Mo, 20. November 2017

Reisebericht

26.10.2017 08:41

Juwel im Norden: Island - Insel aus Feuer und Eis

Im Freundeskreis gilt Island schon lange als beliebtes Reiseziel. Gleich den Großteil aller Bekannten hat es in den letzten Jahren nicht in den sonnigen Süden, sondern auf die südlich des nördlichen Polarkreises gelegene Vulkaninsel gezogen. Der einhellige positive Tenor steigert die Erwartungen zusätzlich, in den Erzählungen schwingt pure Begeisterung mit. Völlig zu Recht, wie ich selbst feststellen darf. Denn schon bald war auch ich der Schönheit der Landschaft und dem allgegenwärtigen Zauber des Nordens erlegen.

1 Uhr Früh. Es ist kalt im Norden, zumindest kälter als in der Bundeshauptstadt, die uns Stunden zuvor mit frühherbstlichen 17 Grad verabschiedet hat. Ein Blick aufs Thermometer am Flughafen Keflavik bestätigt einen Unterschied von elf Grad. Damit war zu rechnen, doch der beständige Wind lässt uns frösteln. Bereits nach wenigen Minuten vermisse ich meinen gefütterten Parka, den ich nach langem Hin und Her doch im Kleiderschrank zurückgelassen und gegen eine wetterfeste, aber dünnere Jacke getauscht habe. Glücklicherweise soll es in den nächsten Tagen weniger regnen und wieder wärmer werden.

Der Südwesten
Unser Programm ist vollgepackt, aber zuerst muss das im Vorfeld organisierte Mietauto abgeholt werden. Kein leichtes Unterfangen am für diese Uhrzeit erstaunlich quirligen Flughafen Keflavik, der etwa 40 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Reykjavik liegt. Die Mehrzahl der Verleihstationen befindet sich außerhalb des Flughafenareals und ist nur per Shuttle erreichbar. Schließlich aber sitzen wir in unserem Kleinwagen und steuern der Unterkunft in Grindavik (ein südwestlich gelegenes Fischerdorf) entgegen. Diese ist zwar recht einfach gehalten, jedoch trotzdem ziemlich kostspielig.

Die Verwunderung über die ungewohnt hohen Preise sollte sich auch in den nächsten Tagen nicht legen. Für Hotels, Einkäufe, Restaurantbesuche und selbst Parkplätze werden teils absurde Beträge fällig. Spontan beschließen wir bereits an Tag zwei, uns während unseres Aufenthaltes selbst zu verköstigen. Immer noch nicht günstig, aber billiger als in Restaurants, in welchen man - etwa in Arnistapi, einem Fischerort in Snæfellsbær - für eine ziemlich gewöhnliche Brotsuppe schon mal 1900 ISK verlangt. Das sind umgerechnet immerhin 15,29 Euro.

Wildromantisches Island
Viel besser als die isländische Preisgestaltung gefällt uns die wirklich herrlich Landschaft. Bemooste Lavafelder verlaufen sich in schroffen Klippen, heiße Quellen wechseln sich mit blubbernden Schlammtöpfen ab. In der Ferne lassen sich schneebedeckte Berge und Vulkane erkennen. Islandpferde und Schafe grasen auf schon recht kargen, aber weitläufigen Wiesen, die immer wieder in tosender See münden.

Die Seele baumeln lassen in der Bláa Lónið
Die erste Fahrt führt uns nach Reykjavik, auch wenn die Hauptstadt im Freundeskreis als zu vernachlässigende Sehenswürdigkeit gilt. Bei uns springt der Funke ebenfalls nicht über. Eine weitläufige Stadt, doch mit kleinem Ortskern und wenigen Attraktionen. Der raue Wind treibt uns fort von der Hallgrímskirkja (dem größten Kirchengebäude Islands) und ins Nationalmuseum. Dieses entpuppt sich als sehr sehenswert und bereitet einen gelungenen Einstieg in die isländische Geschichte.

Nach so viel Kultur beschließen wir, den Tag entspannt in der Blauen Lagune (Bláa Lónið) zu verabschieden. Im milchigen, blau-weißen Wasser lässt es sich bei Temperaturen von 37 bis 42 Grad mit aufgelegter Schlammmaske eigentlich auch herrlich relaxen. Allerdings trübt der Besucheransturm das Vergnügen doch sehr, da dieser naturgemäß mit verschmutzten Umkleiden, Duschen und Mineralienschlamm einhergeht. Eine Buchung mehrere Tage im Voraus ist Pflicht, Tickets gibt es ab circa 40 Euro pro Person.

Im Südwesten
Das Thermalgebiet Gunnuhver ist am nächsten Tag unsere erste Station in der näheren Umgebung. Schon von Weitem sieht man die Rauchschwaden der heißen Stelle aufsteigen, trotz Regens. Mit durchschnittlich 300 Grad handelt es sich hier um eine der heißesten Stellen im Südwesten Islands. Staunend bewundern wir die Schlammquellen und vulkanischen Exhalationen, die schon für Explosionen gesorgt haben. Es gibt keine Warnungen, nicht zu nahe an die Quelle zu treten, obwohl jederzeit mit Schlackenausbrüchen und fliegenden Lehmfetzen zu rechnen ist. Vorsichtshalber halten wir einen Respektabstand ein.

Golden Cirle
Die ersten Tage bewegen wir uns ausschließlich im Süden und im Westen. Natürlich steht auch der sogenannte Golden Cirle am Programm. An einem Tag sind die nahe Reykjavik gelegenen Top-Sehenswürdigkeiten der Insel mit dem Auto zu erreichen. Wir beginnen in Þingvellir, ein für die Inselbewohner geschichtsträchtiger Ort: Hier wurde einmal jährlich im Juni die traditionelle Versammlung des Parlaments, das Althing, abgehalten. Nahe der Almannagjá-Schlucht wurde Gericht gehalten und neue Gesetze wurden beschlossen. Wir arbeiten uns langsam in Richtung des Vulkansystems Hengill und den Þingvallavatn-See vor, genießen die Ruhe und endlich auch strahlenden Sonnenschein, der nur durch die eine oder andere Windböe etwas getrübt wird.

Wasserfälle, Geysire und Kraterseen
Als Nächstes besuchen wir den Gullfoss, einen imposanten Wasserfall mit zwei Fallstufen, der jährlich Tausende Besucher anlockt und seit 1979 unter Naturschutz steht. Dass der Wasserfall nicht zum Staudamm eines Elektrizitätswerkes umgemodelt wurde, ist dem Einsatz von Sigríður Tómasdóttir zu verdanken. Diese hatte sich dem Bau 1920 hartnäckig entgegenstellt.

Der Große Geysir im Heißwassertal Haukadalur verweigert den langersehnten Ausbruch und somit unzähligen Touristen die Freude am Schauspiel. Gemächlich blubbert die Quelle vor sich hin - nicht einen Tropfen gibt für die Kameras einzufangen. Der Strokkur hingegen, der gleich nebenan liegt, bläst zuverlässig alle fünf bis fünfzehn Minuten einen gigantischen Wasserstrahl in die Höhe. Das Beobachten einer dieser Eruptionen ist sicher ein (kostenloses) Highlight dieser Reise. Tipp: Bei der Stehplatzwahl auf die Windrichtung achten.

Den Abschluss des Golden Cirle bildet, zumindest für uns, mit dem Kerið ein Kratersee, der gleich in der Nähe liegt. Mit 400 Kronen/Person (3,21 Euro) bezahlen wir heute das erste Mal Eintritt, Umrundung und Aussicht sind den geringen Preis wert.

Im "isländischen Nordamerika"
Tags darauf geht es für uns nach Nordamerika. Im weitesten Sinne zumindest, denn die Midlina-Brücke gilt als Verbindung zweier Kontinente und verknüpft symbolisch die Kontinentalplatten von Nordamerika und Europa. Leider entpuppt sich diese Beschreibung in der Realität als relativ unspektakulär und wird in den Reiseerinnerungen als Randnotiz enden.

Das Geothermalgebiet Austurengjar, ein aktiver Vulkan, entschädigt. Nahe Krysuvik tun sich Solfataren auf, bis zu 250 Grad heiße Ausströmungen von Gasen, die häufig Schlammkessel bilden und zusammen mit den vielen heißen Quellen für einen erinnerungswürdigen Anblick sorgen. Auf Holzstegen kommt man den Quellen und Rinnsalen ganz nahe. Auch einige Wanderwege gibt es, die auf den dahinterliegenden Sveifluháls führen - aus dem ebenfalls vulkanische Gase austreten.

Bei dieser Gelegenheit besichtigen wir auch noch den von Bergen und Lavafeldern eingerahmten, ziemlich einsamen Kleifarvatn-See, in dem isländischen Sagen zufolge so manch groteskes Seeungeheuer hausen soll.

Die Westmännerinseln
Vestmannaeyjar, nur 30 Minuten vom Festland entfernt, sind unser nächstes Ziel. Bei stürmischer See und andauerndem Regen tuckern wir der weltberühmten Inselgruppe entgegen. Von den 14 dazugehörigen Inseln ist jedoch nur eine, Heimaey, bewohnt. 4200 Einwohner leben hier, viele vom Fischfang.

Berühmt wurde die Insel durch einen Vulkanausbruch im Jahre 1973. Der Eldfell, der heute unscheinbar da liegt, brach in unmittelbarer Nähe der Siedlung aus. Große Teile des Ortes wurden unter Asche vergraben. Stumme Zeugen aus Lavagestein, die im ganzen Ort zu sehen sind, legen davon Kenntnis ab. Auch ein kleines Museum (Eintritt 2300 ISK; 18,5 Euro), das rund um eine Ruine gebaut wurde, widmet sich voll und ganz dem Ausbruch.

Zehn Jahre nach der Katastrophe waren die Westmännerinseln wieder in aller Munde. Der Fischer Guðlaugur Friðþórsson war mitsamt Fischerkahn und Mannschaft auf hoher See gekentert, als einziger Überlebender konnte er sich nach sechs Stunden im nur fünf Grad kalten Wasser nahezu unverletzt, aber stark unterkühlt ans Ufer retten. Er gilt bis heute als medizinisches Wunder, scheut jedoch die Öffentlichkeit. Der Film "The Deep" widmet sich den Ereignissen von 1984.

Eyjafjallajökull und Seljandsfoss
Am Rückweg von Landeyjahöfn, wo die Fähren nach Heimaey ablegen und einlaufen, besichtigen wir noch den Seljandsfoss, der an der Ringstraße zwischen Hvolsvöllur und Skógar unterhalb des großen Gletscherschildes Eyjafjallajökull gelegen ist. Das schlechte Wetter trübt die Freude, 700 ISK (5,6 Euro) Parkgebühren für eine Schottergrube auch.

Der Osten
Die restlichen Tage begeistern mit Sonnenschein und angenehmeren Temperaturen. Wir bewegen uns Richtung Osten und staunen über die Vielseitigkeit der Landschaft, die sich je nach Region beträchtlich wandelt. Karge Lavafelder machen üppigen Wiesen Platz, endlich sieht man auch Bäume, einige Kühe mischen sich unter die allgegenwärtigen Pferde und Schafe. Für Reiter muss die Insel ein wahr gewordener Traum sein. Uns zieht es jedoch weiter in den Norden. Wir statten Jules Vernes Snæfellsnes einen Besuch ab und besichtigen das schwarze Kirchlein in Búðir. Dieses gilt als begehrtes Fotoobjekt bei Touristen und bildet mit einem Hotel die einzigen Gebäude des Ortes. Auf der einen Seite ist der Weiler eingekesselt von Bergen, auf der anderen Seite tut sich die Weite des Meeres auf. Wir können den Besucherandrang verstehen.

Weiter geht es ins Landesinnere, im Umkreis von 95 Kilometern weder Tankstelle noch Supermarkt. Die Straße gehört uns und es kehrt Ruhe ein, endlich auch in den Gedanken. Der Stress und die Anspannung des Alltags lassen spürbar nach. Wir genießen den Anblick dieser wildromantischen Gegend, die allzu oft einem Märchen entsprungen zu sein scheint. Bei diesem Anblick ist es kein Wunder, dass die Isländer fest an Feen und Trolle glauben, die in Steinen wohnen sollen.

Von Robben und Walen
Nordlichter zu sehen - mein sehnlichster Wunsch. Zuvor aber bewundern wir noch Robben und Seehunde in Vatnsnes und umstreifen den Hvitserkur, einen Basaltfelsen an der Ostküste. Es ist ein traumhafter Tag. Wir graben im schwarzen Strand nach Muscheln und erfreuen uns an den vielen verschiedenen Vogelarten. Für das nahe gelegene Museum haben wir leider keine Zeit mehr, denn unser Ziel lautet Akureyri.

Im Norden
Akureyri ist die viertgrößte Stadt Islands, dabei leben hier nur 18.103 Einwohner. Ein gemütliches Städtchen mit herrlichen Süßspeisen, die wir uns bei Kristjánsbakarí einverleiben. Das mit Rum und Zimt gefüllte und großzügig mit Schokolade übergossene Gebäck ist eine Sünde wert - und hält im Auto stundenlang satt. Genau das Richtige nach einer (natürlich umweltfreundlichen) Walbeobachtung, die uns mit dem Boot 40 Minuten gen offene See führt.

Zu unserer großen Freude lassen sich in den nächsten drei Stunden einige der sanften Riesen blicken. Vorwiegend Buckelwale tummeln sich hier im Wasser, ihre massigen Körper und gewaltigen Fluken sorgen bei japanischen Mitreisenden für anhaltendes, laut kundgetanes freudiges Seufzen. Ein tolles Erlebnis, welches durch viele Boote, die ganz nah an die Tiere zusteuern, leider etwas getrübt wird. Wir sind froh, nicht in der Walhauptstadt Europas, Husavik, gebucht zu haben, wo sich noch mehr Anbieter um die Touristen reißen.

Aurealis Borealis
Den Abend verbringen wir mit einigen anderen Touristen in klirrender Kälte in kompletter Dunkelheit. Die Wetterbedingungen für eine Sichtung der Aurealis Borealis scheinen perfekt, das bestätigt uns auch Gastgeberin Ingibjörg. Stundenlang warten wir, leider vergeblich.

Am nächsten Tag steht die Heimreise an. Acht Tage sind wie im Flug vergangen und natürlich auch zu kurz, um die ganze Insel zu erkunden. Auch eine gründliche Erforschung des Hochlandes muss verschoben werden. Gegen Ende der Reise erfüllt sich aber unverhofft doch noch ein Herzenswunsch: Am Weg zum Flughafen zeigt sich ein Nordlicht. Kurz und nicht besonders strahlend, doch definitiv keine Sinnestäuschung. Danke, Odin!

Mara Tremschnig
Mara Tremschnig
Das könnte Sie auch interessieren
Kommentar schreiben

Sie haben einen themenrelevanten Kommentar? Dann schreiben Sie hier Ihr Storyposting! Sie möchten mit anderen Usern Meinungen austauschen oder länger über ein Thema oder eine Story diskutieren? Dafür steht Ihnen jederzeit unser krone.at-Forum, eines der größten Internetforen Österreichs, zur Verfügung. Sowohl im Forum als auch bei Storypostings bitten wir Sie, unsere AGB und die Netiquette einzuhalten!
Diese Kommentarfunktion wird prä-moderiert. Eingehende Beiträge werden zunächst geprüft und anschließend veröffentlicht.

Kommentar schreiben
500 Zeichen frei
Kommentare
324

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Für den Newsletter anmelden