John Butler ist der Ry Cooder des Reggae. Der gebürtige Kalifornier, aber "leibliche" Australier ist ein Meister der Slidegitarre und wendet bei der Arbeit durchaus übliche Methoden an: Um den Sound im Trio aufzufetten, spielt er eine zwölfsaitige Akustikgitarre mit elf Saiten (das hohe G reißt er runter, weil es bei Solis störend ist) über einen E-Gitarren-Verstärker und setzt auf so genannte Open Tunings, stimmt die Saiten also auf einen bestimmten Akkord hin.
Ein weiteres Markenzeichen Butlers ist auch, dass er keine Plektren oder "Fingerhüte" zum Spielen benutzt sondern lange Fingernägel hat und diese mit einer speziellen Tinktur härtet. Im Ernst! All das sind Besonderheit, die man heutzutage bei einer Hand voll Blues-Gitarristen und Keith Richards (der verwendet Open Tunings, weil er zum Umgreifen zu faul ist...) findet. Und bei John Butler eben.
"Grand National" ist im Vergleich zu den beiden anderen JBT-Longplayern (es gab zudem mehrere EPs als Quasi-Singles) das mit Abstand fröhlichste Werk des Trios, bei dem Bassist und Trommler des öfteren wechseln. Bereits der Opener "Better Than" klingt ungewöhnlich melodisch. "Danielle", ein Song John Butlers für seine Ehefrau, kreuzt Funk mit rap-artigen Strophen. Bei der Single "Good Excuse" setzt JBT wieder auf klassische Reggae-Elemente.
Die langen Solis des Vorgängeralbums "Sunrise Over Sea" hat John Butler auf "Grand National" satt. Dafür gibt's Einlagen mit Ukelele und Banjo - auf dem anprangernden "Gov' Did Nothing" (übers.: "Die Regierung hat keinen Finger gerührt") rücken nach vier Minuten sogar Trompete, Posaune und Tuba (!) an. JBT bleiben auch gewohnt kritisch. Der Ökoaktivist John Butler - den Gräsern durchaus nicht abgeneigt - singt auf "Used To Get High" in wunderbar metaphorischer Weise von den Drogen, nach denen die Welt wirklich süchtig ist. Erfolg, Stress, Exzess, Neid und andere böse, böse Dinge.
Fazit: Wer Reggae in der musikalischen Begriffsauffassung - d.h. als eine nach allen Himmelsrichtungen hin offene Musikrichtung - hören will, ist mit JBT bestens bedient. Wer das ganze Jah- und Irie-Geplänkel nicht haben will, sowieso. Und außerdem groovt es wie der Teufel!
10 von 10 bluesigen Rastas
Christoph Andert
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