Gewalt gegen Bosse

Wut der Wirtschaftskrisen-Opfer trifft Manager

Ausland
26.03.2009 19:17
Wut und Verunsicherung treiben Opfer der Wirtschaftskrise zunehmend zu gewaltsamen Aktionen. In Frankreich nahmen Arbeiter zum zweiten Mal binnen zwei Wochen einen Manager als Geisel, um gegen Entlassungen zu protestieren. Luc Rousselet, der Chef eines 3M-Werks nahe Orleans, wurde von seinen Untergebenen gleich über 24 Stunden in seinem Büro eingesperrt (Bild). Indes verwüsteten Unbekannte nahe der schottischen Hauptstadt Edinburgh in der Nacht zum Mittwoch das Haus des früheren Chefs der Royal Bank of Scotland und schlugen Scheiben seiner Limousine ein.

Die französischen Arbeiter hatten Rousselet, den Manager eines Werks des US-Büromaterial-Konzerns 3M, am Dienstagabend weggesperrt, um gegen Stellenstreichungen zu protestieren. 

"Haben keine andere Munition"
"Wir haben keine andere Munition als die Festsetzung der Verantwortlichen", sagte Laurent Joly, der seit elf Jahren in der Fabrik arbeitet. In der Nacht auf Donnerstag ließen die Streikenden ihren Chef wieder frei. Mit der Aktion wollten sie höhere Abfertigungen und eine Umzugsprämie durchsetzen. Der gefangene Manager zeigte sich verständnisvoll: "Die Menschen hier sind mehr zu bedauern als ich", sagte er im Radiosender France-Info.

Mehrere hundert Entlassungen
3M gab in der vergangenen Woche Pläne bekannt, mehrere hundert Beschäftigte in Frankreich zu entlassen. Betroffen sind 110 von 235 Mitarbeitern in dem Werk in Pithiviers. Seit vergangenen Freitag ist die Belegschaft im Streik.

"Bankenchefs sind Kriminelle"
Das Haus des Ex-Chefs der Royal Bank of Scotland, Fred Goodwin, nahe der schottischen Hauptstadt Edinburgh stand nach Polizeiangaben zur Zeit des Angriffs leer. An einer vor dem Haus geparkten Mercedes-Benz-S-600-Limousine sei die Heckscheibe eingeschlagen worden. "Bankenchefs sind Kriminelle", hieß es in einer anonym versendeten E-Mail an die Zeitung "The Edinburgh Evening News".

757.000 Euro Pension im Jahr
Für Empörung hatte gesorgt, dass Goodwin nach seinem Rücktritt im vergangenen Jahr jährlich 700.000 Pfund (rund 757.000 Euro) Pension bekommt. Goodwin musste als Chef der RBS gehen, weil das Unternehmen im Zuge der weltweiten Finanzkrise in Schwierigkeiten geraten war. 2008 machte RBS einen Verlust von mehr als 24 Milliarden Pfund.

Goodwin, der wegen seiner drastischen Sparmaßnahmen auch "Fred the Shred" (Fred der Zerkleinerer) genannt wurde, hatte sich Forderungen der Regierung widersetzt, auf einen Teil seiner Pension zu verzichten. Die Regierung hat der RBS schon mit 20 Milliarden Pfund aus der Klemme geholfen.

Besonderer Zorn in Frankreich
Bereits am 13. März hatten wütende Arbeiter einer Sony-Fabrik bei Bordeaux den Frankreich-Chef des Konzerns für eine Nacht als Geisel genommen. Er wurde erst nach neuen Verhandlungen über die geplanten Werkschließungen wieder freigelassen.

Conti-Mitarbeiter demonstrieren
Auch die Wut gegen die von Conti geplante Werksschließung in Clairoix in Nordfrankreich ebbt nicht ab. Dutzende Mitarbeiter zogen am Mittwoch in einem Protestmarsch vom Bahnhof Saint Lazare zum Élysée-Palast und zündeten Barrikaden aus Gummireifen an. "Wir brauchen Hilfe von der Politik, sonst machen die Reifenbosse, was sie wollen", sagte Antonio Da Costa von der Gewerkschaft CFTC.

Paris will "Abkassieren" stoppen
Und die Regierung in Paris will nun tatsächlich einschreiten und gegen "Goldene Handschläge" und Aktienoptionen für Manager vorgehen. Die Meldungen über Millionensummen für Manager richteten "in der Öffentlichkeit große Schäden an", sagte der Sprecher der Regierungspartei UMP, Frederic Lefebvre, am Donnerstag. Das "dringliche" Problem der Entlohnung der Manager von Unternehmen, die Staatshilfe erhalten, werde bis zum kommenden Dienstag geregelt werden. Im Juni werde es zudem ein Gesetz über die "Aufteilung des Reichtums" der Konzerngewinne geben.

"Das wird völlig verboten werden"
"Es kommt nicht in Frage, dass das Geld der Steuerzahler dazu dient, dass gewisse Chefs oder Topmanager dieses Geld für sich abziehen" sagte Lefebvre. "Das wird völlig verboten werden." Außerdem sei es ungerecht, wenn die Beschäftigten vier Prozent Lohnerhöhung bekämen und die Chefs der 40 größten Konzerne 57  Prozent mehr. "Es geht nicht, dass eine kleine Anzahl sich die Gewinne aneignet." Alle Mitarbeiter müssten in Aktienoptionen und Gewinnbeteiligungen einbezogen werden.

Aus Regierungskreisen hieß es, Präsident Nicolas Sarkozy werde per Gesetz Aktienoptionen und Gratisaktien für Manager von staatlich gestützten Unternehmen verbieten, wenn andere Regelungen nicht helfen. Am Mittwoch hatte Sarkozy die Chefin des Unternehmerverbands MEDEF, Laurence Parisot, ultimativ zu einer freiwilligen Regelung aufgerufen. Parisot hatte dies abgelehnt und für eine moralische Sensibilisierung der Chefs plädiert. Der MEDEF habe "weder die Macht noch den Willen", den freien Unternehmen Regeln aufzuzwingen. Sarkozy hatte daraufhin erklärt: "Man kann keinen Esel zum Trinken bringen, der keinen Durst hat." Der Staat werde das regeln.

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