Alles nur Fassade

Weiterer Olympia-Schwindel aufgeflogen

Ausland
16.08.2008 10:41
Nachdem die Organisatoren der Olympischen Spiele in Peking am vergangenen Dienstag bereits zugeben mussten, bei der Eröffnungszeremonie ein singendes Mädchen durch ein Playback-Double ersetzt zu haben, ist nun ein weiterer Schwindel aufgeflogen: Jene kostümierten Kinder, die bei der Eröffnungsfeier die Eintracht der 56 ethnischen Volksgruppen in China darstellen sollten, waren in Wirklichkeit alle Han-Chinesen. Wang Wei, Vizepräsident des Olympia-Organisations-Komitees (BOCOG), bestätigte am Freitag entsprechende Berichte der Presse in Peking.

"Es ist in China eine Tradition bei Aufführungen, dass verschiedene Trachten getragen werden, um zu symbolisieren, dass die Volksgruppen freundlich und glücklich zusammenleben", argumentierte Wang. Dem Journalisten, der sich wunderte, wie Han-Chinesen Tibeter oder Uiguren darstellen könnten, mit denen erhebliche Spannungen bestehen, warf der BOCOG-Vizepräsident vor, "sehr pedantisch" zu sein. "Das ist doch nicht der Rede wert", sagte Wang.

Chinas "Milli Vanilli"
Der Auftritt der "falschen" Minderheiten-Kinder ist nicht die erste bekanntgewordene Manipulation bei der Eröffnungsfeier. Erst am Dienstag hatten die Organisatoren zugeben müssen, dass die niedliche Lin Miaoke wie eine Marionette beim Singen des "Lieds für das Vaterland" nur die Lippen bewegt hatte. Die Neunjährige kam nur wegen ihres Aussehens zum Zug. Die wahre Sängerin war die kleine Yang Peiyi - doch sie war den Organisatoren zu hässlich und etwas zu dick, und die schiefen Zähne waren inakzeptabel. 

"Wir wollten das perfekte Image bieten", gestand der Musikverantwortliche der Veranstaltung, Chen Qigang, am Dienstag. "Das war eine Frage von nationalem Interesse. Das Kind musste gut vor der Kamera aussehen, expressiv sein", sagte Chen. Deshalb sei Lin Miaoke ausgewählt worden. "Sie war gut für die Bilder. Und von der Stimme her war Yang Peiyi perfekt."

Feuerwerks-Bilder zum Teil nicht live
Die kleine Puppen-Show war nicht der einzige Schwindel bei der Pekinger Olympia-Eröffnung. Ein kleiner Ausschnitt der im Fernsehen und im Nationalstadion gezeigten Aufnahmen des spektakulären Feuerwerks während der Zeremonie war zuvor aufgezeichnet worden. Aufsehenerregende Bilder von über der Stadt verteilten "Fußabdrücken" sind nicht live aufgenommen, sondern über ein Jahr lang mit Animationstechniken vorbereitet worden. Dies berichtet die Zeitung "Beijing Shibao" unter Berufung auf einen Angestellten einer Video-Produktionsfirma. Nur die Übertragung des letzten von 29 mit Feuerwerk erzeugten Fußabstapfen sei live gewesen.

Gründe für die Entscheidung, aufgezeichnete Bilder zu senden, seien Schwierigkeiten bei den Filmaufnahmen am Eröffnungsabend wegen Flugeinschränkungen und zeitliche Probleme gewesen. Mit verschiedenen Tricks, wie der Zublendung von Nebel, seien die von Juni 2007 bis Juli 2008 entstandenen Aufnahmen manipuliert worden. "Wenn ich es mir heute anschaue, war das Video ein wenig heller als die echten Aufnahmen", sagte der Mitarbeiter der Firma, Gao Xiaolong, laut der Zeitung. "Aber die meisten Zuschauer dachten, es sei echt gewesen - damit hat unsere Arbeit ihren Zweck erfüllt."

Komitee bestellt Fans ins verlassene Vogelnest
Auch der Ansturm der Fans auf Olympia ist nicht ganz echt. Das Olympia-Spektakel lockt nämlich weit weniger Zuseher an, als China im Vorfeld ankündigt hat. Bestellte "Fans", verwaiste Zuschauerplätze trotz Ticket-Not und wenig Stimmung sind die Folgen, mit denen sich das Organisationskomitee "BOCOG" konfrontiert sieht.

Am Dienstag hat das BOCOG einräumen müssen, dass es Personal einsetzt, das für Stimmung auf den Rängen sorgen soll. Im Kampf gegen leere Zuschauerränge kommen gelb gekleidete Gruppen von Zuschauern zum Einsatz, dabei handle es sich um Olympia-Freiwillige, sagte BOCOG-Generalsekretär Wang Wei am Dienstag. "Sie sollen beiden Seiten applaudieren, um eine gute Stimmung zu schaffen."

Eine Woche vor Beginn der Spiele hatten die Organisatoren noch erklärt, dass in Peking keine Karten mehr zu haben seien. Lediglich für die Wettkämpfe in Rest-China sind noch Karten erhältlich. "Wir sind besorgt, dass die Stadien nicht gefüllt sind", sagte Wang. Manche Sitze seien für die Funktionäre reserviert. "In den Vorkämpfen bleiben manche Leute fern, das ist verständlich." Partyfeeling herrscht derzeit nur beim Gewichtheben, Turnen, Basketball, Badminton und Beachvolleyball.

Platzhalter werden wieder rausgeschmissen
Doch als US-Star Michael Phelps morgens um zehn zu seiner ersten Goldmedaille schwamm, war ein Drittel der Plätze leer. Ansonsten machen die 11.000 im futuristischen "Wasserwürfel" aber mächtig Stimmung - auch beim Wasserspringen. Die bestellten "Platzhalter" müssen weichen, sobald doch Karteninhaber kommen, betonte Wang. Gleichzeitig sind Schwarzhändler vor dem Olympia-Gelände aufgetaucht, die zu stark überteuerten Preisen Karten anbieten, wie Wang einräumte. Außerdem wollen die Olympia-Organisatoren die Zugangsbeschränkungen für das abgeriegelte Olympia-Gelände leicht lockern. An freien Zugang ist aber nicht gedacht.

Weitere "Lageberichte": Im Hockey-Stadion werden leere Zuschauerplätze mittlerweile mit Arbeitern besetzt, die T-Shirts mit der Aufschrift "Cheering from Beijing Workers" ("Beifall von Pekings Arbeitern") tragen. "Es waren bisher nicht genug Leute auf dem Olympia-Gelände", sagte Wang. "Wir werden mehr Leute ermuntern, auf das Gelände zu kommen." Beim Schießen hingegen brennt das Olympische Feuer nur bei den Teilnehmern. Bei den Straßenrennen der Rad-Profis fanden sich an markanten Stellen fähnchenschwingende Zuschauer, die zum Jubeln bestellt waren. Im Ziel war selbst die Tribüne nicht voll, so dass im Pressezentrum Helfer Zettel herumzeigten: "Bitte gehen Sie auf die Tribüne und feuern Sie die Zuschauer an." Bei den Kanuwettkämpfen schaffte es "La ola", die Welle der Begeisterung, immer nur ein paar Meter weit. Und zur Überraschung der Sportler leerten sich die anfangs zu zwei Dritteln gefüllten Ränge im Lauf des Tages immer mehr. 

480.000 Schüler bekommen Freikarten
Wie so oft bei Olympia und bei Weltmeisterschaften geht ein nicht unerhebliches Kartenkontingent - meist für VIP-Plätze - an die Sponsoren, wo es teilweise aber versandet. 480.000 Schüler und Studenten werden nun Freikarten erhalten, meldete die Tageszeitung "Beijing Qingnian Bao" am Dienstag. Ausländische Peking-Touristen sollen über Reisebüros weitere Zutrittskarten erwerben können, Chinesen über örtliche Organisationen.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Ausland
16.08.2008 10:41
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.

Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.

Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.

Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung