Mi, 26. September 2018

Kaum Flüchtlinge

16.10.2016 18:51

Unsere Top-Konzerne beschäftigen nur 26 Asylwerber

Vor einem Jahr sahen viele in den Asylsuchenden einen Motor für die Wirtschaft. Daraus wurde aber nichts: Die 40 größten börsennotierten Firmen Österreichs beschäftigen heute gerade einmal 26 Flüchtlinge.

"Was Flüchtlinge der österreichischen Wirtschaft bringen", "Flüchtlinge, die Hoffnungsträger der heimischen Wirtschaft" - es waren schöne Worte, die da vor einem Jahr zu lesen waren in den hübsch verpackten Schlagzeilen der Finanzblätter. Gesagt wurden sie von Experten, die von Wirtschaft eigentlich viel verstehen, von Ökonomen, Forschungsinstituten, Firmenbossen. Und das zu einer Zeit, als die Heimatvertriebenen in Massen nach Deutschland und nach Österreich kamen.

"Viele Flüchtlinge sind jung, gut ausgebildet, hoch motiviert. Genau solche Leute suchen wir doch", sagte der deutsche Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche damals. Geblieben ist davon wenig. Anfang Juli beschäftigten die 30 größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands, die zusammen im Vorjahr einen Umsatz von 1,4 Billionen (!) Euro erwirtschaftet haben, gerade einmal 54 Flüchtlinge.

Milliarden-Umsätze - und nur 26 Flüchtlinge
In Österreich sieht es nicht anders aus. Wer die 40 größten an der Wiener Börse notierten Unternehmen - von A wie Agrana bis Z wie Zumtobel - durchruft, wird bemerken: Angekommen sind die Flüchtlinge in der Wirtschaft noch nicht. Denn die heimischen Top-Unternehmen, die jährlich zusammen weltweit Milliarden-Umsätze machen, beschäftigen in der Heimat aktuell nur 26 Flüchtlinge.

Gründe dafür gibt es viele. Der Flughafen würde gerne, doch wegen der Sicherheitslage ist es problematisch; Lenzing könnte einstellen, aber erst nach Deutschkursen; Zumtobel hat für drei Flüchtlinge ein dreiwöchiges Praktikum gestartet, wegen der Asylverfahren ist aber kein längerer Zeitraum möglich. Mit bestem Beispiel geht die Voestalpine voran. Die Pressefotos zeigen das, was sich viele Wirtschaftsbosse wohl vorgestellt haben: interessierte Flüchtlinge bei der Arbeit, mit ausfüllendem Job und Zukunft.

70.000 Euro Ausbildungskosten pro Lehrling
Der Weg dorthin aber war lange: Bereits im September 2015, also vor mehr als einem Jahr, kündigte die Voestalpine die Schaffung zusätzlicher Lehrstellen an. Stand September 2016: Insgesamt 16 asylberechtigte Jugendliche starten ihre Lehre. Die Herausforderungen seien, so das Unternehmen, klar: "Jene Personen, die sich noch im Asylverfahren befinden, haben keinerlei Zugang zum Arbeitsmarkt. Eine Aufnahme in die Lehrausbildung ist also nur für Menschen mit einem positiven Asylbescheid möglich, wodurch sich der mögliche Teilnehmerkreis einschränkt." Dazu kommen die Kosten - bei der Voestalpine schlägt die Ausbildung pro Lehrling immerhin mit 70.000 Euro zu Buche.

Zu den engagierten börsennotierten Unternehmen zählen noch Porr, Rosenbauer und Kapsch. Das war es dann aber auch schon - einige wenige Firmen haben kleinere Sozialprogramme, beschäftigen allerdings keine Flüchtlinge.

Die größten Hürden für Unternehmen
82% von Österreichs mittelständischen Betrieben sind sehr interessiert, Flüchtlinge zu beschäftigen - das ergibt eine Umfrage des Unternehmensberaters Ernst & Young. Dies wären insgesamt 32.500 heimische Unternehmen. Jede zweite Firma würde sogar schon Menschen aufnehmen, deren Asylverfahren noch gar nicht abgeschlossen ist. Besonders in Industrie, Handel und in der Dienstleistungsbranche ist die Bereitschaft groß. Regional stechen dabei Tirol, Vorarlberg und Wien hervor.

Doch in der Praxis gibt es große Hürden:

  • Für neun von zehn Firmen sind mangelnde Deutschkenntnisse der Flüchtlinge das größte Problem. Seit Jahresbeginn verschlechterte sich dieser Wert sogar.
  • 55% der Betriebe bemerken die fehlende Qualifikation der Asylsuchenden, im Jänner waren es erst 45%. Vorherige flächendeckende "Talente-Checks" seien daher unerlässlich, um passende Mitarbeiter herauszufiltern. Das ginge derzeit allerdings viel zu schleppend.
  • 45% schreckt der hohe bürokratische Aufwand bei der Beschäftigung von Flüchtlingen ab.
  • 44% kritisieren die unklare Gesetzeslage für eine Beschäftigung während noch laufender Asylverfahren.

Die rechtliche Situation der Asylwerber
Asylwerber brauchen eine Beschäftigungsbewilligung. Sie wird in der Regel nur für Saisonarbeit im Gastgewerbe oder in der Landwirtschaft für sechs Monate gewährt. Ansonsten dürfen sie Hilfstätigkeiten in Zusammenhang mit ihrer Unterbringung (zum Beispiel in der Reinigung oder im Küchendienst) oder gemeinnützige Tätigkeiten für Bund, Land oder Gemeinde verrichten.

Personen, deren Asylantrag abgelehnt wurde, die aber vorerst noch in Österreich bleiben dürfen (subsidiär Schutzberechtigte), brauchen keine Beschäftigungsbewilligung, aber eine Bestätigung des AMS. Anerkannte Asylberechtigte sind Inländern gleichgestellt, können also ohne Bewilligung arbeiten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Aktuelle Schlagzeilen
Elfer-Krimi
ManU blamiert sich gegen Lampards Zweitligisten
Fußball International
„Nichts zu bedauern“
Erdogan lobt Özil für Rücktritt aus Nationalteam
Fußball International
In Minute 87
1:1 - Bayern verschenken Sieg gegen Augsburg
Fußball International
5:6 n.V in Innsbruck
Meister Red Bull Salzburg bleibt sieglos
Eishockey
Gegen Ingolstadt
Louis Schaub bereitet Kölns 2:1-Siegtor vor
Fußball International
Historischer Treffer
Harnik-Ferserltor bei Bremens 3:1 gegen Hertha
Fußball International
Altach siegt 2:1
WAC mit lockerem 4:0 ins Cup-Achtelfinale
Fußball National

Newsletter

Melden Sie sich hier mit Ihrer E-Mail-Adresse an, um täglich den "Krone"-Newsletter zu erhalten.