Fr, 14. Dezember 2018

Große Diskussion

20.04.2018 08:46

Gangster-Rap: Erniedrigung als System

Der Eklat um die Echo-Musikpreis-Vergabe hat ein Schlaglicht geworfen auf das, was Gangster-Rapper seit Jahren auf Kinder und Jugendliche einrieseln lassen. Antisemitismus sei dabei wohl nicht einmal das größte Problem, sagen Experten.

Sie verkaufen in Deutschland ein Nummer-eins-Album nach dem anderen. Gangster-Rapper sind die Stars auf den Schulhöfen. Ihre Stücke sind mal frauen- mal schwulenfeindlich, gewalt- und drogenverherrlichend, voller Hass gegen die Polizei - und manchmal auch antisemitisch. Die Gangster-Rapper Bushido und Sido sorgten schon vor 15 Jahren für Skandale. Dann wurde es ruhiger. Nach dem Eklat bei der Echo-Preisvergabe über Liedzeilen, die als antisemitisch verstanden werden, richtet sich die Aufmerksamkeit nun erneut auf die erfolgreichen Schmuddelkinder des Musikgeschäfts.

Der deutsche Musikpreis Echo ist dadurch in eine schwere Krise geraten. Reihenweise wenden sich Künstler ab, weil Farid Bang und Kollegah für ihr Album „Jung, Brutal, Gutaussehend 3“ (JBG3) ausgezeichnet wurden, das die Textzeilen enthält: „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ und „Mache wieder mal ‘nen Holocaust, komm‘ an mit dem Molotow“.

Gesellschaftskosmos
„Grenzüberschreitung ist eines der zentralen Stilmittel des Gangster- und Battle-Raps“, sagt Hiphop-Expertin Sina Nitzsche von der TU Dortmund. „Der ist auch homophob, frauenfeindlich und in anderer Weise abwertend. Das gehört allerdings zum Genre wie der Cowboy zum Western. Zugleich ist der Battle-Rap ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft.“

Unproblematisch sei dies deswegen nicht: „Kollegah und Farid Bang bedienen einen Zeitgeist, um kommerziell erfolgreich zu sein. Das kann sehr gefährlich sein, weil sie eine Vorbildfunktion haben. So kann Antisemitismus salonfähig werden.“

Erniedrigung und Beleidigung sind das Grundprinzip des Battle-Raps, sagt auch Hip-Hop-Experte und Journalist Dennis Sand. Ihn stört, dass sich die Diskussion nun auf Farid Bangs und Kollegahs Auschwitz-Zeile konzentriert. Die sei weniger antisemitisch als eine geschmacklose Verhöhnung der Holocaust-Opfer.

Glaubwürdigkeitsproblem
Problematischer sei es, wenn Kollegah als reale Person dazu aufrufe, über die Verschwörungstheorie „Pizzagate“ zu berichten, in der behauptet wird, US-Politikerin Hillary Clinton sei in einen Kinderporno-Ring verwickelt. „Wenn Kollegah etwas sagt, glauben die Kids das. Und da missbraucht er massiv seine Macht.“

Es ist nicht das erste Mal, das Gangster-Rapper aus Deutschland einschlägig auffallen: Der Musiker Haftbefehl hatte die Zeile „ticke Kokain an die Juden von der Börse“ in seinem Stück „Psst“. Später rechtfertigte er sich damit, es handele sich um authentisches Erleben und sei so geschehen. Aber ist es glaubhaft, dass Kokain-Konsumenten einem Dealer anvertrauen, welcher Religion sie angehören?

Schon als 16-Jähriger reimte Haftbefehl: „Du nennst mich Terrorist ich nenne dich Hurensohn/Gebe George Bush ein Kopfschuss und verfluche das Judentum.“ Später distanzierte er sich davon. Doch 2015 weist er auf die Verschwörungstheorie von der vermeintlichen Macht der jüdischen Bankiersfamilie Rothschild hin.

Judenhetze
Rapper Favorite textete mit Kollegah: „Ich leih‘ dir Geld, doch nie ohne ‘nen jüdischen Zinssatz.“ Und: „Yeah, Freispruch, wie üblich, ich kann hier halt machen, was ich will dank meines jüdischen Anwalts.“

Kollegah sieht nun eine Hetz-Kampagne gegen sich im Gange. Experten kritisieren in der WDR-Dokumentation „Die dunkle Seite des deutschen Rap“ auch dessen 13-minütiges Video „Apokalypse“ als Erzählung mit antisemitischen Elementen. Da wird Krieg um Jerusalem geführt. Der Vertreter des Teufels sitzt in einem Londoner Finanzturm und hat einen Davidstern am Fingerring. Doch Kollegah behauptet, es sei ein satanistisches Symbol, ein Pentagramm.

Beim Berliner Rapper Deso Dogg ist die Sache eindeutig: Er schloss sich der Terrorgruppe Islamischer Staat an. Jan Böhmermann hat sich mit seinem Rap-Song „Ich hab Polizei“ über die Gangster-Rap-Szene lustig gemacht. Doch nun scheint ihm das Lachen vergangen: „Gags über vergaste Auschwitzinsassen zu machen, ist einfach scheiße“, sagt er. „Wen willst du damit begeistern außer Typen, die Bock haben auf brennende Asylantenheime?“

Vertrag aufgekündigt
Das Musiklabel BMG hatte sich in einer Stellungnahme zunächst hinter die Künstler gestellt. „Wir nehmen Künstler und künstlerische Freiheit ernst, und wir sagen unseren Künstlern nicht, was ihre Texte enthalten sollten und was nicht“, hatte die Tochter des Medienunternehmens Bertelsmann mitgeteilt. Am Donnerstag legte das Unternehmen dann die Zusammenarbeit mit Kollegah und Farid Bang auf Eis und kündigte eine Kampagne gegen Antisemitismus an.

Rapper Curse hat sich auf seine Weise mit dem Genre auseinandergesetzt: „Ich hab nichts gegen Gangster die rappen. Im Gegenteil, man, ich lieb‘ den Scheiß“, textete er. „Doch zu viele von den Kids geh‘n und kopier‘n den scheiß. ... Das ist solange sweet bis irgendwer ‘n Kopfschuss kriegt.“

 krone.at
krone.at

Kommentare

Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Aktuelle Schlagzeilen
Kühbauer, Schwab & Co.
„Bekomme Geldstrafe“ - Rapid jubelt über Aufstieg
Fußball International
Europa League
2:1 bei Celtic! Salzburg beendet Gruppe makellos
Fußball International
Europa League
Leipzig trotz Schützenhilfe von Salzburg draußen!
Fußball International
Jubel nach Aufstieg
Kühbauer: „Allerschönster Tag als Rapid-Trainer“
Fußball International
EL-Erfolgslauf
6. Sieg! Hütter schreibt mit Frankfurt Geschichte
Fußball International
„Gelbwesten“-Streit:
Misstrauensantrag gegen Macron gescheitert
Welt
Rangers bezwungen
Europa-League-Hammer! Auch Rapid in K.-o.-Phase
Fußball International
Kuriose Insolvenz
Niederösterreichische Moschee in Konkurs
Österreich
Europa League
Rapid gegen Rangers: Fan-Randale vor dem Stadion
Fußball International
Infantino-Plan
WM 2022: Spiele auch in Katars Nachbarländern?
Fußball International
Nach Copa-Finale
Drama: Junger River-Fan von Boca-Anhängern getötet
Fußball International
Mögliche Verstärkungen
„Interessante Namen“ - Bayern auf Transferjagd
Fußball International
Schock bei Adventfeier
Als Harnik-Klub feierte, brachen Diebe Autos auf
Fußball International

Newsletter

Melden Sie sich hier mit Ihrer E-Mail-Adresse an, um täglich den "Krone"-Newsletter zu erhalten.