Absturz der polnischen Präsidentenmaschine, einer Tupolew-154, waren am Samstagvormittag nahe Smolensk im Westen Russlands alle 97 Insassen, darunter 88 Mitglieder einer offiziellen Delegation, ums Leben gekommen. An Bord befanden sich unter anderen Präsident Kaczynski und seine Frau Maria, der polnische Generalstabschef Franciszek Gagor, Nationalbankchef Slawomir Skrzypek, Vizeaußenminister Andrzej Kremer sowie zahlreiche Parlamentarier und nahezu die gesamte Führung der polnischen Armee. Die Delegation wollte an einer Gedenkfeier in Katyn teilnehmen, wo sowjetische Einheiten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs etwa 22.000 Polen ermordet und verscharrt hatten.
Im dichten Nebel verfehlte das Flugzeug die Landebahn, streifte eine Baumgruppe und stürzte in ein Waldstück in der Nähe des Flughafens. Als Ursache gilt inoffiziell ein Pilotenfehler, da die Maschine trotz russischer Warnungen die Landung wagte. Allerdings ist Kaczynski bekannt dafür, keine Verspätungen und Umwege bei seinen Flugreisen zu dulden. Die russischen und polnischen Ermittler, die derzeit die Flugschreiber auswerten, wollen die genaue Ursache des Unglücks alsbald erklären können.
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