Di, 20. November 2018

"Wollt' nur reden"

31.10.2007 19:49

Sechs Jahre Haft für BAWAG-Geiselnehmer

Der "BAWAG-Geiselnehmer" Günter B. ist von einem Wiener Schwurgericht am Mittwoch zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Der 40-jährige Maler und Anstreicher hatte am 27. Februar 2007 in einer BAWAG-Filiale in der Mariahilfer Straße sechs Bankangestellte mit einer täuschend echt aussehenden Pistolenattrappe stundenlang in Schach gehalten, eher er sich einem Großaufgebot der Polizei ergab.

Das Schwurgericht (Vorsitz: Minou Factor) verhängte damit ein deutlich unter der gesetzlichen Mindeststrafe von zehn Jahren angesiedeltes Strafausmaß, was mit  den besonderen Umständen des Falls begründet wurde. Der wegen erpresserischer Entführung, Freiheitsentziehung und Nötigung schuldig erkannte Geiselnehmer nahm die Strafe an. Die Staatsanwältin gab vorerst keine Erklärung ab. Das Urteil ist daher nicht rechtskräftig.

Milde Strafe trotz "Hardcore-Kriminalität"
Dem Buchstaben des Gesetzes nach handle es sich im vorliegenden Fall zwar um "Hardcore-Kriminalität", dem Angeklagten sei es allerdings primär darum gegangen, "irgendwie Aufsehen zu erregen", führte die Richterin aus. Er habe kein Lösegeld verlangt, sondern "Forderungen gestellt, die sicher marginal sind". Der Geiselnehmer hatte explizit Getränke, Zigaretten, ein Gespräch mit seinem Bruder sowie psychologischen Beistand gefordert.

Zu Beginn des Prozesses legte Günter B. ein umfassendes Geständnis ab. Er habe in der Bank „Hilfe gesucht“ und „mit jemandem reden wollen“, gab er zu Protokoll. Dass er sich dazu einer auf den ersten Blick täuschend echt aussehenden Schusswaffe bediente, erklärte er mit folgenden Worten: „Ich wollte, dass mich wer ernst nimmt.“

Schwer depressiv
Vor zehn Jahren war der Maler und Anstreicher von seiner Freundin verlassen worden, was er offenbar bis zum heutigen Tag nicht so recht verkraftet hat. Er sei immer mehr in Depressionen gestürzt, seine auf Fußballwetten konzentrierte Spielsucht habe sich verstärkt, erzählte er dem Schwurgericht. 2005 habe er zweimal versucht, sich das Leben zu nehmen. Im Otto-Wagner-Spital sei er nach dem zweiten Selbstmordversuch „drei oder vier Stunden“ behandelt worden. Da hätte er erkannt, dass fachärztlicher Beistand nicht hilfreich sei: „Du kommst hin, der Arzt hat fünf Minuten Zeit, des is a ka Lösung.“

Nach einem allein verbrachten Weihnachtsfest und Jahreswechsel habe ihn endgültig der Lebensmut verlassen, berichtete der Angeklagte. Er sei daher entschlossen gewesen, mit einem Stanleymesser in seinem Keller „Schluss zu machen“. Zuvor traf er sich allerdings noch mit seinem Bruder in einem Lokal auf mehrere Bier und einige Runden Schnaps, nachdem er sein gesamtes noch vorhandenes Vermögen von rund 750 Euro behoben hatte.

„Für mi war das a Abschied“
Anschließend begab sich der 40-Jährige in ein Bordell, wo er das restliche Geld ausgab: „Für mi war das a Abschied.“ Gegen 10.00 Uhr Vormittag machte er sich nach einer schlaflosen Nacht auf den Heimweg, stärkte sich in einem Schnellimbiss-Restaurant und kam dann an der BAWAG-Filiale vorbei, die Schauplatz des weiteren Geschehens werden sollte.

Der Mann trat ein, ließ die Angestellten die Eingangstür absperren, bedrohte sie mit der vermeintlich scharfen Waffe - in Wahrheit ein Feuerzeug - die er fünf Minuten zuvor „in irgendeinem Geschäft“ gekauft hatte. Er habe damit Eindruck schinden wollen, „weil reden kann i net“, erläuterte der Angeklagte. Die Bankangestellten habe er gleich wissen lassen, dass er nur mit ihnen reden wolle und dass ihnen nichts passiere, betonte er. Dass sich diese dennoch fürchteten, war ihm klar. „A Angst haben's sicher g'habt, gell“, räumte er auf eine entsprechende Frage der Richterin ein.

Staatsanwältin: „Keine Verharmlosungen!“
Aus seiner Sicht habe sein Vorgehen Sinn gemacht: „Für mi war's okay, so wie i mi unterhalten hab.“ Staatsanwältin Gabriele Mucha sah das anders: „Es hat keine Gruppentherapie auf freiwilliger Basis stattgefunden! Man kann das nicht verharmlosen! Das war kein operettenhafter Auftritt des Angeklagten!“ Die Geiselnahme habe vielmehr zu einem „gigantischen Polizeieinsatz“ geführt, mehrfach hätten sich während der rund fünf Stunden, die diese andauerte, brenzlige Situationen ergeben.

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