"My Fair Lady"

Ottakring trifft London in Mörbisch

Burgenland
10.07.2009 12:53
Ohrwürmer, opulentes Bühnenbild und Ottakringer Dialekt: Die Operettenfestspiele von Harald Serafin in Mörbisch widmen sich heuer erstmals einem klassischen Musical. Nach der Premiere am Donnerstag war klar: Mit Frederick Loewes "My Fair Lady" gibt es heuer bis 23. August das richtige Stück am richtigen Ort. Regisseur Helmuth Lohner ließ vor einer breit angelegten Londoner Kulisse zum Gaudium des Publikums Burgschauspieler Michael Maertens als arroganten Professor Higgins und Nadine Zeintl als Blumenmädchen Eliza Doolittle mit breitestem Wiener Dialekt kollidieren - und dabei unterhaltsame Funken von Phonetik und Frühlingsgefühlen schlagen.

Mörbisch unterliegt seinen eigenen Gesetzen - und hat sein eigenes Staatsoberhaupt: Denn in Mörbisch "bin ich der Chef", wie Serafin liebevoll in Richtung Bundespräsident Heinz Fischer sagte. In seinem unverwechselbaren Diktum hat er natürlich auch heuer wieder mit seinem schon legendären Auftakts-Monolog "alle begrüßt, die angeblich wichtig sind". Verbale Würdigungen durch Serafin bekamen u.a. Justizministerin Claudia Bandion-Ortner (ÖVP), die zwar die "schicksten Brillen" hat, aber "nicht so streng" sein soll, wie Serafin bittet ("ich habe auch einen Dachboden"), und Tenor Peter Seiffert ("bin ich froh, dass ich Eisenbänke habe"). Doch ausufern ließ der Impresario seine Rede nicht - denn "das Stück dauert so lange".

Oldtimer rollte über Bühne
Was jedoch vor der Pause kaum auffällt: Lohner hat in einem groß dimensionierten Panorama Londons (Bühne: Rolf Langenfass) flott und farbenfroh inszeniert, lässt einen Oldtimer über die Bühne fahren, ein Kaleidoskop an Statisten ihre eigenen Miniatur-Charaktere entwickeln und zeigt mit feinem Gespür die Unterschiede zwischen Oberklassen-Ball und Unterschichten-Hochzeitsfest. Es ist ein heiteres Hin und Her des vergangenen Londoner Alltags, aus dem Eliza ihren Weg in die Stube des arroganten Sprachwissenschafters Henry Higgins findet. Das Dreigespann Zeintl, Maertens (gediegen arrogant und streng als Higgins den ersten Teil dominierend) und Serafin, der auch in der Rolle des gutmütigen Oberst Pickering als Harald Serafin auf der Bühne steht, unterhält dann mit Schwung und Witz bei der Verwandlung der Unterschicht-Dirne zur glitzernden Society-Dame. Lohners Inszenierung verbindet gekonnt die bekannte Story mit klassischen Showelementen.

Ottakringer Dialekt auf der Seebühne
Jedoch wird schnell klar: Man muss kein Purist sein, um schade zu finden, dass zwischen Tower Bridge und Big Ben der sprachlich bedingte Klassenkampf nicht auf Englisch, sondern in der "Wiener Fassung" von Gerhard Bronner zwischen Ottakringer Dialekt und genäseltem Hochdeutsch entbrennt. Und damit mehr zum umlautbasierten Länderkampf zwischen "Heast" und "D'Ehre" einerseits und "Ferderennen" und "Fund" (statt "Pferderennen" und "Pfund") andererseits wird. Das Publikum erfreut sich sichtlich an der sprachlichen Fallhöhe: Wo Zeintl als Eliza anfangs verbal drüberfährt, da grünen sobald keine Blüten mehr. Die Oberösterreicherin Zeintl ließ auch für echte Wiener keine Aussprache-Wünsche über: In Mörbisch gibt es nicht nur London zu bestaunen, sondern 1160 Wien zu hören. Apropos hören: Bei der Pferderenn-Szene, in der die Pferde akustisch rund ums Publikum galoppieren, zeigt die Soundanlage ihre ganze Stärke - auch sonst waren Orchesterklang und Stimmverstärkung ansprechend.

Ohrwürmer ohne Gelsenplage
Nach der Pause jedoch stotterte die Inszenierung ein wenig, sie drehte sich eine ganze Weile um sich selbst wie die walzertanzende Ballgesellschaft. Zwar bewies Lohner, der bereits mit der "Csardas-Fürstin" und der "Lustigen Witwe" große Erfolge im "Mekka der Operette" gefeiert hatte und heuer als Elizas Vater Alfred P. Doolittle selbst auf der Bühne steht, wieder sein Händchen für Massenszenen und Charakterführung. Doch die Handlung steht eine gute Weile lang ebenso still wie viele der Autos beim Stau während der Anfahrt. Da hat man dann viel Zeit, das ausladende und detailgenaue Bühnenbild zu studieren, sich zu wundern, dass kaum Gelsen sirren, das Aroma des Neusiedler Sees zu inhalieren und Dirigent Caspar Richter zu beobachten. Dessen Torso ragte aus dem Bühnenboden ein wenig heraus, und er leitete mit Verve die Ohrwürmer des Musicals, von "Es grünt so grün" bis "Ich hätt' getanzt heut' Nacht".

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