Vergesst Britney!

Christina ist scharf unterwegs

Musik
21.08.2006 20:33
Wir wollten ja niemals nie sagen, aber so sieht’s derzeit aus: Christina Aguilera wird nie wieder „dirrty“ und „Xtina“ sein. Mit ihrem neuen Album „Back to Basics“ läutet sie für sich eine neue Ära nach den ersten sieben Jahren Schlampen-Image ein: Eleganter, sinnlicher, natürlicher aber dadurch nicht weniger – verzeiht den Ausdruck – „scharf“ ist die neue Aguilera. Auf ihrer dritten Platte präsentiert sie mit gleich 21 Songs die Runderneuerung: einen kontrastreichen Mix aus 20er-Jahre-Chansons und lasziv-jazzigen Pop mit dem arroganten Charme von todsicherem R’n’B. Da kann man nur eines sagen: Vergesst Britney!
kmm

Obwohl es auf „Back to Basics“ noch einen Song gibt, der „Still Dirrty“ heißt, hört man die Botschaft klar durch: „Xtina“ hat der Welt Goodbye gesagt. Sorry, Jungs: Man wird Christina Aguilera nicht mehr mit Schlamm beschmiert im Boxring stehen sehen, sie wird ihr Becken nicht mehr extra weit in die Kamera recken und auch nicht mehr auf die Jeans unter den Cowboy-Hosenbeinen vergessen. 

Schade eigentlich. Aber halt! Es gibt noch Trost: Für all jene, die das jetzt noch nicht verkraften können, haben wir in der Infobox einen Link zu sämtlichen Aguilera-Videos der letzten Jahre. Verabschiedet euch erstmal in aller Ruhe von Xtina und sagt dann hier wieder Hallo zur neuen Christina...

Ganze 21 Songs hat Miss Aguilera, die ihre Laufbahn wie Britney Spears und Justin Timberlake als Moderatorin beim mittlerweile berüchtigten und auch abgesetzten Mickey-Mouse-Club begonnen hat, für „Back to Basics“ eingesungen. Und das mit nahmhafter Unterstützung, denn keine geringere als Linda Perry, Pink-Produzentin und Ex-Frontfrau der Four Non Blondes, hat für Christina den Federkiel geschwungen. 

Ihr gemeinsames Material haben die beiden ziemlich klar, nach Genres getrennt, auf zwei CDs aufgeteilt: Auf Silberling Nummer eins befinden sich sämtliche R’n’B-Songs inklusive der aktuellen Single „Ain’t No Other Man“. Auf der zweiten CD lebt Christina ihre jazzige Ader aus: Dort begegnet man Streichorchestern („Welcome“), mahlenden BigBand-Sounds („Nasty Naughty Boy“) und einer grandios-bluesigen Akustik-Ballade („Save myself“).

Seit sie 1999 als Teenie-Blondchen mit „Genie in a Bottle“ – kurz nachdem Britneys Watschen-Aufforderung „Hit Me Baby One More Time“ niemand ernsthaft nachkommen wollte – das Pop-Biz enterte, hat sich die mittlerweile 26-Jährige fast ununterbrochen verändert. Als Vorbote ihres ersten großen Imagewandels kam die Mitarbeit am Moulin-Rouge-Soundtrack mit dem Cover von „Lady Marmelade“. 

Mit „Dirrty“ legte sie dann wenig später, 2002, eines der im wahrsten Sinn des Wortes schmutzigsten Videos nach, die je auf MTV liefen. Das kostete sie im prüden Amerika sogar ein paar Fans und finanzielle Verluste, die ihr aber sicher kein Kopfweh bereitet haben. Kurzum: Das zweite Album „Stripped“ verkaufte sich in den USA aufgrund ihres sexualisierten Images nicht annährend so gut wie ihr klinisch sauberes Debüt. In Europa ging’s für die gebürtige Amerikanerin mit den väterlichen Wurzeln in Ecuador damit aber erst so richtig los – bei uns hält man halt doch ein bisschen mehr Hitze aus...

Nach der Aufregung über „Dirrty“ überraschte sie mit den Videoclips zu den nächsten zwei Singles aus „Stripped“: Die Songs „Beautiful“ und „Fighter“ waren zwei unerwartet starke Statements gegen Bulimie und Schönheitswahn. In den Klatschspalten, aber auch in den Modemagazinen wurde sie spätestens danach gehypt, musikalisch ging’s aber genau ab hier wieder bergab. 

Auf das mäßige „Can’t Hold Us Down“, das als erste ihrer Singles weltweit nirgendwo Nummer eins wurde und mit einem Praller-Hintern-Tiefes-Dekolletee-Clip den emanzipatorischen Tenor des Songs vollkommen verfehlte, folgte das noch schlechtere „The Voice Within“, dem paradoxerweise ganz und gar die Stimme fehlte. Nach 2004 wurde es still um Christina. Sie heiratete ihren Freund Jordan Bratman und lieferte sich keine privaten Skandale mehr – sieht man einmal davon ab, dass sie hin und wieder in betrunkenem Zustand, mit durchsichtigem T-Shirt oder im Marylin-Monroe-Look den Paparazzi vor die Linse torkelte. Aber immerhin wusste die Welt danach, dass sie trinkfester als Avril Lavigne ist und rechts ein Brustwarzenpiercing trägt...

Jetzt, 2006, macht Christina Aguilera endlich wieder mit Musik auf sich aufmerksam. „Back to Basics“ ist abermals eine Weiterentwicklung für die Vollblutsängerin, der man sicherlich vieles vorwerfen kann, aber nie, dass sie sich nicht „fortgebildet“ hätte. Die R’n’B-Masche zieht immer noch hervorragend und die Songs der ersten CD des Albums geben was her. Die synthetisierten 20er-Jahre-Saxofone, das immanente Kratzen dieses Uralt-Grammofons und nicht zuletzt die ruhige, aber entschlossene Produzentinnenhand von Linda Perry, die weiß, was sie will und was Künstler brauchen. Das alles ergibt eine hübsche Aneinanderreihung interessanter Songs. 

Highlight ist aber nicht die erste Seite, das muss man sagen. So viel Jazz-Spirit, wie sie bei Songs wie „I Got Trouble“, dem zuckersüßen „Candyman“ oder bei der an Jesus höchstpersönlich adressierten Beichte „Mercy on Me“ beweist, hätte man ihr auf Anhieb gar nicht zugetraut. Hier spielt sie die Stärken ihres lauten Organs und den durchaus bemerkenswerten Stimmumfang aus, für den Britney sie noch beneiden wird, wenn die beiden längst Großmütter sind. Hier bewegt sie sich auch ungewohnt weit vom Mainstream weg - sofern man das in dieser Position halt tun kann... 

Musikalischer Höhepunkt – an dieser Stelle sei ans oben erwähnte Prädikat „scharf“ erinnert – ist die Nummer vier auf der zweiten Platte, „Nasty Naughty Boy“. Zu einem trägen BigBand-Beat und leiernden Posaunen säuselt Miss Aguilera süße Worte ins Mikrofon. „I give you some Uh-La-La“ und „Let my Body do the talking“...

Als sie schließlich „Taste the Sweet on my Waist“ aus dem Lautsprecher flüsterte, ungefähr da kam die Eingebung: Und nie mehr sollt ihr begehren nach plumpen Worten wie „Let’s get dirrty“!

10 von 10 Runderneuerungen mit dem gewissen X-Factor


Christoph Andert

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Musik
21.08.2006 20:33
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.

Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.

Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.

Top 3
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung