Gedenken an WK II

Merkel: “Haben unendliches Leid gebracht”

Ausland
01.09.2009 15:03
Mit einer Zeremonie auf der Danziger Westerplatte haben am Dienstag die Gedenkfeierlichkeiten zum 70. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs begonnen. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die gemeinsam mit dem polnischen Regierungschef Donald Tusk (Bild), dem russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin, Bundeskanzler Werner Faymann und anderen europäischen Politikern an der Gedenkveranstaltung teilnahm, unterstrich die Verantwortung Deutschlands: "Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg ausgelöst. Wir haben unendliches Leid über die Welt gebracht."

"Wir werden Ursache und Wirkung niemals verkehren", versicherte Merkel. Der deutsche Überfall auf Polen 1939 sei die Ursache für den Tod von 60 Millionen Menschen gewesen. Merkel würdigte auch das wachsende Vertrauen zwischen Deutschland und Polen, zu dem auch die früheren Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Kohl beigetragen hätten. "Dennoch ist auch die Vertreibung von weit über zwölf Millionen Menschen aus den Gebieten des ehemaligen Deutschlands und heutigen Polens natürlich ein Unrecht, und auch das muss benannt werden." 

Inzwischen habe sich Europa aus einem "Kontinent des Schreckens" in einen "Kontinent der Freiheit und des Friedens" verwandelt. "Deutschlands Partner in Ost und in West haben diesen Weg durch Versöhnungsbereitschaft geebnet. Sie haben uns Deutschen die Hand zur Versöhnung ausgestreckt. Wir haben sie voller Dankbarkeit ergriffen." Merkel hob auch hervor, dass der Weg Europas zur Freiheit erst mit dem Fall des Eisernen Vorhangs vollendet worden sei. Dazu hätte das Freiheitsstreben der Polen beigetragen. Es habe es in der besonderen Verantwortung Deutschlands gelegen, Polen und den anderen mittel- und osteuropäischen Staaten den Weg in die Europäische Union und in die NATO zu ebnen.

Kranzniederlegung um 04.45 Uhr 
Um 04.45 Uhr legten Politiker und geistliche Würdenträger Polens Kränze am Fuß eines Denkmals nieder, das an die Verteidiger der Westerplatte erinnert. Zu dem Zeitpunkt feuerte das deutsche Schulschiff "Schleswig-Holstein" am 1. September 1939 die erste Salve auf die Halbinsel bei Danzig. Dieser Vorfall gilt als Beginn des Zweiten Weltkriegs. Am 23. August war der sogenannte Hitler-Stalin-Pakt unterzeichnet worden, am 17. September marschierte die Rote Armee in Ostpolen ein. Während des Zweiten Weltkriegs kamen allein etwa sechs Millionen Polen ums Leben, die Hälfte von ihnen waren Juden.

Nach der Kranzniederlegung stellten die mehr als ein Dutzend Staats- und Regierungschefs blaue Glasgefäße mit Kerzen auf. Der polnische Präsident Lech Kaczynski kritisierte auch die Sowjetunion und würdigte "alle Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg gegen Nazi-Deutschland und den bolschewistischen Totalitarismus gekämpft haben". Die Westerplatte sei "ein Symbol des heroischen Kampfes der Schwachen gegen die Stärkeren."

Polens Premier Tusk warnte davor, Geschichte zu vergessen oder zu verfälschen. "Ohne aufrichtiges Gedenken werden weder Europa noch Polen oder die Welt jemals in Sicherheit leben können", sagte Tusk. "Wir sind hier zusammengekommen, um daran zu erinnern, wer den Krieg begonnen hat, wer der Schuldige war, wer der Henker in dem Krieg war und wer das Opfer der Aggression war."

Der russische Regierungschef Wladimir Putin rief zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns in Polen zur Versöhnung der beiden Völker auf. Die Sowjetunion und Polen seien Waffenbrüder im Kampf gegen den Nazismus gewesen, sagte Putin am Dienstag bei einer vom russischen Staatsfernsehen übertragenen Pressekonferenz im Ostseebad Sopot. "Es gibt Probleme in der Geschichte, die wir klären sollten, damit sich derartige Tragödien nicht wiederholen", so Putin im Beisein Tusks.

Warschau und Moskau uneins
Polen und Russland bewerten die Ursachen für den Kriegsbeginn unterschiedlich. Moskau wirft einer Reihe von Nachbarländern vor, die Geschichte zu fälschen, um den Verdienst der Sowjetunion beim Sieg über den Faschismus herabzuwürdigen. Vor Beginn des Zweiten Weltkriegs hätten alle Seiten eine "große Menge Fehler" begangen, sagte Putin. So erinnerte er daran, dass Polen nach dem "Münchner Abkommen" von 1938 selbst zwei Gebiete der damaligen Tschechoslowakei besetzt habe. Tusk und Putin signalisierten Bereitschaft, für Historiker beider Länder den Zugang zu Archiven zu vereinfachen, damit umstrittene Fragen geklärt werden könnten. Polen forderte etwa bisher vergeblich Einsicht in Dokumente zur Massenermordung polnischer Offiziere durch sowjetische Soldaten in Katyn.

Fischer: "Unfassbare Katastrophe"
Bundespräsident Heinz Fischer erinnerte am Jahrestag daran, dass im Zweiten Weltkrieg auch 270.000 Soldaten aus Österreich ums Leben kamen. Sie hatten nach dem sogenannten Anschluss vom März 1938 an Hitler-Deutschland in fremden Uniformen der Deutschen Wehrmacht dienen müssen, hielt das Staatsoberhaupt in einem am Dienstag erlassenen Tagesbefehl an das Bundesheer fest. Der Krieg sei in seiner Gesamtheit eine "unfassbare Katastrophe" gewesen. 

In seiner Eigenschaft als Oberbefehlshaber würdigte Fischer auch "den Widerstand im Dritten Reich und in der Deutschen Wehrmacht, der in den verschiedensten Formen geleistet wurde". Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) betonte, dass sich das Militär seiner Geschichte stellen müsse: "Für ein Heer, das dem Frieden und der Humanität dient, ist es unabdingbar, seine eigene, auch mit dunklen Flecken behaftete Geschichte lückenlos aufzuarbeiten."

Polit-Prominenz bei Gedenkfeier
Neben Merkel, Putin und Faymann waren auf der Westerplatte u. a. auch der französische Premier Francois Fillon und Fredrik Reinfeldt, der schwedische Regierungschef und derzeitige EU-Ratspräsident, zugegen. Die USA waren durch den Nationalen Sicherheitsberater von Präsident Barack Obama, James Jones, vertreten. Großbritannien schickte Außenminister David Miliband.

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