Do, 15. November 2018

Das Ende einer Ära

02.07.2018 11:12

Nach WM-Aus: „Spanien fällt um zehn Jahre zurück“

Rücktritt von Superstar Andreas Iniesta, die Zukunft von Trainer Fernando Hierro ungewiss, der Glanz der goldenen Generation längst verblasst und der Russland-Trip eine einzige Enttäuschung: Acht Jahre nach dem WM-Triumph von Südafrika steht Spaniens Nationalteam wie der Fußball-Weltmeister von 2014 aus Deutschland vor einem tiefen Einschnitt. Die internationale Presse geht wenig zimperlich mi der Selección um. Sie hinterlasse „ähnliche Gefühle wie nach Brasilien 2014 und Frankreich 2016“, schrieb etwa die Zeitung „El Mundo“ nach dem Achtelfinal-Aus im Elfmeterschießen gegen Gastgeber Russland. „Spanien fällt um zehn Jahre zurück“, titelte „El País“. Und der spanische „Sport“ schrieb: „Das ist das Ende der goldenen Generation von ‘La Roja‘“.

Wie schon bei der EM gegen Italien verpassten Andrés Iniesta, Sergio Ramos und Co. das Viertelfinale - nach einem denkwürdigen Abend im Luschniki-Stadion von Moskau. Im Elfmeterschießen war Torhüter Igor Akinfejew der Held, nachdem Koke und Iago Aspas scheiterten. „Ein Adios zum Heulen. Spanien war vom ersten Tag an nicht wiederzuerkennen“, kritisierte das Sportblatt „Marca“. Fast nichts erinnerte in diesen 120 Minuten daran, wie die Spanier im März in Düsseldorf beim 1:1 gegen Deutschland geglänzt hatten.

„Stunde der engültigen Auflösung der spanischen Nationalmannschaft ist gekommen“
„Die Stunde der endgültigen Ablösung in der spanischen Nationalmannschaft ist gekommen. Der Wandel war hart, und jetzt öffnet sich ein völlig neues Szenarium mit dem Abgang fast aller Weltmeister. In Russland waren noch sechs dabei, aber nun machen nur Sergio Ramos und Busquets weiter, was dem neuen Trainer die Möglichkeit lässt, einen Zyklus ohne die Fesseln der Vergangenheit zu eröffnen“, schrieb der spanische „Sport“.

Tiki-Taka hat ausgedient
Mit verweinten Augen verließ Iniesta die WM und bestätigte seinen Rücktritt. „Es ist Tatsache, dass das mein letztes Spiel heute war. Eine wundervolle Etappe ist zu Ende gegangen“, sagte der geniale Spielmacher, WM-Final-Torschütze von 2010, Europas Fußballer des Jahres 2012, zweimaliger Europameister und viermalige Champions-League-Sieger mit dem FC Barcelona. Beim japanischen Club Vissel Kobe wird der 34-Jährige nun wie Lukas Podolski seine Karriere ausklingen lassen - nach 131 Länderspielen. Zusammen mit Xavi Hernandez stand Iniesta über viele Jahre für das erfolgreiche Tiki-Taka-Spiel der Spanier.

Neues Team rund um Isco soll aufgebaut werden
Der neue Ballverteiler steht längst fest: Rund um Isco soll die neue Mannschaft aufgebaut werden. „Der Geiger der Titanic“, schrieb „Marca“ über den Hochbegabten von Real Madrid, der als einziger bei diesem Turnier durchweg überzeugte. Abwehrspieler Gerard Piqué ging im Gegensatz zu Iniesta wortlos. Zusammen mit Iniesta, Sergio Ramos, Sergio Busquets und David Silva war er einer der fünf hilflosen Weltmeister von Südafrika auf dem Platz. Seinen Abschied hatte er schon vor dem Turnier angedeutet.

Ramos: „Brutaler Tiefschlag“
Kapitän Ramos sprach von einem „brutalen Tiefschlag“, über seine Zukunft im Nationalteam wollte der Innenverteidiger an diesem Abend nicht entscheiden. „Wir müssen nach diesem superharten Rückschlag wieder aufstehen. Wir wissen nicht, ob das für einige heute die letzte WM ist“, sagte Ramos. Seinen Humor hatte der 32-Jährige von Real Madrid auch in einem „der schwersten Augenblicke meines Lebens“ nicht verloren. „Ich werde mich verpflichtet fühlen, in Katar mit weißem Bart aufzulaufen“, sagte er über die WM 2022.

Spanischer Verband in der Kritik
Und Hierro? Der spanische Fußball-Verband hatte ihn erstmal nur für das Turnier verpflichtet. Mit der Absetzung von Julen Lopetegui, dem künftigen Chefcoach von Real nur zwei Tage vor dem ersten WM-Spiel, hatte Luis Rubiales ein Eigentor geschossen. Unter dem bisherigen Sportdirektor und plötzlichen Chefcoach Hierro schwächelte das Team zunehmend. „Wir werden uns diese Woche beim Verband zusammensetzen und dann Entscheidungen treffen“, sagte RFEF-Boss Rubiales.

Übernimmt Luis Enrique den Trainerjob?
Das nächste Länderspiel steht am 8. September gegen England an. Einer der heißen Kandidaten auf den Posten ist Ex-Nationalspieler Luis Enrique, der 2017 beim FC Barcelona nach drei Jahren und neun Titeln ging, darunter war der Triumph in der Champions League 2015. Hierro, der 89-malige Nationalspieler und frühere Real-Star, selbst antwortete eher ungehalten auf Fragen nach seiner Zukunft. „Das ist das, was mich nicht beschäftigt. Ich glaube nicht, dass das im Moment wichtig ist“, sagte der 50-Jährige.

Hierro war schon nach dem 2:2 gegen Marokko im letzten Vorrundenspiel und dem glücklichen Gruppensieg von den spanischen Medien kritisiert worden. Unter Lopetegui war die Seleccíon in 20 Spielen ungeschlagen geblieben. „Unser Leader ist gegangen. Hierro hat es so gut gemacht, wie er konnte und wir haben versucht, darauf auf die bestmögliche Art zu antworten“, sagte Mittelfeldspieler Koke bei seinem traurigen Abgang.

Franz Hollauf
Franz Hollauf

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