Terror-Zelle

Zehn Terrorverdächtige in Deutschland gesucht

Ausland
06.09.2007 21:46
Im Zusammenhang mit den am Dienstag vereitelten Terror-Anschlägen in Deutschland wird laut Bundesinnenministerium noch nach etwa zehn Verdächtigen gefahndet. Das bestätigte der Staatssekretär im Innenministerium, August Hanning, am Donnerstag im ARD- "Morgenmagazin". Die gesuchten Islamisten befänden sich "in Deutschland, zum Teil auch im Ausland", es handle sich um Deutsche, Türken und andere Nationalitäten.

Nach dem Fahndungserfolg gehe aber "von dieser konkreten Zelle keine Gefahr mehr aus", sagte Hanning. Jedoch sei die Gefahr nicht gebannt. "Es bleibt der Auftrag, in Deutschland Anschläge durchzuführen, und dieser Auftrag beunruhigt uns." Der Staatssekretär betonte, auch der vereitelte Terroranschlag weise auf Gefahren durch das Internet hin. Über das Internet werde in der Islamistenszene "indoktriniert und kommuniziert".

Am Dienstag waren drei Terrorverdächtige in Deutschland nach monatelanger Beobachtung festgenommen worden - das Bild oben zeigt einen der Männer. Laut der deutschen Generalbundesanwältin Monika Harms seien damit "massive Bombenanschläge" von islamistischen Terroristen in Deutschland vereitelt worden. Die Verdächtigen sollen einer deutschen Zelle des internationalen Terrornetzwerks "Jihad-Union" angehören und mehrere Anschläge auf Ziele in Deutschland geplant haben. Sie hätten aus Hass auf die USA gleichzeitig Autobomben vor mehreren US-Einrichtungen zünden und so ein möglichst großes Blutbad anrichten wollen, sagten Generalbundesanwältin Monika Harms und der Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, am Mittwoch in Karlsruhe.

Mitglieder der "Jihad-Union"
Die drei Islamisten wollten nach Angaben von Jörg Ziercke, Chef des Bundeskriminalamts (BKA), gleichzeitig Autobomben an mehreren Orten in Deutschland zünden. Die Verdächtigen sind den Ermittlungen zufolge Mitglieder der in Usbekistan ansässigen terroristischen islamischen "Jihad-Union", die Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida hat. Die "Jihad-Union" ist eine in Zentralasien aktive sunnitische Gruppierung. Die deutsche Zelle soll im Winter 2006 gegründet worden sein. 

Ziercke erklärte, die Terrorverdächtigen im Alter zwischen Mitte 20 bis 30 Jahren seien seit sechs Monaten beobachtet worden. Laut Generalbundesanwältin Harms seien alle drei Männer 2006 zur Ausbildung in Terrorcamps der Jihad-Union in Pakistan gewesen.

Nach Angaben von "Stern.de" und "Spiegel Online" handelt es sich bei den Festgenommenen um Fritz G. (28), ein gebürtiger Münchner, Daniel Martin S. (21) aus dem Saarland und den aus der Türkei stammenden Adem Y. (28). Bei Fritz G. und Daniel Martin S. handelt es sich um Deutsche, die zum Islam konvertiert sind. Alle drei Festgenommenen hatten Kontakte nach Pakistan.

Bilder der Terrorverdächtigen gibt es in der Infobox.

Hass auf US-Amerikaner als Motiv
BKA-Chef Ziercke betonte: "Das leitende Motiv der Gruppe in Deutschland ist der Hass gegen amerikanische Staatsbürger." Im Dezember 2006 soll einer der Festgenommenen zwei US-Kasernengebäude in Hanau als potenzielles Anschlagsziel ausgespäht haben. Im Visier der Verdächtigen waren den Ermittlern zufolge von US-Bürgern besuchte Einrichtungen wie Discos, Pubs und Flughäfen. 

Angeblich geplante Anschläge auf den Frankfurter Flughafen und den US-Stützpunkt Ramstein wurden allerdings nicht bestätigt. Der rheinland-pfälzische Innenminister Karl Peter Bruch sagte, Ramstein sei kein konkretes Anschlagziel gewesen.

Männer kauften Chemikalien
Die Männer hatten sich vor ihrer Festnahme zwölf Fässer Wasserstoffperoxid und Material zum Herstellen von Bomben beschafft. Am Dienstag begannen sie in einem angemieteten Haus im nordrhein-westfälischen Medebach-Oberschledorn die Bombe zusammenzubauen. Die Wirkung wäre vergleichbar mit 550 Kilogramm TNT gewesen. Das Sprengmaterial hätte damit ausgereicht, um Bomben mit einer höheren Sprengkraft als bei den verheerenden Anschlägen in Madrid und London 2004 bzw. 2005 zu bauen.

Bilder des Hauses und der Fässer findest du in Infobox.

Merkel fordert mehr Befugnisse für Sicherheitsbehörden
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, Innenminister Wolfgang Schäuble und Justizministerin Brigitte Zypries äußerten sich unterdessen erleichtert über den Fahndungserfolg. Merkel sprach sich als Konsequenz aus den vereitelten Anschlägen für umfangreiche Befugnisse der Sicherheitsbehörden aus. 

Die Lehre aus den Verhaftungen der drei Verdächtigen sei, dass wir "den zuständigen Behörden auch alle Möglichkeiten geben müssen, die Aufklärung zu betreiben", sagte sie am Mittwoch in Berlin. "Es gibt nicht nur eine abstrakte Gefahr, es gibt eine reale Gefahr."

Schäuble zufolge seien die Täter "hoch konspirativ" vorgegangen und hätten mit "hoher Energie" ihre Planungen für Bombenanschläge verfolgt. Zypries wies darauf hin, dass die umstrittene von Schäuble verlangte Online-Durchsuchung für die Festnahmen nicht erforderlich gewesen sei.

"Terroristen zunehmend aus Deutschland selbst"
Nach Einschätzung Schäubles wird Deutschland zunehmend von Terrorismus aus dem eigenen Land bedroht. Für die Ermittlung von Verdächtigen sei die Staatsangehörigkeit kein zuverlässiges Kriterium mehr. "Die Religion ist es ganz sicher auch nicht." 

Wie Protestanten, Katholiken und Religionslose hätten auch Muslime eine besondere Verpflichtung gegenüber der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, sagte Schäuble. "Ich bin gegen einen Generalverdacht", fügte er hinzu. "Wir wollen jetzt auch nicht jeden Konvertiten zum Gefährder machen."

Internationale Reaktionen auf die Festnahmen
Politiker aus aller Welt begrüßten den Fahndungserfolg. US-Präsident George W. Bush zeigte sich nach Angaben eines Sprechers in Washington zufrieden, dass der mutmaßliche Anschlag verhindert worden sei. EU-Innen- und -Justizkommissar Franco Frattini bezeichnete vor dem EU-Parlament in Straßburg die Festnahmen von Terrorverdächtigen in Deutschland und Dänemark als "fantastisches Ergebnis für Europa".

Auch Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) gratulierte nach dem Ministerrat den deutschen Behörden: "Das beweist, dass prophylaktische Sicherheitspolitik Erfolg haben kann." Vizekanzler Wilhelm Molterer versicherte Innenminister Günther Platter (beide ÖVP) seine Unterstützung, sollte dieser zusätzliche Instrumente im Dienste der Sicherheit des Landes benötigen.

Jihad Union auch in Österreich bekannt
Auch in Österreich kennt man die "Jihad Union", bestätigte Innenministeriums-Sprecher Rudolf Gollia am Mittwoch. Allerdings sei hierzulande "keine Struktur" der Organisation vorhanden. Es sei aber möglich, dass es Sympathisanten gebe. "Uns sind jedenfalls keine strafrechtlich relevanten Vorgänge bekannt."

Für den bevorstehenden Papst-Besuch ändert der vereitelte Terroranschlag in Deutschland in punkto Sicherheitsvorkehrungen zunächst einmal nichts: Man evaluiere die Gefahrenlage laufend, derzeit sei keine Änderung der Sicherheitsvorkehrungen nötig, schilderte Gollia.

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