Live im Happel-Stadion

Linkin Park: Am Ende ging ihnen das Herz auf

Musik
10.06.2026 00:57

Rund 57.000 Fans zitterten am Dienstagabend im randvollen Ernst-Happel-Oval, ob ihr Kommen für Linkin Park im Starkregen stattfinden würde oder nicht. Der Himmel hielt dich, die Band Audienz in einer Stadt, die sie schon immer geliebt hat. So war die bislang größte Show von Linkin Park in Österreich ein Triumphzug mit vielen menschlichen Zügen.

kmm

Als würde die Dramatik der Band nicht reichen, machte die sengende Sommersonne genau vor dem Konzertbeginn von Linkin Park Pause und lässt für den Konzertabend herbstliche Verhältnisse vorherrschen. Die Kalifornier befinden sich gerade wieder auf ihrer prestigeträchtigen „From Zero“-Welttournee und haben vor dem Wien-Gig schon ein paar Shows runtergeradelt – und das mehr als erfolgreich. Schon bei der Europatour-Premiere in Stockholm waren 40.000 begeisterte Fans mit dabei, nach drei Deutschland-Shows (inklusive Auftritte bei Rock am Ring und Rock im Park) ist an diesem nasskalten Dienstagabend das alteingesessene Happel-Stadion an der Reihe. Vor dem tragischen Freitod des Kultsängers Chester Bennington 2017 wären Konzerte in dieser Größenordnung undenkbar gewesen – dass es jetzt tatsächlich der Fall ist, zeigt nur, wie tief sich die Lieder der letzten gut 25 Jahre in mehrere Generationen von Fans eingebrannt haben.

Sie knapp zwei Jahren dabei und längst nicht aus der Band wegzudenken: Emily Armstrong ist bei ...
Sie knapp zwei Jahren dabei und längst nicht aus der Band wegzudenken: Emily Armstrong ist bei Linkin Park angekommen.(Bild: Andreas Graf)

Kultstars gehen unter
Nach den gutklassigen Phantogram sorgt das New Yorker Rap-Brüderduo Clipse für eine erste Aufwärmrunde. Malice und vor allem Pusher T haben sich über die letzten 30 Jahre einen Namen in der Szene gemacht und waren auch für Linkin Park prägend. Mike Shinoda dürfte bei der Support-Auswahl wohl von entscheidender Bedeutung gewesen sein. Ihr erst im Sommer 2025 erschienenes Album „Let God Sort Em Out“ hat beim gut 40-minütigen Set eine besondere Bedeutung und nimmt gute zwei Drittel der Gesamt-Setlist ein. Dicke-Hose-Beats und emotionale Momente vermischen sich, was der Stimmung leider nicht zwingend zuträglich ist. Linkin-Park-Fans sind – zumindest hierzulande – doch eher der Stromgitarre als den Hip-Hop-Beats zugeneigt und verfolgen die beiden Kultmusiker mit gewisser Reserviertheit. In einer Arena oder dem WUK hätten Clipse besser reingepasst, doch Vorbands vor großen Acts haben es grundsätzlich schwer.

Der Chef hat großen Spaß: Für Mike Shinoda war der Auftritt im Ernst-Happel-Stadion mit ...
Der Chef hat großen Spaß: Für Mike Shinoda war der Auftritt im Ernst-Happel-Stadion mit Sicherheit ein frühes Tour-Highlight.(Bild: Andreas Graf)

Linkin Park selbst lassen sich bis kurz vor 21 Uhr Zeit und reizen in ihrer gut zweistündigen Show das Maximum an in Österreich legaler Konzertdauer in die Nacht hinein aus. Was sich für die „Krone“ bereits beim Tourauftakt in Stockholm präsentierte (wir haben berichtet), zieht sich in Wien souverän weiter. Die Kalifornier zeigen sich nach den ersten paar Auftritten wieder in Bestform und vereinnahmen die Bühne schnell für sich ein. Während die Musiker in klinischer Präzision an ihren Instrumenten arbeiten, zeigen sich die beiden Frontpersonen längst perfekt aufeinander eingespielt. Shinoda gibt den coolen MC, die mittlerweile ideal in die Band eingefügte Emily Armstrong ist frei von allen Unsicherheiten, die man noch letztes Jahr beim Nova Rock vernahm und für eine schaumgebremste Show sorgte.

Dynamisches Duo: Shinoda und Armstrong sind keine großen Menschenfänger, aber sie harmonieren ...
Dynamisches Duo: Shinoda und Armstrong sind keine großen Menschenfänger, aber sie harmonieren musikalisch längst wunderbar.(Bild: Andreas Graf)

Klanglicher Ritt durch die Emotionen
In Wien ist davon nichts zu sehen – bei kühlen Temperaturen heizt sie mit Stimmgewalt an. Mal sanft singend, dann wild schreiend, aber zu jeder Zeit mit viel Leidenschaft agiert die 40-Jährige so, als wäre schon seit Jahrzehnten mit an Bord. Dem bissigen Wetter trotzt die Band mit modischen Jacken – mitteleuropäisches Frühlingswetter ist unberechenbar, dessen sind sich die Musiker auf jeden Fall bewusst. Die Show wird – wie schon im letzten Jahr auch beim Nova Rock – auf fünf Akte aufgeteilt, bei der sich schwere Gitarren und Rap-Parts genauso aufteilen wie Laser- und Pyroeffekte. Zwei wuchtige Video-Würfelelemente sorgen für ein zentral massives Erscheinungsbild, dazu sorgen zwei überdimensionale Videowalls an den Seiten dafür, dass wirklich niemandem etwas entgeht. Dazu gibt es eine Setlist, die keine Wünsche offenlässt. „The Emptiness Machine“, „Crawling“ oder „Somewhere I Belong“ werden schon ganz zu Beginn abgefeuert, mit „Burn It Down“, „Where’d You Go“ oder „Two Faced“ geht es mal aggressiv, dann wieder entspannt weiter.

Je länger das Konzert andauerte, umso stärker tauten Mike Shinoda und Emily Armstrong auf.
Je länger das Konzert andauerte, umso stärker tauten Mike Shinoda und Emily Armstrong auf.(Bild: Andreas Graf)

Die Interaktion mit dem Publikum hält sich in Grenzen, nur selten wird das Wort an die Menge gerichtet. Bevor Shinoda zu einem Rap-Solo ansetzt tauscht er mit einem glücklichen Fan eine Cap, zwischendurch sorgt der obligatorische Konfettiregen für zusätzliche Stimmung, aber alles in allem wird das Programm seitens der Band relativ routiniert und abgebrüht abgespult. Für große Überraschungen oder Ausritte ist angesichts der streng kalkulierten Produktion ohnehin kein Platz, die markante Distanz zwischen Band und Publikum lässt sich aber trotz der vielen Hits und bekannten Songs nicht wirklich aufweichen. Positiv ausstrahlende Menschenfänger wie Bennington sind weder Shinoda und Armstrong. Ihre Stärken liegen eindeutig im jeweiligen Gesang, nicht aber dabei, das Publikum für sich zu gewinnen und mit Charme und Witz Zeichen zu setzen, dafür sind sie zuweilen zu verkopft und spröde.

Wuchtiges Bühnenbild: Bei der technischen Umsetzung zur „From Zero“-Tour haben die Amerikaner ...
Wuchtiges Bühnenbild: Bei der technischen Umsetzung zur „From Zero“-Tour haben die Amerikaner nicht gespart.(Bild: Andreas Graf)

Ein Finale Furioso
Doch gerade im Schlussdrittel, als sich der Himmel noch einmal zuzieht und zu tropfen droht, finden die Musiker offenbar den richtigen Groove und beginnen auf der Bühne zu scherzen, spielen kurz Rockklassiker an und lassen sich von der fantastischen Stimmung in Wien mitnehmen. Die Menschen auf, vor und um die Bühne herum verschmelzen zu einer Einheit, die spät eingestreuten Hits „Numb“, „Heavy Is The Crown“ und „Papercut“ werden durch die inbrünstig mitsingenden Fans zu einer Unterlage für einen ausladenden Karaokeabend – bis sich beim Kult-Song „In The End“ noch einmal alle Kräfte aller Anwesenden bündeln und zum Crescendo ausholen. Nach rund zwei Stunden geht bei „Faint“ noch einmal jede übriggebliebene Anspannung drauf und dieses furiose Finale entschädigt für partielle Längen, die ein Headliner-Set nun einmal mit sich bringt. Pünktlich zur Heimfahrt öffnet auch der Himmel wieder seine Schleusen – eigentlich das goldrichtige Ende für diesen Abend.

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