Duzdar über FPÖ:

“Sollten uns der Diskussion nicht verschließen”

Österreich
20.05.2016 16:24

Mit ihr hat Bundeskanzler Christian Kern die erste Muslimin in die Regierung geholt: Muna Duzdar (37) ist die neue Staatssekretärin im Bundeskanzleramt. Zwei Tage nach ihrer Angelobung - der Kanzler lässt sich länger Zeit - spricht die Tochter palästinensischer Einwanderer im Interview mit "Krone"-Journalistin Conny Bischofberger über Extremismus-Vorwürfe, Religions-Etikettierungen, Flügelkämpfe in der SPÖ, ihre Pläne in der neuen Regierung und die FPÖ.

Im Amalientrakt der Wiener Hofburg strömen Touristen über die Alexanderstiege in die Räume des Sisi Museums. Gegenüber residiert die 37-jährige Muna Duzdar, neues Regierungsmitglied im Kabinett Christian Kern. "Es ehrt mich, in dem Zimmer arbeiten zu dürfen, in dem einst Johanna Dohnal gesessen ist", erklärt die Staatssekretärin. Ist ihr Geist noch immer spürbar? "Sie meinen so eine feministische Aura?" Kurze Nachdenkpause, dann meint sie lächelnd: "Ja, warum nicht?"

"Krone": Frau Duzdar, in London wurde ein Moslem Bürgermeister, in Wien wurden Sie Staatssekretärin. Sehen Sie eine Parallele?
Muna Duzdar: Ich kenne den Londoner Bürgermeister nicht persönlich, habe aber nur Gutes über ihn gehört. Ich gehe davon aus, dass er nicht Bürgermeister geworden ist, weil er Moslem ist. Er muss die Menschen angesprochen haben, sonst hätte ihn nicht die Mehrheit der Londoner Bevölkerung gewählt. Ich persönlich habe keine Parallele zu mir gezogen, aber auch ich will nicht darauf reduziert werden, dass ich Muslimin bin. Ich übe die Religion auch nicht aus.

"Krone": Trotzdem ist Ihre Ernennung eine kleine Sensation, für viele - Stichwort Israel - auch eine Provokation. Können Sie das nachvollziehen?
Duzdar: Es ist normal, dass es darüber Diskussionen gibt. Ich bin das erste Regierungsmitglied mit Migrationshintergrund - aber auch die erste Kaisermühlenerin! Das ist natürlich etwas Besonderes. Deswegen bin ich aber nicht Staatssekretärin geworden, sondern weil ich eine entsprechende Ausbildung einbringe und doch schon länger in der Politik bin.

Reibebaum für Integrationsminister Kurz: Staatssekretärin Duzdar (Bild: Peter Tomschi)
Reibebaum für Integrationsminister Kurz: Staatssekretärin Duzdar

"Krone": Wie fanden Sie Norbert Hofers Äußerung, er würde Sie nicht angeloben, wenn Sie Kopftuch tragen?
Duzdar: Deplatziert! Aber ich muss nicht alles kommentieren, was Norbert Hofer sagt. Ich trage kein Kopftuch. Punkt.

"Krone": Er hat es damit begründet, dass das Kopftuch ein Symbol für die Unterdrückung der Frau sei.
Duzdar: Das wird unterschiedlich gesehen.

"Krone": Wie sehen Sie es?
Duzdar: In einer demokratischen Gesellschaft herrscht Religionsfreiheit, und wenn Frauen Kopftuch tragen wollen, dann soll es in ihrer freien Entscheidung liegen, ob sie das tun oder nicht.

"Krone": Es gibt den Vorwurf, Sie hätten eine Top-Terroristin nach Wien eingeladen, Sie haben das dementiert. Ärgern Sie sich über diese Angriffe?
Duzdar: Es sind Versuche von bestimmten politischen Gruppierungen, Unwahrheiten gegen mich zu verwenden. Ich finde das schäbig. Ich würde nie jemanden angreifen aufgrund seiner Herkunft oder aufgrund seines familiären Hintergrundes.

"Krone": Sie sind die Tochter von palästinensischen Einwanderern und Präsidentin der österreichisch-arabischen Gesellschaft. Können Sie alle Religionen neutral vertreten?
Duzdar: Palästina ist kein Kultus, Palästina hat auch nichts mit dem Islam zu tun, es gibt ja auch sehr viele christliche Palästinenser. Jesus stammte auch aus Nazareth. Ich stehe auf überhaupt keiner Seite. Nie im Leben würde ich irgendeine Religion bevorzugen.

Conny Bischofberger im Gespräch mit Muna Duzdar (Bild: Peter Tomschi)
Conny Bischofberger im Gespräch mit Muna Duzdar

"Krone": Ihre Bestellung sei ein wichtiges Symbol, hat Christian Kern gemeint. Wofür?
Duzdar: Für das Abbild der Gesellschaft in der Regierung. Ich denke, Christian Kern ist es darum gegangen, Frauen in der Regierung zu haben, und in meinem Fall eine Frau mit Migrationshintergrund.

"Krone": Sie sind zweisprachig aufgewachsen, haben an der Pariser Sorbonne studiert, sind selbständige Anwältin. Was ist Ihre Formel für gelungene Integration?
Duzdar: Bildung, Bildung und noch einmal Bildung. Meinen Eltern war Bildung immer sehr wichtig. Ich habe geschwächelt in der Volksschule, weil ich zu Hause nur Arabisch gesprochen habe, meine Eltern haben mir Nachhilfe gezahlt. Aber mit meinen Geschwistern spreche ich Deutsch.

"Krone": Der "Standard" hat geschrieben, weil Sie eine Frau seien mit Migrationshintergrund, dezidiert links, eine Kritikerin Werner Faymanns, müssten Sie sich von ganz rechts und vom Boulevard auf etwas gefasst machen. Fürchten Sie das auch?
Duzdar: Ich gehe nicht davon aus, dass die Zeitungen automatisch negativ über mich schreiben, nein.
"Krone": Würden Sie sagen, dass Sie dem linkslinken Flügel der SPÖ angehören?
Duzdar: Ich habe linke Positionen und zu denen stehe ich.

"Krone": Waren Sie beteiligt am Putsch gegen Werner Faymann?
Duzdar: Ich muss Ihnen ehrlich gestehen, darüber weiß ich nichts. Ich kann daher nicht sagen, was im Hintergrund gelaufen ist. Ich war nicht dabei.

Der Wegweiser zum Büro der neuen Staatssekretärin im Bundeskanzleramt (Bild: Peter Tomschi)
Der Wegweiser zum Büro der neuen Staatssekretärin im Bundeskanzleramt

"Krone": Wo waren Sie am 1. Mai?
Duzdar: Auf dem Rathausplatz. Aber ohne Taferl.

"Krone": Gerhard Zeiler hat im ORF erklärt, er habe seit einem Jahr mit Christian Kern den Wechsel geplant.
Duzdar: Ich glaube, dass das alles stark übertrieben wird. Putsch, Verschwörung. Ich kann nur sagen: Mir war davon nichts bekannt.

"Krone": Wird Kern die Grabenkämpfe beenden können?
Duzdar: Ich bin überzeugt davon. Es gibt jetzt eine Aufbruchsstimmung in der Partei, und auch in der Gesellschaft. Christian Kern hat den Zustand der SPÖ so beschrieben: "In der Sozialdemokratie gibt es die Doskozils und die Duzdars." Ich finde, das ist ein sehr schönes Bild. Eines, das mir zur Ehre gereicht.

"Krone": Was hatten Sie gegen Werner Faymann?
Duzdar: Ich war einfach sehr enttäuscht über das schlechte Ergebnis für die Sozialdemokratie bei der Präsidentenwahl und ich war der Meinung, dass man darüber diskutieren muss.

"Krone": Haben Sie das Faymann persönlich gesagt?
Duzdar: Nein, ich hatte nicht die Gelegenheit dazu. Aber ich denke, es war ein sehr guter Schritt, den er gemacht hat, das spricht für ihn.

Muna Duzdar (Bild: Peter Tomschi)
Muna Duzdar

"Krone": Schätzen Sie Sebastian Kurz?
Duzdar: Ich schätze ihn wie jeden anderen Minister auch.

"Krone": Wurden Sie gegen den ÖVP-Integrationsminister positioniert?
Duzdar: Das weiß ich nicht. Ich habe meine klaren inhaltlichen Standpunkte, und es wird sich zeigen, ob sie sehr von seinen abweichen. Ich bin jedenfalls offen für alle Gespräche.

"Krone": Wie würden Sie reagieren, wenn die ÖVP die harte Linie in der Flüchtlingspolitik fortsetzt oder sogar ausweitet?
Duzdar: In einer Demokratie entscheiden die Mehrheiten, und wenn sich eine breite Mehrheit dafür entscheidet, dann muss man das akzeptieren.

"Krone": Auch wenn sich die SPÖ Richtung FPÖ öffnen sollte?
Duzdar: Wir sollten uns der Diskussion nicht verschließen. Aber es muss eine inhaltliche Auseinandersetzung sein, wo es um Grundwerte geht. Mit der FPÖ soll man auf der Basis von Grundsätzen diskutieren.

Steckbrief
Geboren am 22. August 1978 als Tochter palästinensischer Eltern in Wien. Ihr Vater war Angestellter bei der UNIDO, ihre Mutter Hausfrau. Duzdar hat fünf Geschwister. Die 37-Jährige ist selbstständige Anwältin und war davor bei der Mietervereinigung, der SJ und im EU-Parlament. Am Dienstag wurde die ehemalige Bundesrätin und Wiener Gemeinderätin von Bundespräsident Heinz Fischer als neue SPÖ-Staatssekretärin im Bundeskanzleramt angelobt.

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