Experten-Klartext

“Russland ist verrottende Titanic, die Eisberg sucht”

Ausland
11.10.2011 23:22
Die prominente russische Politologin Lilia Shevtsova hat am Montag bei einer Diskussion in Wien kein gutes Haar an der Politik ihres Heimatlandes gelassen: "Russland ist eine verrottende Titanic auf der Suche nach einem Eisberg", analysierte die Wissenschaftlerin sarkastisch. Immer mehr junge Russen würden derzeit beschließen, das Land zu verlassen, beklagte Shevtsova. Präsident Dmitri Medwedew ortete sie bereits auf dem "politischen Friedhof".

Sie habe in den vergangenen Jahren ständig versucht, die russische Elite sowie die Spitzen der EU zu überzeugen, dass Präsident Dmitri Medwedew das Land nicht modernisieren würde und seine Reden von Reformen nur Worte waren, erklärte Shevtsova am Montagabend bei der Diskussion im Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen.

"Aber die haben mir nicht geglaubt, jetzt haben wir (nach der Nominierung Putins zum Kandidaten der Regierungspartei "Geeintes Russland" für die Präsidentschaftswahl 2012) wenigstens Klarheit darüber. Russland geht unter", so die Politologin weiter.

Medwedews politische Karriere zu Ende?
Präsident Medwedew hat Shevtsova bereits abgeschrieben: "Vergessen Sie ihn, Putin hat ihn so gedemütigt, er wird in Zukunft irgendeine Position innehaben, aber niemand wird mehr auf ihn hören, sein Spitzname ist Mr. Nobody und seine politische Karriere zu Ende." Auch Putins Basis würde bröckeln, seit die Wirtschaftskrise 2008 die Wohlstandträume zunichtegemacht habe: "Nur 27 Prozent der Menschen würde überhaupt wählen gehen, wenn am nächsten Sonntag Wahlen wären", erklärte sie. Grund dafür sei, dass der Ausgang der Wahl bereits vorher bekannt sei, so Shevtsova.

Russische Elite fürchtet Revolte
Die russische Elite sei sich der Situation des Landes sehr wohl bewusst, erklärte die Politologin. In Umfragen würden sich Mitglieder der Elite - selbst aus Armee- und Regierungskreisen - für mehr Wettbewerb, Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit aussprechen, so Shevtsova. Jedoch überwiege die Angst, meint die Politologin: "Wenn die Regierung ein Fenster öffnet wie damals Gorbatschow, befürchten sie, dass das Land kollabiert oder die Leute revoltieren, also wird lieber diese verrottende Stabilität aufrechterhalten."

Revolution bräuchte erst Auslöser
Die Anzeichen eines Aufstandes der Zivilbevölkerung seien bisher ganz klein, erklärt Shevtsova, jedoch gebe es zahlreiche gute Initiativen, die bisher jedoch nicht geeint agieren würden. Für eine Revolution wie im arabischen Raum brauche es jedoch auch Auslöser, die eines Tages möglicherweise einen Aufstand lostreten könnten, so die Politologin.

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