"Haft" im Penthouse
Madoff weiter unter “Luxusarrest” statt im Häfn
„Soll das ein Scherz sein?“, schimpfte etwa die „New York Post“. Selbst die top-seriöse „New York Times“ wetterte: „Willkommen in der Zwei-Klassen-Justiz: Für die Superreichen - und den Rest von uns.“ In der Tat bleiben in den USA, und nicht nur dort, mutmaßliche Wirtschaftskriminelle laut Statistik viel öfter gegen Kaution vorerst auf freiem Fuß als andere angebliche Straftäter.
Jahrzehntelang narrte der Broker mit einem „Schneeball-System“ seine vertrauensseligen Opfer und vernichtete nach eigenen Angaben 50 Milliarden Dollar. Noch kurz vor seiner Festnahme wollte er den Ermittlern zufolge Reste des Firmenvermögens durch 100 schon unterschriebene Schecks von mehr als 173 Millionen Dollar an Freunde und Familie ausschütten. Alles nicht ausreichend für Untersuchungshaft, urteilten die Richter. Entscheidend sei allein, ob Fluchtgefahr bestehe oder Madoff die Justiz behindere. Beides sei nicht der Fall. Schließlich trage er zur Überwachung eine elektronische Fußfessel. Und dann liegen noch die Medien mit Kameras rund um die Uhr vor seinem Haus auf der Lauer.
Schock für Manager, Millionäre und Promis
Der Aufschrei ist besonders groß, weil Madoff seiner Investoren-Gemeinde und weiten Teilen nicht nur der New Yorker Gesellschaft ein kollektives Trauma bescherte. „Wie konnte er uns jahrzehntelang so hinters Licht führen“, fragen sich bestürzte Manager, Millionäre und reihenweise Promis wie Hollywood-Regisseur Steven Spielberg. Doch der Schaden trifft nicht nur die Reichen: Unis und Stiftungen - etwa von Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel - hatten ihre Gelder angelegt, Museen und Suppenküchen bekamen über ihn hohe Spenden - und leiden angesichts der Rezession nun doppelt.
Madoffs Märchenwelt bestand auch deshalb so lange, weil er nicht aufdringlich wie ein Haustürvertreter warb. Im Gegenteil: Ein Schweizer Manager erinnerte sich in der „New York Times“, ihm sei zuerst erzählt worden, der Fonds sei nicht mehr für neue Investoren offen. Dann hieß es: „Da könnte doch etwas gehen. Das war irre.“ Der Skandal ist auch ein peinliches Beispiel für das Versagen der US-Aufsicht über die Finanzmärkte. Die Börsenpolizei SEC deckte trotz vieler klarer Tipps den Riesenschwindel nicht auf. Sie räumte schwere Fehler ein. In der Bankenwelt schöpften viele Häuser schon lange Verdacht und machten mit Madoff keine Geschäfte. Doch öffentlich schwiegen sie dazu - wie in der Finanzbranche üblich.
Familie hat „nichts gewusst“
Eine bizarre Rolle spielen auch Madoffs Frau, die beiden mit in seiner Firma beschäftigten Söhne und sein ebenfalls dort arbeitender Bruder. Sie alle sollen nichts gewusst, Madoff den Mega-Bluff ganz allein durchgezogen haben. In jedem Fall präsentieren sich die zwei Söhne stinksauer: Sie waren es, die nach dem Geständnis ihres Vaters die Polizei anriefen. Und sie verpfiffen ihn auch, als er die Juwelen laut den Behörden per Post beiseiteschaffen wollte.
Je tiefer die Ermittler graben, desto mehr Fragen tauchen auf. So ist noch immer ungeklärt: Wie viel Vermögen ist neben Madoffs Villen in Florida, auf Long Island und in Frankreich noch da? Bis Mitte Februar haben die Strafverfolger zur Anklageerhebung Zeit. Die endgültige Aufarbeitung des Skandals könnte US-Medien zufolge dagegen fast so lange dauern wie sein jahrzehntelanger Betrug.
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