Do, 17. Jänner 2019

"Krone"-Interview

25.03.2010 10:45

Korruption, Mafia und der Vatikan als Geldwaschanlage

Korrupte Politiker, die Mafia und der Vatikan: Der italienische Journalist Gianluigi Nuzzi hat mit seinem Buch "Vatikan AG" in seiner Heimat für Aufregung gesorgt. Jetzt ist sein Aufdecker-Bestseller, der die Vatikanbank als riesige Geldwaschanlage enttarnt, auch auf Deutsch erschienen. "Krone"-Reporterin Nadia Weiss traf Nuzzi zum Interview.

"Es ging um schmutziges Geld, und die Vatikanbank hat als Geldwaschanlage mitten in Rom gearbeitet", sagt Nuzzi, der u.a. bei der Tageszeitung "Corriere della Sera" als Aufdecker tätig war. Der Journalist zeigt in seinem Buch, wie das Machtsystem des Vatikans über Jahrzehnte funktionierte und die Vatikanbank, die offiziell "Institut für religiöse Werke" (Instituto per le Opere di Religione, IOR) heißt, Millionen an Mafia- und Politiker-Schmiergeld wusch. So seien allein über das Konto des siebenmaligen italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti über 60 Millionen Euro geflossen.

Ans Licht waren die Machenschaften durch das Testament des Priesters Renato Dardozzi, ehemaliger Kanzler der päpstlichen Akademie der Wissenschaften und Berater des vatikanischen Staatssekretariats, gekommen. Er hatte verfügt, dass über 4.000 Beweisdokumente - darunter interne Berichte, Kontoauszüge, Überweisungen und Schreiben höchster kirchlicher Würdenträger - veröffentlicht werden sollen. Bedingung sei nur gewesen, dass ausschließlich über Fakten berichtet werden dürfe und diese kostenlos zur Verfügung stehen müssten. In Italien wurden von "Vatikan AG" mehr als 250.000 Exemplare verkauft, in Österreich ist es nun im Ecowin Verlag erschienen (22,30 Euro, 360 Seiten).

"Krone": Herr Nuzzi, Sie beschreiben in Ihrem Buch die Machenschaften der Vatikanbank als Finanz- und Politskandal. Wie kamen Sie an die Unterlagen?
Gianluigi Nuzzi: Ich war zu diesem Zeitpunkt, im Jahre 2006, als Journalist beim italienischen Magazin "Panorama" tätig. Die Nachlass-Verwalter von Monsignore Renato Dardozzi kontaktierte mich, um mir jene Tausenden internen Akten zu übermitteln, die er gesammelt hatte, als er im Auftrag des Vatikans den Skandal rund um die Banco Ambrosiano untersuchte, der ja bekanntlich dazu geführt hatte, dass der Direktor der Vatikanbank, Erzbischof Paul Casimir Marcinkus, erhängt unter einer Brücke in London aufgefunden wurde.

"Krone": Warum veranlasste Monsignore Dardozzi die Veröffentlichung der Dokumente nach seinem Tod?
Nuzzi: Er wollte die Vorgänge in die Öffentlichkeit bringen. Die Nachlassverwalter dachten zunächst an einen Zeitungsartikel, als ich jedoch die Dokumente zu Gesicht bekam, wusste ich, das ist eine viel größere Sache, der nur ein Buch gerecht werden kann. Die Hälfte der Erlöse kommt wohltätigen Zwecken zugute, so wurde es von den Nachlassverwaltern bestimmt.

"Krone": Wo waren die Dokumente bis zu diesem Zeitpunkt versteckt?
Nuzzi: Sie befanden sich im Keller eines Bauernhofes in der Schweiz. Die Bäuerin hatte zum Glück nie nachgesehen, was sich in den zwei schweren Samsonite-Koffern befand. Auf dieser Reise wurde ich von Leibwächtern begleitet, wissen Sie, es passieren so viele Unfälle auf dem Weg zwischen der Schweiz und Italien…

"Krone": Wurden Sie nach der Veröffentlichung des Buches in Italien bedroht, verklagt oder in Ihrer Arbeit behindert?
Nuzzi: Es gab eine kleine zivile Klage, in der ein Konto-Besitzer klarstellen wollte, dass die betreffenden Geldsummen wohltätigen Zwecken zugeflossen sind. Ich hatte jedoch nie Gegenteiliges behauptet, und somit hatte die Klage keine Folgen.

"Krone": Wie reagierte der Vatikan?
Nuzzi: Der aktuelle Papst, Benedikt XVI., hat den Direktor der Vatikanbank Angelo Galoia nach zwanzig Jahren an der Spitze vorzeitig entlassen. Außerdem unterliegt der Vatikan nun den in der EU geltenden Gesetzen zur Verhinderung von Geldwäsche. Obwohl der Papst auch jetzt bei den Missbrauchsfällen von der Öffentlichkeit angegriffen wird, macht er den Eindruck, wirklich etwas zum Positiven verändern zu wollen. Es wäre auch undenkbar gewesen, dass ein früherer Papst die betreffenden Priester und Ordensleute dazu aufgerufen hätte, sich der weltlichen Gerichtsbarkeit zu stellen. Aber natürlich hat der Papst Joseph Ratzinger einfach keine solche mediale Wirkung wie sein Vorgänger Papst Karol Wojtyla.

"Krone": Wie stellte sich nach Sicht der Dokumente die Rolle von Papst Johannes Paul II. rund um die Machenschaften in der Vatikanbank dar?
Nuzzi: Dazu kann ich nur sagen, dass er von Monsignore Dardozzi informiert wurde, es aber keine Konsequenzen gab.

"Krone": Sie haben vorhin von Geldwäsche gesprochen. Was sind die konkreten Vorwürfe gegenüber der Vatikanbank?
Nuzzi: Es kann belegt werden, dass die unsauberen Vorgänge nicht mit dem Tod von Erzbischof Marcinkus zu Ende waren, sondern dass im Gegenteil das System danach verfeinert und verdeckt weiterhin funktionierte. Es geht um schmutziges Geld, das von der Mafia sowie korrupten Firmen und Politikern stammt. Die Vatikanbank hat als Geldwaschanlage in der Mitte von Rom gearbeitet.

"Krone": Wer waren gemäß Ihrer Unterlagen die Strippenzieher?
Nuzzi: Der siebenfache italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti ist eine der zentralen Figuren der italienischen Politik und der Skandale in der Vatikanbank. Auf einem seiner Konten wurden innerhalb von zwei Jahren 60 Millionen Euro bewegt. Als ich ihn danach fragte, meinte er nur, er könne sich nicht erinnern, jemals ein Konto dort besessen zu haben.

"Krone": Andreotti ist seit 1992 nicht mehr Regierungsmitglied, sondern lediglich "Senator auf Lebenszeit", Ihr Buch behandelt Vorgänge bis ins Jahr 2003. Ist er dennoch die wesentliche politische Figur?
Nuzzi: Andreotti hat das Land über Jahrzehnte geprägt, solche "Kraken" gehen nicht auf einmal in Pension. Von ihm ist auch der Spruch überliefert: "Wenn ich in die Kirche gehe, spreche ich nicht mit Gott, nur mit dem Priester, denn Gott geht nicht wählen." Nach dem Zusammenbruch der "Democrazia Cristiana", der italienischen Christdemokraten, aufgrund der Anti-Korruptionsaktion "Mani pulite" wollte der Vatikan eine neue christliche Partei installieren, dies misslang jedoch. Heute haben Sie Lobbyisten in allen Parteien.

"Krone": Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat nach dem Zusammenbruch der "Democrazia Cristiana" als Reaktion seine politische Karriere begonnen. Ist er in die Skandale nicht eingebunden?
Nuzzi: Er scheint in den Dokumenten nicht auf.

"Krone": Welchen Nutzen konnten einige Menschen im Vatikan daraus ziehen, dass es unsaubere Vorgänge in der Bank gab?
Nuzzi: Zunächst will ich noch einmal klarstellen: Ich habe kein Buch gegen die Kirche geschrieben, sondern gegen einige Menschen, die ihr Vertrauen missbraucht haben. Der Grund dafür ist der Wunsch nach Macht und Einfluss, dabei ist es hilfreich, wenn man über die Geheimnisse und Geschäfte anderer Bescheid weiß. In Italien ist eine Reihe von Gesetzen durch den Einfluss gewisser klerikaler Kreise verhindert worden.

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