So, 23. September 2018

Totenstadt erkundet

05.02.2009 16:13

Erstes 3-D-Modell der Domitilla-Katakombe

Die größte unterirdische Totenstadt Roms haben nun Wiener Forscher erstmals mit Hilfe eines speziellen Scanners exakt vermessen und so ein 3-D-Modell erstellt. Einfache Pläne und Strichzeichnungen zeigten bisher nur schemenhaft Verlauf und Ausstattung der insgesamt 15 Kilometer langen Gräbergänge der Domitilla-Katakombe. Ein Objekt in der Größe der spätantiken Nekropole sei bisher nicht komplett erfassbar gewesen, meinte der Archäologe Norbert Zimmermann von der Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Die Vermessungsarbeiten hat sein zehnköpfiges Team erst mit Ende Jänner abgeschlossen.

In den vergangenen drei Jahren haben die Forscher des Instituts für Kulturgeschichte der ÖAW und des Instituts für Baugeschichte und Bauforschung der Technischen Universität (TU) Wien in Zusammenarbeit mit in Rom ansässigen Partnerinstituten die viergeschossige Grabanlage Meter für Meter dokumentiert. Den neun Exkursionen in die Unterwelt zur Datenaufzeichnung folgte jeweils die Datenbearbeitung an den heimischen Rechnern.

Labyrinth zuvor nur mangelhaft erfasst
"Seit rund 400 Jahren kennt man die Katakombe. Aber in dieser Zeit entstand kein einziger exakter Plan", so Zimmermann. Dabei stammt die erste "Karte" des Gänge-Labyrinths aus dem Jahr 1632. Sie diente nur der Orientierung. Selbst die letzte bekannte Darstellung ist eine einfache Schwarz-weiß-Strichzeichnung aus dem Jahr 1975. Das dürfte laut Zimmermann an der Größe des Monuments liegen. Ein von der niederösterreichischen Firma Riegl entwickelter 3-D-Scanner eröffnete den Wissenschaftlern nun neue Möglichkeiten für die Datenerfassung.

Die vollständige Dokumentation der Katakombe basiert auf etwa 2.000 einzelnen Scan-Positionen und umfasst eine gigantische Punktewolke mit etwa drei Milliarden Punkten. Um allerdings dort, wo Katakomben-Malerei vorkommt, genügend scharfe Bilder zu haben, werden noch einmal getrennt hochaufgelöste digitale Bilder der Gemälde angefertigt. Über ein ebenfalls speziell entwickeltes Verfahren können diese erstmals voll automatisiert mit dem Raummodell verschnitten werden. "So kann man die Malereien in der Genauigkeit auch sehen, wie man sie gerne sehen will."

Auf dem Bildschirm zeigt sich dem Betrachter nun das 3-D-Modell der Katakombe: Er kann Gänge abschreiten, Grabkammern betreten und die ansonsten in der Katakombe von Dunkelheit umgebene Malerei studieren. Zudem kann man sich aus der Totenstadt herauszoomen und aus der Vogelperspektive die Architektur betrachten. Bisher ist die von Zimmermann verwendete Hightech-Datenerfassung "in der archäologischen Welt in einem so großen Maßstab selten bis gar nicht verwendet worden". So ist es auch nicht verwunderlich, dass das Team auf Fachkonferenzen gleich oft über die Vorteile des Systems und den Erfolg ihres Pilotprojekts spricht als über ihre kunstgeschichtlichen Entdeckungen in der Nekropole.

Ein Drittel der Malerei bisher nicht bekannt
Der größte Teil der christlichen Bestattungen in der Domitilla-Katakombe sind schlichte Armengräber. Mit über 80 ausgemalten Grabräumen für betuchte Verblichene bietet die zwischen dem 3. und 5. Jahrhundert genutzte Nekropole laut Zimmermann aber zudem "einen der größten Bilderschätze, die aus der Katakomben-Malerei bekannt sind". Bei ihrer Dokumentationsarbeit stießen die Forscher auch auf bisher unbekannte Gemälde, "ein Drittel der Malerei ist bisher nicht wissenschaftlich erschlossen gewesen".

Dabei handelt es sich bei der Malerei vor allem um "private Grabkunst": Der wohlhabendere Grabherr leistete sich einen Maler, der die Vorstellungen seines Auftraggebers über das Jenseits an die Wand brachte. In der frühen Zeit der Katakomben-Nutzung war vor allem der Hirte ein beliebtes Motiv. Später, gegen Ende des 4. Jahrhunderts, tauchten eher Kopien oberirdischer Kirchenmalerei auf: als häufiges Beispiel etwa die Apostelversammlung, Jesus Christus mittig zwischen seinen zwölf Jüngern. "Das ist ein typisches Bild einer Apsis". Zwölf solcher Bilder fanden die Forscher in Domitilla. "Es gibt keine weitere Katakombe mit einem so dichten Befund."

Erhebung sozialhistorischer Hintergründe
Wie viele Gräber nun das größte unterirdische Labyrinth Roms bietet, ist bis dato noch nicht ausgezählt. Neben der "Inventur" geht es den Wissenschaftlern um Zimmermann auch darum, in den kommenden drei Jahren (Projektende: 2011) u.a. sozialhistorische Hintergründe zu erheben. Wie viele Kindergräber gibt es im Verhältnis zu Erwachsenengräbern? In welchem Alter sind die Kinder gestorben? Und was sagen die Inschriften und die Malerei über das Verhältnis von Frauen und Männern aus?

Zudem soll auch rekonstruiert werden, wie die Katakombe ausgebaut wurde und welche Nutzungsphasen sich ergeben. Die Forscher wollen sich damit auch der Mikro-Geschichte der Katakomben annähern. Für Archäologen und Laien gleichermaßen wird so ein Teil des unterirdischen Roms erstmals virtuell zugänglich.

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