"Wenn ich erkannt hätte, dass es eine Pistole ist, hätte ich vermutlich geschossen" - der im vergangenen Jänner angeschossene Polizist hatte sich zuvor in seiner Einvernahme überzeugt gezeigt, bei Mihailo J. keine Pistole wahrgenommen zu haben. Mario R. glaubte vielmehr, in ein Plastikrohr zu blicken. Er habe direkt "in eine Röhre geschaut". Daher habe er seine Dienstwaffe weggesteckt, um gelindere Mittel - nämlich den Pfefferspray - zu ergreifen. Die Schüsse hätten ihn völlig unvorbereitet getroffen. An den Folgen leidet der 27 Jahre alte Polizist bis zum heutigen Tag. Fast zwei Wochen verbrachte er im künstlichen Tiefschlaf, danach noch eine Zeit auf der Intensivstation. Seit 21. April steht er wieder im Dienst.
Polizist bangt um seinen Job
Das Projektil, das nach wie vor zwischen dem zehnten und elften Brustwirbel in seiner Wirbelsäule steckt, macht ihm vor allem psychisch zu schaffen: "Das war und ist eine ziemliche Belastung. Die Angst, dass noch irgendwas ist, ist da." Vor allem befürchtet der noch nicht endgültig in den Polizeidienst übernommene Beamte, sich nach einem neuen Job umsehen zu müssen, sollte sich seine Diensttauglichkeit infolge der Schussverletzungen vermindern.
Bereits vor der Einvernahme des Polizisten war der mutmaßliche Schütze befragt worden. Er rechtfertigte sein Verhalten dabei mit folgenden Worten: "Ich bekenne mich schuldig, dass ich den Polizisten verletzt habe. Aber ich bin kein Mörder. Das ist passiert im Stress." Das ließ Staatsanwalt Roman Reich so allerdings nicht im Raum stehen: "Wer so etwas macht, will sein Gegenüber nicht bloß erschrecken. Er wollte ihn töten. Es war ihm vollkommen egal, was sich ihm in den Weg stellt."
Unspektakulärer Auslöser
Alles hatte mit einer harmlosen Verwaltungsübertretung begonnen: Mihailo J. war am Gürtel bei Gelb über eine Kreuzung gerast und anschließend falsch abgebogen, was der Besatzung einer Funkstreife auffiel. Als der Serbe im Rückspiegel das Blaulicht wahrnahm, drückte er aufs Gaspedal und versuchte, den Beamten zu entkommen. Was die Uniformierten zu diesem Zeitpunkt nicht wussten: Der 33-Jährige war erst Tage zuvor festgenommen worden, weil er sich nach einer Verurteilung wegen Einbruchsdiebstahls und Gemeingefährdung illegal in Österreich aufhielt. Gegen ihn war ein unbefristetes Aufenthaltsverbot erlassen worden.
Zuspitzung, als Serben die Puste ausging
Mihailo J. gelang es jedoch, aus der Schubhaft zu fliehen, und in diese wollte er keinesfalls zurückkehren. Er fuhr daher mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung Ottakring, stellte schließlich das Fahrzeug ab und trachtete danach, zu Fuß zu entkommen. Doch der 27-jährige Inspektor Mario R. lief ihm hinterher, bis dem Serben die Puste ausging und er sich zwischen geparkten Fahrzeugen duckte. Der Polizeibeamte übersah die hingekauerte Gestalt aber nicht und forderte den Unbekannten auf, sich zu ergeben. Er ging auf den Mann zu und nahm fatalerweise den Gegenstand, den dieser in seiner rechten Hand hielt, nicht als Schusswaffe wahr.
"Ich hatte nicht die Absicht zu schießen"
Der Inspektor steckte im Glauben, von seinem Gegenüber gehe keine ernsthafte Gefahr aus, seine gezogene Dienstpistole zurück in den Holster, als Mihailo J. abdrückte. "Es erfasste mich Panik. Da bin ich aufgestanden und habe auf die Beine gezielt, damit ich dann flüchten kann. Ich hatte nur die eine Möglichkeit, ihn zu verletzen und zu flüchten", schilderte der Angeklagte diese Szene. Er habe keinesfalls abgeschoben werden wollen. Zugleich behauptete Mihailo J., er habe die Pistole eigentlich wegwerfen wollen, weil er Schwierigkeiten befürchtete, da er keine Waffenbesitzkarte besaß: "Ich hatte nicht die Absicht zu schießen. Aber ich hatte keine Chance, die Pistole loszuwerden."
Der Beamte wurde zunächst im Knie getroffen. Ein zweiter Schuss ging in ein abgestelltes Auto. Als der getroffene Polizist zusammensackte, traf ihn ein weiteres Projektil in der Schulter, das die Lunge beschädigte und zwischen dem zehnten und elften Brustwirbel stecken blieb. "Er hatte eine Legion von Schutzengeln, dass er mit dem Leben davongekommen ist", erklärte Walter Riedl, der Rechtsvertreter des Polizisten.
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