Di, 21. August 2018

Freilassung

05.11.2007 12:01

Sieben Tschad-Häftlinge in Europa gelandet

Sieben im Tschad freigelassene Europäer sind am Sonntag an Bord der Maschine des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy in ihre Heimatländer gebracht worden. Sarkozy und drei französische Reporter landeten am späten Abend auf dem Militärflughafen von Villacoublay. Zuvor hatte Sarkozy bei einer Zwischenlandung in Madrid vier spanische Stewardessen abgeliefert, die ebenfalls im Zusammenhang mit der mutmaßlichen Entführung von mehr als hundert Kindern im Tschad festgenommen worden waren.

Bei einem kurzen Treffen mit dem spanischen Regierungschef Jose Luis Zapatero dankten beide dem tschadischen Präsidenten Idriss Deby Itno für seine Hilfe und seine "positive Haltung" in der Affäre um die französische Hilfsorganisation Arche de Zoe. Sarkozy kündigte weitere Bemühungen an, um die restlichen Verhafteten in ihre Heimat zu bringen, und zwar "unabhängig von ihrer Verantwortung" in der Affäre um den Transport von Kindern nach Europa.

Sarkozy hatte am Sonntag bei einem kurzfristig angesetzten Besuch im Tschad zwei Stunden mit Deby verhandelt. Bei dem Gespräch warb er darum, die Inhaftierten in ihren Heimatländern vor Gericht zu stellen. Den sieben Freigelassenen werden die Entführung Minderjähriger, Betrug und Verschwörung vorgeworfen. Zehn Europäer - sechs Franzosen, drei Spanier und ein Belgier - sind weiter in der tschadischen Hauptstadt N'Djamena in Haft.

"Arche de Zoe" wollte 103 afrikanische Kinder aus dem östlichen Tschad ausfliegen, um sie nach eigenen Angaben "vor dem sicheren Tod zu retten". Angeblich handelte es sich um Waisenkinder aus dem Sudan, der östlich an den Tschad angrenzt. Diese Angaben stellten sich aber als unwahr heraus.

Neun Personen weiter in Haft
Die Affäre um den verhinderten Transport angeblicher Waisenkinder aus dem Tschad nach Frankreich ist mit der Freilassung der sieben Europäer aber noch nicht beendet. Sechs Mitarbeiter der umstrittenen Hilfsorganisation Arche de Zoé und drei Piloten sitzen noch immer wegen Kindesentführung in Haft. Etwa 90 Kinder, die eine Familie haben, warten darauf, dass ihre Eltern ausfindig gemacht werden.

Unterdessen stellt sich der französische Präsident Nicolas Sarkozy als Befreier da - obwohl die französische Regierung nach Ansicht von Kritikern in der Affäre ein "jämmerliches Bild" abgegeben hat. Es ist das zweite Mal innerhalb weniger Monate, dass Frankreich sich auf unkonventionelle Weise um die Befreiung von Europäern in Staaten mit zweifelhaften Justizsystemen kümmert.

Im Juli hatte Sarkozy seine damalige Ehefrau Cécilia nach Libyen geschickt, wo bulgarischen Krankenschwestern ein Todesurteil wegen der Infizierung libyscher Kinder mit dem HI-Virus drohte. Die Krankenschwestern kamen frei, Cécilia wurde erst gefeiert, dann kritisiert, und mittlerweile ist sie von Sarkozy geschieden - was allerdings nichts mit den Krankenschwestern zu tun hat.

Freilassung war ohnehin besiegelte Sache
Dieses Mal reiste Sarkozy selbst in den Tschad - nachdem Außenminister Bernard Kouchner sich tagelang nicht öffentlich zu der Affäre geäußert und das Thema der unerfahrenen Staatssekretärin Rama Yade überlassen hatte. Die Bilder der Freigelassenen gaukeln einen Erfolg vor, der eigentlich keiner ist. Auch dem tschadischen Präsidenten Idriss Deby dürfte klar gewesen sein, dass sich die Anklage gegen die Journalisten und die Besatzung des Flugzeuges kaum aufrecht halten lassen würde. Noch ist nicht klar, ob er auch einer Auslieferung der übrigen Verdächtigen an die französische Justiz zustimmt.

Französische Medien haben in den vergangenen Tagen dokumentiert, dass die Regierung sehr früh über die geplante Aktion informiert war. Eric Breteau, der Chef von Arche de Zoé, wurde mehrmals im Außenministerium empfangen. Als er sich uneinsichtig zeigte, wurde die französische Justiz eingeschaltet. Die Botschaften im Tschad und im Nachbarland Sudan sollen ebenfalls informiert gewesen sein. In der ehemaligen Kolonie Tschad sind etwa 1.000 französische Soldaten stationiert. Der französische Geheimdienst dürfte dort ebenfalls gut vertreten sein.

Warum konnte Arche Zoé diese Aktion vorbereiten?
Und dennoch konnten die Mitglieder von Arche de Zoé ihre Aktion wochenlang ungehindert vorbereiten. Es sieht so aus, als ob es ausreichte, den Namen ihrer Organisation zu ändern, um alle von ihrer Spur abzubringen. „Wir haben die tschadischen Behörden rechtzeitig informiert, der Tschad ist ein souveränes Land“, betonte der Regierungssprecher. Bis dahin hatte es Arche de Zoé allerdings schon geschafft, mehr als 100 Kinder aus ihren Dörfern zu holen. Die Frage bleibt offen, warum sie niemand früher daran gehindert hat.

Die politischen Auswirkungen der Affäre sind noch nicht absehbar. Der tschadische Präsident wird vermutlich sein Bestes tun, um von der Situation zu profitieren. Wenn er den Europäern Unrecht vorwirft, stärkt er seine Stellung im eigenen Land. Es scheint auch nicht ausgeschlossen, dass er den von ihm unerwünschten Einsatz einer EU-Truppe im Osten des Landes diskret an neue Bedingungen knüpft.

Untersuchungen in Paris eingeleitet
Premierminister Francois Fillon wies am Samstag den Verteidigungs- und den Außenminister an, Ermittlungen zu den Aktivitäten von Arche de Zoé aufzunehmen, wie Fillons Büro erklärte. Dabei soll untersucht werden, wieso die Organisation ohne Wissen der französischen Botschaft in N'Djamena tätig sein konnte. Ein Bericht soll innerhalb eines Monats vorliegen.

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