20.02.2018 09:15 |

Bergen und Oslo

Norwegen: Die Erben der Wikinger

Tiefblaue Fjorde, saftig grüne Wiesen gekrönt von weißen Gletschern, donnernde Wasserfälle und wilde Wikinger – zwischen Bergen und Oslo erfüllt sich jeder Traum von Norwegen-Fans. Einzige Voraussetzung: Wetterfest sollte man sein.

Erinnern Sie sich noch an die heißeste Woche des vergangenen Sommers? Während Österreich bei 40 Grad schwitzte, zeigte das Thermometer in Bergen gerade 13 Grad an. Inklusive eines Wettermix aus Wolken und Sonne. "Bergen ist die feuchteste Großstadt Europas“, eröffnet uns unser Guide Robert Binder gleich zur Begrüßung. „Manchmal kann man alle Jahreszeiten an einem Tag erleben.“Wie zum Beweis platscht der Regen vom Himmel. Zum Glück ist es nicht weit bis zum Fischmarkt am Hafen. Während wir dort metergroße Königskrabben bestaunen, ist der Regenguss auch schon wieder vorbei.

Bergen war einmal eine der wohlhabendsten Städte Europas, was sie ausgerechnet getrocknetem Fisch verdankte. Der Stockfisch – getrockneter Kabeljau von den Lofoten-Inseln – war Grundlage für regen Handel. Im 14. Jahrhundert errichtete die Hanse hier ein Kontor: Davon zeugen die bunten Holzhäuser im Stadtteil Bryggen mit ihren verwinkelten Gängen. Den Stockfisch gibt es immer noch – 80 Prozent der Produktion gehen übrigens nach Italien –, und auch geschäftig geht es in Bergen weiterhin zu. Die Stadt ist Heimat der Hurtigruten, deren Schiffe bis ans Nordkap fahren, und Ziel zahlreicher Kreuzfahrtschiffe. Denn Bergen gilt als Tor zu den Fjorden, den wassergefüllten Tälern, deren Flanken oft bis zu 1000 Meter hinaufreichen.

Wie der Hardangerfjord, der sich 170 Kilometer weit ins Land hineinwindet. Oder der Aurlandsfjorden, ein „Seitental“ des noch längeren Sognefjorden. Die Fahrt dorthin führt durch eine Gartenlandschaft: Äpfel-, Birnen- und Kirschbäume wachsen an den Hängen des Fjords. Möglich macht dies der Golfstrom, der die Küste aufheizt. Die Temperaturen fallen auch im Winter nur wenig unter null Grad. Zweite Überraschung: Die Norweger sind Weltmeister im Tunnelbauen. Dank der stabilen Granitfelsen, auf denen sie leben, sind auch viele Tunnel nur roh in den Berg hineingehauen. Manche warten mit Kreisverkehren mitten im Berg auf und in Aurlandsvangen findet sich mit 24,51 Kilometer der längste Straßentunnel der Welt – inklusive Raststationen.

Auch bei den Bergstraßen lassen sich die Norweger nicht lumpen. Von Stalheim, einem einzigartigen Aussichtspunkt mit Blick auf mächtige Berge, stürzen sich nicht nur Wasserfälle Hunderte Meter in die darunterliegende Schlucht – die Straße ist mit 18 Prozent Gefälle ebenfalls nicht ohne. Da geht es beim Schifferlfahren auf dem Fjord geruhsamer zu. Hungrige Möwen sorgen für Unterhaltung, einsam gelegene Bauernhöfe ziehen vorbei. Bei einer Kirche mit zwei, drei Häusern steigen einige Passagiere aus – die Schiffe sind in dem unwegsamen Gebiet oft einziges Transportmittel. In FlÅm ist Endstation. Dort liegen auch riesige Kreuzfahrtschiffe vor Anker. „Die Fjorde sind tiefeingeschnittene Täler“, meint Guide Robert. „Sie reichen unter der Wasseroberfläche noch Hunderte Meter hinunter.“

Flåm ist für den Ansturm gerüstet. Im „Hardangervidda Naturzentrum Eidfjord“ gibt es nicht nur einen Panoramafilm mit atemberaubenden Hubschrauberflügen in steilen Schluchten zu bestaunen. Auch die Geschichte und Kultur der Gegend ist spannend aufbereitet. Und es gibt neben seltenen Tieren wie Polarfuchs und Vielfraß auch die Rentiere zu sehen, die zwar zu Hunderttausenden die Hochebene bevölkern, aber meist außer Sichtweite bleiben. Die Hardangervidda ist die größte Hochebene Europas, gekrönt vom Hardangerjøkulen, dessen Eismassen blau durch die Wolken schimmern. Die Straße, welche vom Meer weg auf die im Schnitt 1200 Meter hoch gelegene Ebene führt, ist abenteuerlich. Vor allem wenn man bedenkt, dass sie bereits im 19. Jahrhundert angelegt wurde, um mit Pferdekutschen die ersten Touristen zum Vøringsfoss-Wasserfall zu bringen, mit 183 Meter Fallhöhe einer der höchsten in Norwegen.

Der wurde schon etlichen Neugierigen, darunter auch zwei Österreichern, zum Verhängnis. Sie hatten sich zu nahe an den ungesicherten Abgrund gewagt und waren abgestürzt. Vom neuen Aussichtszentrum können die Wassermassen gefahrloser betrachtet werden. Zu den Besonderheiten Norwegens gehören die ganz aus Holz gebauten Stabkirchen. Die schönste steht in Borgund, am nördlichen Ende des Supertunnels. Sie ist um die 900 Jahre alt, rundum mit „Schuppen“ aus Schindeln verkleidet und reich verziert. Doch auch auf der Hardangervidda in der Nähe der Straße nach Oslo finden sich zwei sehenswerte Stabkirchen. Vor allem jene in Uvdal, die inmitten eines kleinen Museumsdorfes steht. An den Wänden der Kirchen finden sich oft Runeninschriften, womit wir endlich bei den Wikingern wären. Denn die Stabkirchen entstanden in der Zeit des Übergangs von den nordischen Göttern zum Christentum. „Wikinger ist eigentlich eine Berufsbezeichnung“, erzählt Robert. „Es gab in ganz Skandinavien zur See fahrende Stämme, die Handel trieben, aber eben auch zuschlugen, sollte ein Objekt ihrer Begierde käuflich nicht zu erwerben gewesen sein.“

Ihren durchschlagenden Erfolg verdankten die Wikinger auch ihrer Seemannskunst und den Drachenbooten, die schlank und wendig waren. Drei sind im Wikingermuseum in Oslo zu sehen. Alle drei wurden unter Grabhügeln gefunden. Wobei vor allem das Osebergschiff – in ihm wurden zwei Frauen beigesetzt – prächtige Grabbeigaben enthielt.

Sieht man die flachen langgezogenen Schiffe, die bis zu 60 Männer fassten, kann man kaum glauben, dass damit die stürmischen Nordmeere bezwungen wurden. Inzwischen ist aber bewiesen, dass die Wikinger nicht nur Island und Grönland, sondern auch Nordamerika erreichten. Die furchterregenden Drachenköpfe an Bug und Heck der Boote konnten übrigens abmontiert werden, wenn die Schiffe einmal in friedlicher Absicht in einen Hafen einliefen.

Die Museumsinsel Bygdøy in Oslo beherbergt noch mehrere berühmte Schiffe. Die „Fram“ war das Expeditionsschiff von Roald Amundsen, der 1912 als Erster den Südpol erreichte. Und Thor Heyerdahl, ein weiterer reiselustiger Norweger, bewies 1947 mit der aus Balsaholz gebauten „Kon-Tiki“, dass es den Ureinwohnern möglich war, von Südamerika über den Pazifik nach Polynesien zu segeln. Der Dokumentarfilm darüber machte ihn weltberühmt. Weltberühmt ist auch das Osloer Rathaus, zumindest an einem Tag pro Jahr: Hier werden die Friedens-Nobelpreise verliehen. Das mit weißem Marmor verkleidete neue Opernhaus hat ebenfalls weltweites Aufsehen erregt. Es liegt wie eine gestrandete Eisscholle am Hafen, inzwischen allerdings von Hochhäusern eingekreist. Oslo boomt. Mag König Harald V. auch in einem hübschen, aber bescheidenen Holzhaus wohnen – das Stadtschloss dient der Repräsentation –, im Ausgehviertel Akerbrygge finden sich Luxuswohnungen mit Ankerplätzen für die eigenen Boote. Nicht umsonst gilt Oslo als eine der teuersten Städte der Welt.

Waltraud Dengel, Kronen Zeitung

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