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Studie in Klöstern soll Geschlechter-Paradoxon klären

01.09.2010, 16:54
Studie in Klöstern soll Geschlechter-Paradoxon klären (Bild: dpa/A2882 Holger Hollemann)
Foto: dpa/A2882 Holger Hollemann
In Österreich haben Männer eine deutlich niederere Lebenserwartung als Frauen, und das, obwohl Frauen häufiger krank sind. Dieses als "Gesundheits- Geschlechter- Paradoxon" bezeichnete Phänomen ist in der Gesundheitsforschung seit Jahrzehnten bekannt. Jetzt wollen die Wissenschaftler hinter Klostermauern schauen, um dieses Phänomen zu erklären.

In Österreich liegt die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer bei 77,7, für Frauen bei 83,1 Jahren. Weshalb das so ist, obwohl Frauen häufiger und oft auch schwerer krank sind als Männer, will jetzt Wissenschaftler Marc Luy vom Institut für Demografie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) herausfinden.

Beeinflussende Faktoren

Luy hat schon in den vergangenen Jahren in bayrischen Klöstern eine Studie zur Mortalität von knapp 12.000 Ordensfrauen und -männern durchgeführt. Ausgangspunkt dabei war die Frage, ob für die deutlich geringere Lebenserwartung der Männer überwiegend biologische, also genetische und hormonelle Unterschiede, oder nicht- biologische Faktoren wie Unterschiede im Lebensstil oder Risiken in Verbindung mit dem Berufsleben, verantwortlich sind. Da bei Klosterbrüdern und -schwestern aufgrund des sehr ähnlichen Lebensstils nicht- biologische Risikofaktoren nahezu ausgeschlossen werden können, soll der Vergleich der Sterblichkeit von Nonnen und Mönchen die Abschätzung des Einflusses biologischer Faktoren ermöglichen.

Die bisher von Luy erhobenen Daten zeigen, dass der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen Ordensfrauen und -männern mit ein bis zwei Jahren im jungen Erwachsenenalter deutlich geringer ist als zwischen Frauen und Männern der Allgemeinbevölkerung mit sechs Jahren. Wären vom Menschen nicht zu beeinflussende Faktoren, wie genetische Ursachen, für die geschlechtsspezifischen Sterblichkeitsunterschiede verantwortlich, dann sollten sie auf alle Bevölkerungsgruppen den gleichen Einfluss ausüben und dürften sich nicht so deutlich zwischen Kloster- und Allgemeinbevölkerung unterscheiden. Aus seinen bisherigen Studien schließt Luy daher, dass biologische Faktoren für die unterschiedliche Lebenserwartung der Geschlechter eine eher untergeordnete Rolle spielen.

Neue Studie in Österreichs Klöstern

Nun will der Wissenschafter mit seinem Forschungsteam das "Gesundheits- Geschlechter- Paradoxon" klären. Sie vermuten, dass dieses Phänomen vor allem auf zwei Faktoren zurückzuführen ist: "Einerseits nehmen wir an, dass sich die Geschlechter in Art und Schwere von Erkrankungen unterscheiden", erklärte Luy im Gespräch mit der Nachrichtenagentur APA. So würden Männer häufiger als Frauen unter Krankheiten leiden, die unmittelbar zum Tod führen, während die typischen Frauenerkrankungen vor allem Gesundheitsbeeinträchtigungen zur Folge hätten, aber nicht unmittelbar lebensbedrohend seien. "Da nicht nur die Sterblichkeits- sondern auch die Gesundheitsunterschiede zwischen den Geschlechtern von einem komplexen Gemisch aus biologischen und nicht- biologischen Faktoren hervorgerufen werden, kann eine Klosterstudie auch hier wichtige Aufschlüsse liefern", so Luy.

Statistischer Effekt

Andererseits, so die Annahme der Wissenschafter, wird dieses Phänomen durch einen statistischen Effekt unterstützt. "Wer länger lebt, verbringt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch eine längere Lebenszeit in schlechter oder beeinträchtigter Gesundheit", betonte Luys Kollege Christian Wegner. Demnach sei die höhere Krankheitsrate der Frauen nicht darauf zurückzuführen, dass sie eine schlechtere Gesundheit als Männer hätten, sondern sie würden sich in Erhebungen als im Durchschnitt häufiger krank erweisen, weil sie das Geschlecht mit der höheren Lebenserwartung seien. "Da es vor allem die Männer sind, die bezüglich der Lebenserwartung vom Klosterleben profitieren, wird der geschlechtsspezifische Vergleich der Gesundheit von Kloster- und Allgemeinbevölkerung viele interessante Ergebnisse liefern", so Luy.

Die Demografen wollen für dieses Forschungsprojekt nicht nur Daten aus bayrischen, sondern auch aus österreichischen Klöstern heranziehen. Geplant ist eine fünfjährige Langzeitstudie mit insgesamt 1.500 Ordensfrauen und -männern. Sie erwarten sich davon nicht nur ein besseres Verständnis über das komplexe Verhältnis zwischen Gesundheit und Sterblichkeit bei Frauen und Männern. Sie erhoffen sich vor allem auch für Medizin und Politik relevante Hinweise darüber, wie der Allgemeinbevölkerung nicht nur ein längeres, sondern auch gesünderes Leben ermöglicht werden kann.

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